Elisabeth Pfluger, als Bauern- und Wirtstochter in Härkingen aufgewachsen, erzählt: «Die drei letzten Tage der Fastenzeit konnten wir Kinder fast nicht erwarten.» Es seien Tage gewesen, an denen man keinen Lärm oder laute Spiele machen durfte. «Es lag viel Erwartung und viel Geheimnisvolles in der Luft. Vieles kam einem als Kind komisch und anders vor als sonst.» Vor allem auch, weil es drei hintereinander folgende Abstinenztage oder «Fleischlos-Tage» waren. «Wir fünf Geschwister hatten das noch so gerne, weil wir nicht sehr gerne Fleisch assen», berichtet Pfluger und schmunzelt.

«Am Gründonnerstag versuchte unsere Mutter immer, etwas Grünes auf den Tisch zu bringen, entweder Nüssli- oder Brunnenkressesalat.» Elisabeth Pfluger weiss, dass in manchen Familien neun verschiedene grüne Kräuter gesucht, fein geschnitten und unter die Suppe gemischt wurden. Man verwendete junge Löwenzahnblätter, Schafgarbe, Kerbelkraut, Hasenklee, Sauerampfer, Schnittlauch, Peterli, Brunnenkresse und Bärlauch. «Man bereitete einen Salat daraus und gab noch ein paar dicke Eier mit hinein, denn die Gründonnerstagseier sollen über einen besonders guten Geschmack verfügen», habe es geheissen.

Doch die Volkskundlerin hebt hervor: Das Wichtigste für sie sei am Gründonnerstag etwas anderes gewesen, nämlich das mit den Glocken. «Alle Kirchenglocken fliegen an Gründonnerstag nach Rom, sagten meine älteren Geschwister. Dort würden sie vom Papst gesegnet und bekämen zur Stärkung eine dicke Mehlsuppe mit frischen Brotkrümeln. Danach würden sie wieder zurückfliegen, damit sie am Karsamstag zur Auferstehung von Jesus wieder läuten könnten. So ‹halb-halb› glaubte ich die Geschichte.»

In der Messe am Gründonnerstag beneidete die kleine Elisabeth dann vor allem die Messdiener, wenn sie ihre Glöckchen so heftig wie nur möglich zum Gloria schlugen. Denn ab dem Sanctum mussten oder durften sie die hölzernen Klappern, oder Rären nehmen. Diese waren dann bis zum Gloria am Karsamstag in Betrieb. So lange durften keine Glocken mehr läuten. Nach der Messe ging es so weiter: «Die grösseren Dorfbuben machten am Abend mit ihren grossen hölzernen Rären Lärm und sorgten damit für ein «Tschuderen» in der Dorfbevölkerung. Wie wünschte ich mir doch damals, ein Junge zu sein, nur damit ich auch einmal «rären» konnte.»

Der Karfreitag habe seinen ganz eigenen Charakter gehabt. «Es war kein Sonntag, aber auch kein Werktag, ein sogenannter «Halbsunntig.» Elisabeth Pfluger weiss, dass am Morgen und am Nachmittag das ganze Dorf zur Messe ging und beide Male die Kirche komplett besetzt war. Man zog sich an Karfreitag die etwas schöneren Werktagskleider an, trug aber keinen Hut. Den Mädchen, so auch der kleinen Elisabeth, wurden schwarze Haarschleifen in die Zöpfe geflochten. «Die Schuhe mussten so sauber wie möglich geputzt werden, aber ohne Wichse», befahl die Grossmutter von Pfluger.

Und es gab weitere Regeln: Man durfte zwar arbeiten, aber alles, was mit Erdarbeiten zu tun hatte, musste vermieden werden. Pfluger: «So wurde mehrheitlich geputzt und gewischt, oder Mist geführt. Die Kinder haben den Auftrag erhalten, die Hofstatt zu putzen. Doch aufpassen mussten wir auf Ameisen- oder Mäusehaufen. Einerseits durfte nicht an die Erde gestossen werden und andererseits durfte an Karfreitag keinem Lebewesen – und sei es noch so klein – etwas angetan werden. So lasen wir dürre Äste zusammen, schichtete sie auf und zündeten sie an.» All das musste möglichst still und andächtig getan werden. Die Handwerker durften ihrem Handwerk nachgehen, allerdings mussten auch sie alle Erd-Arbeiten vermeiden und durften an diesem Tag kein Geld entgegen nehmen. Auch hat man an Karfreitag nur wenig gegessen. Am Morgen gab es Mehlsuppe mit einem kleinen Stück Brot, zum Mittagessen ein dicker Brei aus gedörrten Kirschen mit gerösteten Brotwürfeln und am Abend Kaffee und geschwellte Kartoffeln.

«Am Karsamstag wischten wir Kinder den Hausplatz nochmals so sauber, dass man darauf hätte essen können. Das machten wir aber – ehrlich gesagt – weniger wegen dem gestorbenen Heiland, sondern eher, um beim Osterhasen ein paar Punkte schinden zu können», erinnert sich die ehemalige Lehrerin. Die grösseren Buben hätten unterdessen das Osterfeuer bewacht und brachten zur Mittagszeit die Osterscheite nach Hause. Diese geschwärzten Holzscheite wurden mit einem Loch versehen und anschliessend an der Hauswand ein ganzes Jahr lang aufgehängt. Das sollte Glück bringen und vor Blitzschlag schützen.

«Am meisten freuten wir uns an Karsamstag auf die Messe mit der Auferstehungsfeier am Abend.» Vorne im Kirchenchor wurde aus Kulissen ein Grab mit einer Jesusfigur aufgebaut und zwei Engel mit Kerzen daneben gestellt. «Und der Jesus, ein junger Mann mit einem weissen Gewand, ist dann auch tatsächlich auferstanden», erinnert sich Pfluger und lacht.