Nach fünf Minuten konnte der Dolmetscher wieder gehen. Der Beschuldigte kam nicht. Essam J.* fehlte bereits letztes Jahr, als das Amtsgericht Solothurn-Lebern in seinem Fall verhandelte. Nun erschien der 36-jährige Ägypter auch vor Obergericht nicht. Dieses musste den Fall aufrollen, weil J. gegen das erstinstanzliche Urteil Beschwerde erhoben hatte. Letztes Jahr wurde J. zu einer Freiheitsstrafe von 44 Monaten verurteilt.

Für Taten, die er 2013 beging. Von Sommer bis Herbst nächtigte er in der Besenkammer eines Grenchner Hotels, in welchem er im Service aushalf. Der Ägypter hatte keine Arbeitsbewilligung und hielt sich dadurch illegal in der Schweiz auf. Schwerwiegender als diese Verstösse gegen das Ausländergesetz wiegt der Vorwurf der versuchten Vergewaltigung: J. packte im November 2013 eine tschechische Angestellte in der Küche, begrapschte sie und sagte ihr, er wolle mit ihr schlafen. Über eine halbe Stunde lang versuchte er es, während sie sich wehrte.

«Ich verweise auf das Urteil»

Es handle sich zwar um ein Vier-Augen-Delikt ohne Zeugen, so Staatsanwältin Kerstin von Arx. Das Opfer habe insgesamt aber detaillierte und glaubhafte Aussagen gemacht. Andererseits habe sich der Ägypter in Widersprüche verstrickt. So behauptete dieser zuerst, keinen Körperkontakt mit dem Opfer gehabt zu haben. Nachdem auf der Bluse der Hotelangestellten Spuren seiner DNA nachgewiesen wurden, sagte er aus, sie hätten zusammen getanzt. Die Tat sei egoistisch und verwerflich gewesen, so die Staatsanwältin. Zusätzlich verwies sie mehrmals auf das erstinstanzliche Urteil.

Auch bezüglich der Anklagepunkte «rechtswidriger Aufenthalt» und «Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung» hielt von Arx fest, gebe es keinen Grund vom Urteil des Amtsgerichts abzuweichen. «44 Monate Freiheitsstrafe sind angemessen.»

«Erhebliche Zweifel»

Die Verteidigung von J. plädierte – wie schon beim Amtsgerichts-Verfahren – auf Freispruch. Laut Rechtsanwältin Kimena Brog gibt es «erheblichen Zweifel» in diesem Fall. Ihr Mandant habe die Vorwürfe der versuchten Vergewaltigung stets bestritten. Die Beweise in diesem Fall seien nicht ausreichend. So habe es auf den Hosen des Opfers keine DNA-Spuren von J. gegeben. Auch sei verwunderlich, dass keiner der Hotelgäste den Vorfall mitgekriegt habe.

Die Anklagepunkte bezüglich der Verletzungen des Ausländergesetzes hätten zudem mit dem Vorwurf der versuchten Vergewaltigung nichts zu tun, weshalb das Gericht ihn auch davon freizusprechen habe, so Brog. Und selbst wenn nicht: Der Beschuldigte habe nicht gewusst, dass er für «Altglas entsorgen und Gläser putzen» im Hotel eine Bewilligung brauche.

J. lebt mittlerweile in Italien

Das Gericht, bestehend aus Marcel Kamber, Barbara Streit-Kofmel und Hans Peter Marti, befand J. aber für schuldig. Wie das Amtsgericht beurteilte es die Aussagen des Opfers als glaubhaft. Im Vergleich mit anderen Fällen seien die erstinstanzlich festgelegten 44 Monate Freiheitsstrafe als etwas zu hoch erachtet worden, erklärte Amtsgerichtsschreiberin Beatrice Ramseier das Urteil nachträglich. Das Obergericht verurteilt J. deshalb zu einer Freiheitsstrafe von 34 Monaten, davon 24 bedingt. Wie das Amtsgericht verurteilt das Obergericht J. auch zur Zahlung einer Genugtuung von 2000 Franken an das Opfer. Soweit so gut. Nur: Der Verurteilte befindet sich gar nicht mehr in der Schweiz. Der Mann gab bereits vor der ersten Verhandlung einen Wohnort in Italien an. Weil kein Haftgrund für J. bestand – da es sich um keine besonders schweren Vorwürfe handelte, dieser nicht vorbestraft war und auch keine Wiederholungsgefahr bestand – durfte er das Land verlassen. Nun wird J. zur Verhaftung ausgeschrieben, sobald das Urteil rechtskräftig ist. Reist er wieder ein, wird er festgenommen. Nur, so Ramseier: «Das wird er wahrscheinlich nicht mehr tun.»

*Name von der Redaktion geändert