1,2 Millionen Kilometer rollen und rattern die Wagen der SBB durch die Schweiz, bevor sie zur Revision müssen. Zum Beispiel nach Olten, ins älteste SBB-Werk der Schweiz. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Züge verändert. Die klassische Kombination Lokomotive mit angehängten Wagen ist vor allem im Regionalverkehr den Triebzügen gewichen, bei denen im Triebwagen auch Passagiere Platz haben.

Bis jetzt wurden in Olten einzelne Wagen instand gehalten, doch nun passen die SBB ihr Werk den neuen Zugmodellen an. Auf drei neuen Revisionsgleisen können in Zukunft ganze Triebzüge einfahren und einer Frischzellenkur unterzogen werden. «Mit der neuen Anlage sollen die Triebzüge schnell wieder im Verkehr sein», sagt Werkleiter Toni Lenherr. Die neuen Revisionsgleise werden jeweils 150 Meter lang gebaut. So passen auf ein Gleis zum Beispiel zwei Züge des Typs Flirt.

Umbauarbeiten im SBB-Werk Olten für einen schnellen Boxenstopp: In Zukunft soll hier auf den neuen 150 Meter langen Revisionsgleisen an ganzen Zügen statt nur an Einzelwagen gearbeitet werden.

Umbauarbeiten im SBB-Werk Olten für einen schnellen Boxenstopp: In Zukunft soll hier auf den neuen 150 Meter langen Revisionsgleisen an ganzen Zügen statt nur an Einzelwagen gearbeitet werden.

300 Tonnen in die Luft stemmen

Die neuen Revisionsgleise werden in die seit 1979 bestehende Wagenhalle Tannwald integriert, doch dafür sind einige Anpassungen nötig. «Wir erstellen einen Ersatzneubau, eine vier Meter höhere Halle», sagt Gesamtprojektleiter Werner Kurfess. Doch dafür musste die bereits bestehende Halle abgerissen, oder wie Kurfess es ausdrückt, rückgebaut werden.

Auf der Baustelle ist es kalt, die Halle ist zur Hälfte ohne Dach und Wände. Eine Bautrennwand versperrt den Blick in die nächste Halle, in der gearbeitet wird. Mehrere Bagger tummeln sich auf der Baustelle und wühlen mit ihren Schaufeln in Dreck und Schnee. Auf den Rangiergleisen zwischen Aare und Wagenhalle schiebt eine kleine rote Lokomotive einen Personenwagen vorbei.

«Die neue Halle wird elf Meter hoch», erklärt Werner Kurfess. Um der Hitze im Sommer vorzubeugen, werden die Dachfenster nach Norden ausgerichtet sein. Der Gedanke an Sommerhitze scheint im Moment beinahe absurd. Das Kernstück der neuen Halle wird eine neue Unterflurhebeanlage, die einen ganzen Triebzug in die Höhe stemmen kann. «Der Zug fährt auf die Schienen und wird mit einem Wagenkastenheber in die Höhe gehoben», erklärt Kurfess. Die Drehgestelle – für Eisenbahnlaien: Die Räder und was dazu gehört – können nach Wunsch einzeln hinabgesenkt werden.

Bereits heute schweben im Werk einzelne Wagen in der Höhe: Mit der neuen Anlage können so 300 Tonnen schwere Züge angehoben werden. «Ein grosser Vorteil dieser Anlage ist, dass gleichzeitig verschiedenste Arbeiten in und am Zug durchgeführt werden können», sagt Kurfess. Die Anlage in der hohen Halle erlaubt es den Arbeitern, ebenerdig unter den Zug treten zu können. So müssen die SBB keine Grube graben, in die jemand hineinfallen könnte. Der Umbau kostet 37,5 Millionen Franken.

«Komplexeste Anlage der Welt»

Wie im Spital ist auch bei SBB-Werk die Aufenthaltsdauer unterschiedlich. «Die Wagen bleiben von ein bis zwei Tagen bis zu einer Woche hier», sagt Werkleiter Toni Lenherr. Auf einem Gleis vor der Halle stehen Wagen verschiedenster Zugtypen. Auf den Dächern glitzert Schnee in der fahlen Wintersonne. «Manchmal kommt es natürlich auch vor, dass Züge unvorhergesehen ins Werk kommen», sagt Lenherr.

Er zeigt auf einen Wagen. «Dieser hatte eine Begegnung mit einem Bagger.» Da könne es schon mal vorkommen, dass ein Wagen mehrere Wochen nicht mehr in Betrieb sei.

Die Anlage in Olten wird schweizweit die erste ihrer Art sein. «Es wird vermutlich die komplexeste Anlage der Welt», prophezeit Werner Kurfess. Im Juli 2018 sollen die Bauarbeiten am Aussenbereich abgeschlossen sein. Dann werden hier 375 Triebzüge des Regionalverkehrs instand gehalten. Der Trend zum Triebzug hat gute Gründe.

«Ein Zug mit nur einer Lokomotive ist schwerfälliger», erklärt Toni Lenherr. So brauche er beim Ein- und Ausfahren in einen Bahnhof mehr Zeit. «Diese Technik ist 30 bis 40 Jahre alt.» Triebzüge sind flinker und schneller wieder unterwegs.