Sie kaufen ein und sie schmeissen weg, die Schweizer: Ein Drittel der Lebensmittel kommt gar nie auf den Teller, sondern verschwindet irgendwo zwischen Feld, Verkaufstheke und Kühlschrank im Abfalleimer. Das sei nicht nur eine Verschwendung, befand Kantonsrätin Brigit Wyss (Grüne, Solothurn), sondern auch ein Umweltproblem. «1600 Liter Wasser braucht es für ein Kilo Brot, 2500 Liter für ein Kilo Reis, mehr als 4000 Liter für das Poulet», fasste Wyss zusammen. Und so hatten die Grünen eine Interpellation geschrieben, die vom Regierungsrat Lösungsvorschläge verlangte.

Doch die Exekutive hatte offenbar auch keine schnelle Lösung zur Hand. «Der Missstand ist ein gesellschaftlicher, dem offensichtlich kaum mit einfachen staatlichen Interventionen wirksam beizukommen ist», formulierte die Regierung in ihrer Antwort. «Wir gehen davon aus, dass eine ordnende öffentliche Hand in privaten Kühlschränken unerwünscht ist.»

Und so blieb wiederum die Schule als Ort, der es richten könnte: nämlich im Hauswirtschaftsunterricht. Gesetzliche Regelungen seien dagegen nicht erforderlich, schrieb die Regierung. Auch da Gewerbe und Industrie aufgrund wirtschaftlicher Notwendigkeiten sparsam mit Lebensmittel umgehen würden. Als «flau und mutlos» bezeichnete Wyss die regierungsrätliche Antwort bei der Diskussion im Kantonsrat. Und Fabian Müller (SP, Balsthal) doppelte nach. «Ich hätte mehr Einsatz erwartet.»

Folgen des Wohlstandes

Das Thema fesselte den Kantonsrat. Er diskutierte länger darüber als über die Senkung der Prämienverbilligung. «Essensverschwendung darf nicht salonfähig werden», sagte Edgar Kupper als Sprecher der CVP/EVP/BDP/GLP-Fraktion. «Ethisch-moralisch ist das nicht vertretbar.»

«Wir sind eine Fast-Food-Gesellschaft», konstatierte Marianne Meister (FDP, Messen). Verwunderlich sei es nicht, dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden. «1990 gab ein Haushalt 11 Prozent für Lebensmittel aus. Heute sind es 6,8 Prozent», hielt die Detailhändlerin fest. «Trotz der Hochpreisinsel Schweiz werden die Lebensmittel offenbar immer billiger und die Hemmung Lebensmittel wegzuwerfen, sinkt.»

Obwohl das für Meister eine «bedenkliche Wohlstandserscheinung» ist, bestand sie darauf, die Wahl dem Konsumenten selbst zu überlassen. «Gesetze haben wir genug», so Meister. Und auch SVP-Sprecher Silvio Jeker (Erschwil) fand «die Verschwendung zwar nicht gut». Allerdings fürchtete er wiederum, dass von den Grünen unbemerkt ein Thema lanciert werde, dass in der Verwaltung dereinst zu neuen Stellen führen könnte.

Zu günstige Lebensmittel

«Es ist immer ein Problem der anderen», fand Johanna Bartholdi (FDP, Egerkingen) ein Erklärungsmuster. «Was nichts kostet, ist nichts wert», ergänzte Landwirt Markus Dietschi (BDP, Selzach). Und Thomas Studer (CVP, Selzach) befand: «Wir können mit dem Wohlstand nicht umgehen. »

René Steiner (EVP, Olten) sah in der Anspruchshaltung des Konsumenten das grösste Problem. Ein Bäcker könne es sich heute nicht mehr leisten, um 17 Uhr kein frisches Brot mehr zu haben. Die Folge: Abends muss übrig gebliebene Ware weggeschmissen werden. Steiner hat empirische Erfahrung zum Thema gesammelt: Um die Ansprüche des Konsumenten für einen Anlass aufzuzeigen, hat er einmal beim Grossverteiler jede erhältliche Joghurtsorte ins Wägeli getan. «Bei 150 habe ich aufgehört», sagte Steiner – auch der Kassierin zuliebe.

Lebensmittelchemiker Urs Ackermann (CVP, Balsthal) widersprach dem oft geäusserten Verdacht, Hersteller würden die Haltbarkeitsdaten oft sehr kurz ansetzen, um mehr zu verkaufen. «Wir stellen bei Kontrollen das Gegenteil fest.» Er riet ganz einfach, Augen und Nase zu benutzen, wenn das Joghurt schon ein oder zwei Tage abgelaufen sei. Brigit Wyss hofft nun auf eine Lösung aus Bern. Die Grünen erwägen offenbar eine Standesinitiative, damit das «Thema in Bern definitiv auf die Traktandenliste kommt».