Weil er sich von zwei Türken provoziert fühlte und so in Panik gewesen sei, habe er die Messerattacken begangen und will dafür weniger lange im Gefängnis sitzen. Genau drei Jahre nachdem der türkische Kurde in einer Härkinger Pizzeria mit dem Messer auf zwei Türken eingestochen hatte, findet der Berufungsprozess vor dem Obergericht statt.

Denn Messerstecher Karwen P.* hat das Urteil des Amtsgerichts Thal-Gäu vom 23. November 2017 weitergezogen. Diesem gemäss muss er 7½ Jahre ins Gefängnis gehen. Der bald 35-Jährige befindet sich im vorzeitigen Vollzug. Als Motiv der Tat gab er an, von den Türken provoziert worden zu sein. Er speiste am Samichlaustag früh nach Mitternacht mit einem kurdischen Kollegen in der damaligen Gäu-Pizzeria.

Zwei Türken hätten mit Messer und Gabel auf sie gerichtet gestikuliert. Besonders, dass einer der Türken wünschte, einen Zeybek-Tanz zu tanzen und der sich auf der Tanzfläche dazu ausladend bewegte und zu ihm blickte, empfand Karwen als bedrohlich. Er stach mit einem Klappmesser auf ihn ein, in Rücken und Oberschenkel. Auch dem andern Türken stach er in den Oberschenkel.

Zwar waren die Taten zum grossen Teil von einer Überwachungskamera aufgezeichnet worden, doch darauf seien die angeblichen Provokationen nicht ersichtlich gewesen, bemerkte Oberrichter Daniel Kiefer. In der Verhandlung ging es vor allem um diese Provokationen. Es sei ein «extrem faschistischer Tanz» hatte Karwen früher ausgesagt.

Er erklärte nun den Hintergrund des Tanzes, dessen Bedeutung sich in Zeiten des IS offenbar verändert hatte, und sagte: «Der Tanz ist eine Aufforderung andere zu töten. Er ist ein Beweis, dass sie mir etwas antun wollten.» Seine Panik lasse sich aus seiner Verfolgungsgeschichte erklären. «Ich war in dem Moment in Angst und Panik. Ich weiss wirklich nicht, wie ich ihn am Rücken traf. Ich glaube, er wollte sich wehren, und es waren noch andere Leute daran beteiligt.»

Brief sorgt für Irritationen

Während der Verhandlung sorgte ein ominöser Brief für eine Unterbrechung. Vor ein paar Tagen war nämlich ein Schreiben des weniger schlimm getroffenen Opfers Akin B.* aufgetaucht. Darin äusserte Akin, wie traurig er sei, dass Karwen so lange im Gefängnis sein müsse. Und, dass sie tatsächlich provoziert hätten. Sogar: «Es ist mir nicht recht, dass du in irgendeiner Art und Weise bestraft wirst.»

Auf Antrag des Verteidigers Roland Winiger bot das Gericht Akin ausserplanmässig auf, indem es ihn direkt vom Gerichtssaal aus an seiner Arbeitsstelle anrief. Sein Erscheinen wirkte aber absurd, denn er sagte eigentlich nichts aus. Er sagte, «vielleicht haben wir provoziert», sagte aber nicht, womit. Es gab keine neuen Erkenntnisse, ausser, dass er ebenfalls Kurde ist.

Wenn auch Blicke töten können

Staatsanwalt Martin Schneider sah keine Notlage bei Karwen. «Vom tanzenden Opfer ging überhaupt keine Gefahr aus.» Der Tänzer sei durch Alkohol, Cannabis und Medikamente sehr benommen gewesen. Dass der Stich in den Rücken in einem Handgemenge erfolgt sei, sei reine Schutzbehauptung. Die angeblichen Provokationen liess er nicht als strafmildernd gelten: «Es kommt doch keinem vernünftigen Menschen in den Sinn, einen unbewaffneten alkoholisierten Menschen einfach mal vorsorglich niederzustechen.» Eine tödliche Folge habe Karwen in Kauf genommen. «Er hat seine Emotionen überhaupt nicht im Griff und ist völlig durchgedreht.» Karwens Vorleben sei mit fünf Vorstrafen «trüb». Der Staatsanwalt verlangte achteinhalb Jahre Haft.

Verteidiger Winiger versuchte, die Taten als weniger schlimm darzustellen. «Es hat zu keinem Zeitpunkt Lebensgefahr bestanden». Die «etwa 18 verschiedenen Sachverhaltsversionen» sprächen eher für ein Gerangel. Der Stich in den Rücken sei keine versuchte vorsätzliche Tötung, sondern nur eine schwere Körperverletzung. Er forderte höchstens drei Jahre. Zudem führte er ins Feld: «In unserem Kulturkreis kann man es nicht verstehen, dass Blicke töten können und es dann zur Katastrophe kommt.» Karwen lebt seit 15 Jahren in der Schweiz, wenige Tage bevor sein Asylantrag abgelehnt wurde, hatte er eine Frau mit Aufenthaltsbewilligung C geheiratet und hat mit ihr 4 zum Teil kleine Kinder.
Das Urteil wird am Freitag eröffnet.

*Namen geändert