Olten/Solothurn
Organisator der Poetry Slam-Meisterschaften: «Ein Text darf auch weh tun»

Am Wochenende finden die Schweizermeisterschaften des Poetry Slam in Solothurn und Olten statt. Organisator ist Rainer von Arx aus Hägendorf. «Zum Teil rutschte der Slam fast zu schlechter Stand-up-Comedy ab», schaut er zurück.

Isabel Hempen
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Der Kulturvermittler Rainer von Arx in der Oltner Vario Bar, einem Auftrittslokal der Schweizermeisterschaften.

Der Kulturvermittler Rainer von Arx in der Oltner Vario Bar, einem Auftrittslokal der Schweizermeisterschaften.

ZVG/André Albrecht

Sie waren 1997 Mitbegründer des Vereins art i.g. zur Förderung von Kunst und Kultur in der Region Olten. Seit 2010 führt art i.g. Schweizermeisterschaften im Poetry Slam durch. Wie kams dazu?

Rainer von Arx: In der Schweiz ist Poetry Slam seit rund zwanzig, im deutschsprachigen Raum seit etwa dreissig Jahren präsent. 2004 hörte ich in Hamburg erstmals einen Slam. 2006 führten wir dann mit art i.g. in Olten die erste Poetry-Slam-Trilogie durch. Sie zeichnet uns aus, die gibts sonst nirgends. Wobei sie ursprünglich aus Selbstschutz entstand. Wir fragten uns: Wie können wir erreichen, dass die guten Slammer wiederkommen? Wir starteten damals im illegalen Club Lager, beim dritten Slam kamen schon 150 Leute.

Zur Person

Als Kulturarbeiter engagiert sich Rainer von Arx (43) seit langem für die Förderung verschiedener Kunstformen. Nach langjähriger Organisation von Ausstellungen widmete er sich dem Bereich Spoken Word und Poetry Slam. Unter seiner Leitung entstanden zahlreiche Poetry Slams, die Lese- und Kabarettbühne Wortklang, Lesungen und Konzerte. Ausserdem ist er Projektleiter des Oltner Kabarettcastings, Teil des Programmteams der Kabarett-Tage und Mitorganisator der Mundartnacht Solothurn. Rainer von Arx ist Vizepräsident des Kuratoriums für Kulturförderung des Kantons Solothurn. Er arbeitet als Coach, Personalentwickler und Kulturvermittler und lebt in Hägendorf.

Wie wichtig ist die Oltner Slam-Szene?

Der Slam wurde in Olten sehr schnell gross. Später dachten wir, es wäre toll, sozusagen ein Klassentreffen der schweizerischen Slam-Szene zu organisieren. So fanden 2010 die ersten Schweizermeisterschaften in Olten statt. Heute ist Olten nach St. Gallen und Zürich eine der Schweizer Slam-Hochburgen.

Welchen Stellenwert hat Poetry Slam in der Schweizer Kulturszene?

Als Nährboden und kreatives Tummelfeld wird er mittlerweile sehr ernst genommen. Auch von den Sponsoren, die Poetry Slam früher noch belächelten. Heute ist klar, dass es diese Kunstform gibt; auch an den Solothurner Literaturtagen ist Spoken Word erstmals als eigene Reihe im Format drin. Und viele Slammer haben inzwischen schon ein Buch herausgegeben. Hazel Brugger nennt Poetry Slam ja scherzhaft die «Paraolympics der Literatur».

Was soll Poetry Slam?

Eines meiner Ziele ist es, den Leuten die Schwellenangst zu nehmen. Für viele ist Poetry Slam ein super Einstieg in die Literatur und Satire. Ein Auftritt dauert nur wenige Minuten, da kann dir als Slammer und auch als Zuhörer nichts passieren.

Ist Ihnen Poetry Slam in all den Jahren nie verleidet?

Wir organisieren sechs bis acht Slams im Jahr, dieses Mass liegt gut drin. Solange sich die Slammer entwickeln und neue Leute nachkommen, finde ich es spannend. Wir haben aber auch gesagt, wir machen das, so lange wir Lust dazu haben. Unser Ziel wäre, im Olten und im Kanton mehr U20-Slams durchzuführen. Auch an den Schulen läuft wenig, wir sollten mehr Nachwuchs generieren. Die Ostschweiz war Pionier in diesem Bereich. Dort gibts Poetry-Slam-Workshops an Schulen und Mittelschulmeisterschaften.

Poetry Slam ist heute als Kunstform doch überholt.

Das diskutieren wir viel, aber nein, das glaube ich nicht. Es ist ein Gefäss wie die offene Bühne oder das Improtheater. Poetry Slam wird immer seinen Platz haben, weil es sich durch neue Leute inhaltlich erneuert. Ich habe aber das Gefühl, dass der in Deutschland aufgekommene Gigantismus wieder zurückgehen wird. Kürzlich war ich in Hamburg an einem Final mit 2500 Zuschauern. Die Slammer sagen selbst, dass bei dieser Grösse etwas verloren geht. Wir diskutierten auch, ob wir den Final im Oltner Stadttheater durchführen sollten. Aber wir bleiben in der Schützi. Dass man es über die Grösse macht, das kippt hoffentlich wieder.

Welche Art von Texten mögen Sie?

Mir gefallen ruhige, poetische Texte, wie sie etwa die Deutsche Theresa Hahl vorträgt. Oder auch irrwitzige Gedankenwelten, wo bei mir ein Film losgeht, sowie absurde Texte des Frauenfelders Ivo Engeler.

Oder auch Texte mit mehreren Ebenen, wie der Zürcher Phibi Reichling sie macht. Und dann bin ich ein grosser Team-Fan. Im Team können die Slammer Rollen spielen, Geschichten parallel erzählen oder einen Dialog aufbauen. Die Form ist theatralischer, leider aber noch zu wenig bekannt. Nicht so gern mag ich «typische Frauentexte»: Wo es um blöde Klischees geht wie Shopping oder dass ihr Typ sie verlassen hat. Oder wenn eine hübsche Frau Worte wie «Schwanz» sagt. Früher zog das an den Slams. Ich finde aber, Frauen haben doch viel mehr zu sagen, als dass sie solche Klischees bedienen müssten.

Poetry-Slam- Schweizermeisterschaften 2017

Donnerstag, 23. März

Eröffnungsgala in Solothurn, Kofmehl, 20 Uhr
U20-Final anschliessend an Gala

Freitag, 24. März

Vorrunde 1 in Olten, Vario Bar, 19 Uhr
Vorrunde 2 in Olten, Galicia Bar, 19 Uhr
Vorrunde 3 in Olten, Paraiba Bar, 19 Uhr
Team-Final in Olten, Schützi, 21:30 Uhr
Party, Olten, Vario Bar, 24 Uhr

Samstag, 25. März

Einzel-Final, Olten, Schützi, 20:30 Uhr
After-Show-Party, Olten, Vario Bar, 24 Uhr

Ticket-Vorverkauf auf slam2017.ch

Wie hat sich Poetry Slam über die Jahre entwickelt?

Zum Teil rutschte der Slam fast zu schlechter Stand-up-Comedy ab. In letzter Zeit sind aber wieder Lyriker aufgetaucht; ruhige, ernste Texte schaffen es wieder ins Final. Und die Texte sind wieder politischer als auch schon. Mir ist das recht, ich finde, es darf auch wehtun. Wenn früher ein deutscher Slammer dabei war, wusste man, dass er so gut wie sicher gewinnen wird. Heute ist das Level auf Augenhöhe. Extrem gewachsen ist der Teamwettbewerb, der gehört heute fix dazu. Man hört in den letzten drei bis vier Jahren auch wieder viel mehr Mundart. Heuer nimmt mit Méloé Gennai erstmals ein Genfer mit einem deutschen Text teil. Die Wahrnehmung des Sprachraums verändert sich. Auch das Publikum hat sich verändert. Vor zehn Jahren kamen die coolen Untergrundkids, heute die ganze Familie.