Nachbau
Originalgetreu nachgebaut und nach 15 Jahren endlich tauglich zum Fliegen

Die «Nieuport Memorial Flyers» arbeiten an einem originalgetreuen Jagdflugzeug aus dem Ersten Weltkrieg. Den Belastungstest hat das Flugzeugt zumindest schon bestanden.

Peter Brotschi
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Das Flugzeug liegt auf dem Rücken, und die Flügel sind mit Volllast beladen. Hinter dem Vorhaben, den Doppeldecker nachzubauen, stecken die «Nieuport Memorial Flyers» aus dem Gäu.

Das Flugzeug liegt auf dem Rücken, und die Flügel sind mit Volllast beladen. Hinter dem Vorhaben, den Doppeldecker nachzubauen, stecken die «Nieuport Memorial Flyers» aus dem Gäu.

Die «Nieuport Memorial Flyers» aus dem Gäu sind einen wichtigen Schritt weiter auf ihrem Weg zu einem originalgetreu nachgebauten Jagdflugzeug aus dem Ersten Weltkrieg. Der Belastungstest ist bestanden. Damit ist der Beweis erbracht, dass das Flugzeug seitens der Flügel als flugtauglich bewertet werden kann.

Seit rund 15 Jahren sind die «Nieuport Memorial Flyers» an der Arbeit, um ein historisches Jagdflugzeug originalgetreu nachzubauen. Es ist die Nieuport 23 C-1, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs auch bei der Schweizer Luftwaffe zum Einsatz kam. Hinter dem Vorhaben, nach hundertjährigen Plänen einen militärischen Doppeldecker nachzubauen, stehen die beiden Gäuer Kuno Schaub und Isidor von Arx.

Beide sind leidenschaftliche Aviatiker. Kuno Schaub, bekannter Geigenbauer aus Neuendorf, besitzt einen Bücker-Doppeldecker, hat inzwischen aber mit dem aktiven Pilotieren aufgehört, während Isidor von Arx seine Karriere als Kunstflugpilot im Jahr 2015 mit dem Titel eines Schweizer Meisters krönen konnte.

Der Bau eines historischen Flugzeugs von 1917 bedeutet unzählige Abklärungen, Recherchen, Herstellen von Werkstücken, Verwerfen von Ideen und Verarbeiten von Rückschlägen. Nun hat das Duo auf dem Weg zum fliegenden Replika-Jagdflugzeug eine wichtige Etappe erreicht. Wenn ein Flugzeug gebaut wird, muss der sogenannte Belastungstest durchgeführt werden. Das gilt für alle Flugzeuge, vom Verkehrs- bis zum Segelflugzeug. Dabei werden die Tragflächen mit Gewichten bis zu einem Punkt beladen, welcher der höchstmöglichen Belastung im Flug entspricht.

Isidor von Arx (vorne) und Kuno Schaub besprechen die Konstruktionsdetails. Der Bau eines Flugzeugs von 1917 bedeutet unzählige Abklärungen.

Isidor von Arx (vorne) und Kuno Schaub besprechen die Konstruktionsdetails. Der Bau eines Flugzeugs von 1917 bedeutet unzählige Abklärungen.

Grossaufmarsch in Werkstatt

Der Test bedeutete einen Grossaufmarsch in der Nieuport-Werkstatt, die sich im Moment noch in der Industriezone von Neuendorf-Oberbuchsiten befindet, bald aber nach Egerkingen verschoben wird. Zehn Männer halfen mit, dass rund zwei Tonnen Sand auf die Flügel und von dort wieder herunterkamen. Gefordert waren aber nicht nur Muskeln, sondern auch starke Nerven. Die grosse Frage lautete, ob die Flügel die Belastung aushalten oder eben nicht. Isidor von Arx räumt ein, dass ihn der Belastungstest mindestens so viel Nerven gekostet hat wie ein Flug bei einem Kunstflugwettbewerb.

Der Test selber benötigte gute Vorbereitungen. Mit einem Laser wurde eine Nulllinie gezogen, von der aus an 32 Messpunkten die Verbiegung des Flügels festgehalten und protokolliert werden konnte. Nach und nach wurden die Sandsäcke auf die Flügel gelegt. Exakt 701 Kilogramm kamen auf den oberen Flügel und 285 Kilogramm auf den unteren, das ganze mal zwei links und rechts vom Rumpf.

Dieses Gewicht entspricht jener Kraft, die das Flugzeug im Flug bei einer Beschleunigung von 3.8 g aushalten müsste, also das 3,8-Fache der Erdanziehung. Der Test fand unter der Kontrolle des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl) statt, vom Amt waren Rolf Meier und Reto Senn dabei.

Bider und Nieuport: Lieblingsflugzeug der Fliegeridols

Die Nieuport 23 C-1 gilt als das modernste Jagdflugzeug der gleichnamigen französischen Flugzeugfabrik, die zu den bekanntesten Herstellern von Militärflugzeugen während des Ersten Weltkrieges zählte. 1917 gelang es der Schweiz, fünf Exemplare zu erwerben, die bis 1921 eingesetzt wurden.

Der Nieuport-Jäger war das erklärte Lieblingsflugzeug von Oskar Bider aus Langenbruck, der Cheffluglehrer der Fliegertruppe war und ab 1913 mit zahlreichen Pionierflügen zum landesweiten Fliegeridol wurde. So gelang ihm unter anderem der erste Überflug der ganzen Alpenkette mit einem Flug von Bern nach Mailand. Bider starb am frühen Morgen des 7. Juli 1919 in Dübendorf bei einem Vorführflug an Bord des Nieuport-Jägers mit der Nummer 604.

Die geografische Nähe zu Biders Geburtsort Langenbruck und der spannende luftfahrthistorische Hintergrund sind mit die Gründe, dass sich die beiden Gäuer Isidor von Arx und Kuno Schaub für den Bau gerade dieses Flugzeugtyps entschieden haben. (PBG)

Einmal kurz geknackt

«Wir sind sehr froh, dass der Belastungstest gut verlaufen ist», sagen Kuno Schaub und Isidor von Arx einhellig. Es habe einmal an einem Punkt kurz geknackt, aber die Messwerte seien alle in bester Ordnung. Der nächste Schritt ist nun das Eintuchen des Tragwerks. Dabei erhalten die Flügel sowie das Höhen- und Seitensteuer und der Rumpf ihren Überzug mit einem Tuch aus Baumwolle.

Das Vernähen dieses Tuches mit der Struktur des Flügels ist ein altes Handwerk, für das eine Lizenz des Bazl vorhanden sein muss. Diese Arbeit werden die beiden Flugzeugbauer selber vornehmen.

Anschliessend folgt noch die Ausrüstung des Flugzeugs mit dem Motor und den Systemen. Ob der Erstflug des Nieuport-Jägers bis zum zum 100. Todestag des Fliegeridols Oskar Bider im Jahr 2019 erfolgt sein wird, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt noch nicht mit Bestimmtheit sagen.