Amtsgericht

P. kommt nach 13 Jahren hinter Gittern in geschlossene Klinik

Schizophrener Messerstecher therapierbar?

Schizophrener Messerstecher therapierbar?

Vor 16 Jahren stach der psychisch kranke Patient auf seinen Pfleger ein. Seither wurde er verwahrt. Heute ordnete das Gericht eine stationäre Massnahme an. Der 38-jährige sei bereit für eine Therapie.

1999 hat er beinahe einen Psychiatriepfleger erstochen. Drei Jahre später verurteilte das Obergericht ihn wegen versuchten Mordes. Nun entschied das Amtgericht neu: die Verwahrung wird aufgehoben, und Peter P.* kommt in eine geschlossene Klinik.

Ein psychisch kranker Mann sollte nicht für immer im Gefängnis «versorgt» werden, wenn eine Möglichkeit der Therapie besteht. Zu diesem Schluss kam das Amtsgericht Solothurn-Lebern am Dienstag und hob eine vor 13 Jahren verfügte Verwahrung auf. Das Gericht ordnete stattdessen für den heute 39-jährigen Peter P.* eine Therapie in der geschlossenen Klinik Rheinau an.

Schon als 17-Jähriger lebte Peter P. in der psychiatrischen Klinik. Dort stach er 1999, gerade 23-jährig, im psychotischen Wahn mit einem Küchenmesser auf einen Pfleger ein. 2002 wurde er vom Solothurner Obergericht wegen versuchtem Mordes verurteilt und gleichzeitig wegen Unzurechnungsfähigkeit von Strafe freigesprochen. Das Obergericht verfügte damals nach altem Recht die Verwahrung, welche 2007 vom Amtsgericht Solothurn-Lebern nach neuem Recht bestätigt wurde.

Positive Veränderung

«Es war die einzige schwere Gewalttat, die er begangen hat, und er stand damals auch noch unter dem Einfluss aller möglicher Drogen», sagte die Mutter in einer Verhandlungspause. «Es steht schlecht um die Schweiz, wenn man psychisch kranke Menschen wie meinen Sohn im Gefängnis versorgt, weil es keinen Platz in einer psychiatrischen Klinik hat. Auf dem Thorberg ist er immer mehr verkümmert. In der Klinik Rheinau könnte man ihm helfen.»

Bei Peter P. waren sich die Ärzte eigentlich immer darüber einig, dass er unter einem Hirnschaden leidet und an schwerer, psychotischer Schizophrenie erkrankt ist. Auf dem Thorberg ist eine angemessene Behandlung der Krankheit nicht möglich. Dies bestätigte sogar Wolfram Engelhardt, der in der Berner Strafanstalt die Verantwortung für die forensische Psychiatrie trägt. «Peter. P. wurde falsch platziert. Er hätte nicht in eine Vollzugsanstalt gehört, aber es gab damals für ihn keinen Platz in einer entsprechenden psychiatrischen Klinik.»

Engelhardt war eine von vier Fachpersonen, die das Gericht in diesem Fall anhörte. Das sind ungewöhnlich viele Experten, und alle waren sich einig: Seit Peter P. auf eigenen Wunsch in der Klinik Rheinau behandelt wird, hat er sich positiv verändert. Und das sind noch nicht einmal drei Monate.

Die Verwahrung ist das allerletzte Mittel der Justiz, um die Gesellschaft vor gefährlichen, nicht therapierbaren Menschen zu schützen. Deshalb nimmt die Klinik Rheinau eigentlich keine «Verwahrten» auf. Um die neue Therapie, die offensichtlich angeschlagen hat, weiterführen zu können, war deshalb auch Oberstaatsanwalt Hansjürg Brodbeck der Meinung, dass die Verwahrung aufgehoben werden sollte.

«Peter P. ist in unserem System zwischen Stuhl und Bank gefallen», sagte Rechtsanwalt Remo Gilomen in seinem Plädoyer. «Man hätte schon viel früher etwas unternehmen müssen. Schon 2007 gab es neue Behandlungsmöglichkeiten. Aber die Gesellschaft hat Peter P. im Gefängnis versorgt. Es ist an der Zeit, ihm richtig zu helfen.» Er habe es verdient, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Das sei nur durch die Aufhebung der Verwahrung und die Anordnung einer stationären Massnahme in der Klinik Rheinau möglich.

Kleinere Rückfallgefahr

Was sämtliche Parteien beantragt hatten, das wurde schliesslich auch vom Amtsgericht verfügt: Es hob die Verwahrung zugunsten einer stationären Therapie auf. «Durch eine stationäre Massnahme besteht eine grosse Möglichkeit, dass die Rückfallgefahr kleiner wird», sagte Gerichtspräsident Rolf von Felten anlässlich der Urteilsbegründung. «Was wir heute von den Fachleuten gehört haben, hat ein deutliches Bild ergeben, was dem Gericht die Entscheidung erleichtert hat.» Eine wirklich wirksame Therapie sei im Strafvollzug für einen schizophrenen Patienten nicht möglich. Der Gerichtspräsident fand sogar, dass mit dem heutigen Wissen 2002 keine Verwahrung angeordnet worden wäre.

Die gesamten Verfahrenskosten werden dem Staat auferlegt. Das Gericht wolle die deutlich erkennbaren, positiven Entwicklungen nicht gefährden. «Dass Peter P. je selbstständig und alleine leben kann, ist unwahrscheinlich. Aber vielleicht ist irgendwann eine Unterbringung im betreuten Wohnen möglich», sagte der Gerichtspräsident.

*Name von der Redaktion geändert

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