Biografie
Otto Stich: Ein unbequemer (Zeit-)Genosse erinnert sich

Als 85-Jähriger hält alt Bundesrat Otto Stich Rückschau auf sein Politiker-Leben. In seiner Biografie mit dem Titel «Ich blieb einfach einfach» tut er dies schnörkellos, in einfacher Sprache - und auf bloss 140 Seiten.

Fränzi Rütti-Saner
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Otto Stich legt seine Memoiren vor. om

Otto Stich legt seine Memoiren vor. om

Alt Bundesrat Otto Stich legt seine Memoiren vor, ganz anders – aber typisch Stich – als viele seiner Politikerkollegen im In- und Ausland. Bloss 140 Seiten genügen dem heute 85-Jährigen, über sein Leben und seine Politkarriere Rückschau zu halten. Er tut dies schnörkellos und in einfacher Sprache, ehrlich und noch immer zutiefst überzeugt, dass seine Arbeit richtig war.

Otto Stich wurde 1927 als jüngster Sohn einer Arbeiterfamilie in Dornach geboren. Sein Vater arbeitete als Mechaniker bei der Brown Boveri in Münchenstein und wurde 1932 arbeitslos. Ein einschneidendes Erlebnis für den Fünfjährigen, denn eine Arbeitslosenversicherung gab es damals nicht. Um nicht armengenössig zu werden, nimmt der Vater eine Arbeit bei einem Bauern an. Ein weiteres prägendes Ereignis für Stich war der beginnende Krieg. Als der Vater eingezogen wurde, wollte ihn der 12-Jährige begleiten: «‹Ich will mit dir zu den Soldaten gehen›, sagte ich. Er lächelte kurz und meinte: ‹Ich weiss nicht, wann ich wieder nach Hause komme. Siehst Du die vielen Bohnen und Kartoffeln, die Beeren und das Obst? Wenn ihr diesen Winter etwas zu essen haben wollt, dann musst Du dafür sorgen, dass alles rechtzeitig in den Keller kommt. Damit musst Du jetzt beginnen.›»

Er wollte Lehrer werden

Das gut rechnende – weniger gut schreibende – Arbeiterkind will Lehrer werden. Keine einfache Sache in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts. Während des Krieges war das Heizöl knapp, so blieb die Bezirksschule im Januar geschlossen. Und wieder schildert Stich ein Jugenderlebnis, dass er nie vergass. «In dieser Zeit leistete ich als Mitglied der Dornacher Ortswehr einen Hilfsdienst in einem Quarantänelager in Olten. Im Lager waren vor allem fahnenflüchtige Deutsche einquartiert. Ich schlief zusammen mit der Wachmannschaft im gleichen Raum wie die Internierten. Gespräche gab es kaum. Doch in der Nacht hörten wir immer wieder Internierte aufschreien, wenn sie im Traum ihre Kriegserlebnisse verarbeiteten. Diese Schreie werde ich nie vergessen.»

Obwohl Zu hause viel und heftig diskutiert wurde, kam der junge Stich per Zufall mit der aktiven Politik in Berührung, beschreibt er. Zunächst wurde er Mitglied der örtlichen Finanzkommission, später wurde er als 30-Jähriger bereits Gemeindeammann von Dornach. Es folgte die knappe Wahl in den Nationalrat 1964. Doch der Realpolitiker machte sich mit seiner trockenen und unbeirrbaren Art bei seinen Parteigenossen, die vom 68er-Geist beflügelt waren, nicht immer beliebt. Höhepunkt waren die Auseinandersetzungen mit der politischen SP-«Viererbande» Hubacher, Renschler, Uchtenhagen und Gerwig, erzählt Stich. Seine Annahme der Wahl als Bundesrat, gegen den Willen seiner Partei, sorgte für eine Zerreissprobe. Es folgen die Schwerpunkte seiner Arbeit als Finanzminister wie die Neat-Diskussionen, der Fall Kopp oder der IWF-Beitritt. Einordnend sind im Buch drei Kapitel von Publizist Ivo Bachmann eingefügt. Und einige Stich’sche Lebensweisheiten, wie diese: «Jede Medienkampagne geht einmal vorbei. Man muss nur aufrichtig und aufrecht bleiben, man muss nur standhaft bleiben.»

Stich, Otto: Ich blieb einfach einfach. Basel, Verlag Johann Petri. Fr. 28.–, 140 S.