Amtsgericht
Opfer des Solheure-Messerstechers überlebt durch Zufall

Der 39-jährige Italiener Pietro V.* wird vom Amtsgericht Solothurn-Lebern zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die Staatsanwaltschaft und Verteidigung sind sich einig: sie glauben dem Angeklagten nicht, dass er sich nicht an die Tat erinnern kann.

Beatrice Kaufmann
Merken
Drucken
Teilen
Ende Januar 2015 ereignete sich spätnachts vor der Herrentoilette im «Solheure» eine wüste Szene.

Ende Januar 2015 ereignete sich spätnachts vor der Herrentoilette im «Solheure» eine wüste Szene.

Felix Gerber

Es klingt nach einem Krimi-Drehbuch, was sich während den letztjährigen Filmtagen ereignet hat: 23./24. Januar 2015. Pietro V.* (39) geniesst einen geselligen Abend mit seinen Freunden, bei Treberwurst, Wein und Schnaps.

Es wird spät, der Italiener trinkt viel, später bringt ein Bus die Freunde nach Solothurn ins «Solheure».

Am nächsten Tag das böse Erwachen: V.* kommt nicht im heimischen Bett, sondern im Untersuchungsgefängnis zu sich. Ihm wird zur Last gelegt, er habe letzte Nacht jemanden fast getötet. V.* aber weiss davon nichts mehr.

Erinnerungslücken halten an

Szenenwechsel. 12. April 2016. Pietro V.* kann sich nach eigenen Angaben noch immer nicht an die Tat erinnern. Vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern glaubt ihm dies weder Staatsanwältin Claudia Scartazzini noch Verteidigerin Stefanie Selig.

Und auch Gutachter Christian Lanz ist skeptisch; er hat V.* noch in der Tatnacht untersucht. V.* sei alkoholisiert gewesen, habe aber weder geschwankt noch gelallt. Dies passe nicht zu einem durch Alkohol verursachten Gedächtnisverlust. Der Alkoholpegel habe zur Tatzeit zwischen 1,23 und 1,97 Promille betragen.

Drei Plätze neben V.* der 25-jährige Luca T.*, das Opfer. Als er den Kragen seines Hemdes auf Lanz’ Anfrage etwas runterzieht, wird das Ausmass von V.s* Tat sichtbar: Die gut 15 Zentimeter lange Narbe verläuft quer über T.s* Hals.

Ruhig und ausführlich beschreibt er den Tatvorgang, seine Aussagen werden durch jene von Zeuge Sandro G.* ergänzt. Für das Gericht ebenfalls wichtig: Die detaillierte Aussage, die eine weitere Zeugin bei der Polizei gemacht hat.

Er habe mit G.* zusammen im «Solheure» etwas getrunken. Gegen Mitternacht sei er zur Toilette gegangen, habe vor dieser einen Kollegen mit dem ihm bisher unbekannten V.* getroffen und sich dazugesellt.

Weil V.* italienisch sprach, habe er, selbst Italiener, ihn gefragt: «Bisch au es Tschinggeli?» Der Mann – elegant gekleidet, grau meliertes Haar und Bart – habe sich offenbar in seinem Stolz verletzt gefühlt, aggressiv reagiert und dem jungen Mann damit gedroht, ihm «die Haut abzuziehen».

Sandro G.* – zu der Zeit zufällig aus der Toilette getreten – bekam die «dicke Luft» zwischen den beiden mit, stellte sich vor V.* und versuchte, diesen zu beschwichtigen.

«Dann ging alles sehr schnell»: Die linke Hand des Beschuldigten schnellte über G.s* Schulter hinweg auf T.s* Hals zu. Der junge Mann rannte zur Toilette und registrierte im Spiegel die klaffende Schnittwunde. Freunde fuhren ihn wenig später ins Spital. An eine Waffe konnte sich niemand erinnern. Nur daran, dass V.* einem anderen Herrn etwas zugesteckt habe nach dem Angriff.

Zufall hatte Finger im Spiel

Dass der Vorfall filmreif erscheint, ist auch Regisseur Zufall geschuldet. Im Gerichtssaal ist man sich einig: Zur Auseinandersetzung kam es zufällig. Und es war auch Zufall, dass das Opfer überlebt hat.

Zufall Nummer eins: V.* hat ein Messer der Marke Champagne Mercier mit einer 8,5 Zentimeter langen Klinge dabei. Dieses habe er zum Treberwurstessen mitgenommen. «Ich laufe sonst nicht mit einem Messer umher».

Zufall Nummer zwei: V.* trifft T.s* Hals dort, wo der Kopfneigemuskel verläuft. Dieser schützt die Halsschlagader und bewahrt Luca T.* vor einer lebensbedrohlichen Verletzung.
Nichtsdestotrotz sind die Folgen beträchtlich. Er habe während Wochen nicht arbeiten können und sich monatelang nicht unter Leute getraut, so das Opfer.

Das Ende der Story schrieb schliesslich das Gericht – und überbot mit seinem Urteil gar die Forderung der Staatsanwältin. Der «Solheure»-Messerstecher muss wegen versuchter vorsätzlicher Tötung für fünf Jahre ins Gefängnis.

Den Tod des Opfers habe V.* mit dem Schnitt im Bereich der Halsschlagader wegen einer leichten Provokation in Kauf genommen. Er habe zudem das Messer unbeobachtet öffnen und «blitzartig» zustechen können, was nicht für übermässigen Alkoholkonsum spreche. Auch die Filmriss-Geschichte glaubte das Gericht nicht.

«Wer sich an so etwas nicht erinnert, empfindet auch keine aufrichtige Reue», sagte Amtsgerichtspräsident Rolf von Felten.
Dem Beschuldigten war der Schock über das Urteil deutlich anzusehen. Dazu, ob es zu einer Fortsetzung kommt und das Urteil weitergezogen wird, nahm sein Verteidiger Reto Gasser aber keine Stellung.

*Namen von der Redaktion geändert