Auf einen Kaffee mit

Oliver Schneitter hilft Jugendlichen, Brücken zwischen ihren Kulturen zu bilden

Freut sich auf die interkulturelle Begegnung zwischen den Jugendlichen: Oliver Schneitter mit Töchterchen Noemi.

Freut sich auf die interkulturelle Begegnung zwischen den Jugendlichen: Oliver Schneitter mit Töchterchen Noemi.

«In ihrer Heimat trennen Mauern ihre Kulturen voneinander, auf dem Obergrenchenberg bauen sie gemeinsam an einer» Oliver Schneitter erstellt mit Jugendlichen aus Konfliktregionen Trockenmauern.

Neomi sitzt lässig auf seinem Schoss, die Kaffeetasse hält er am Henkel zwischen Zeigefinger, Mittelfinger und Daumen fest: Oliver Schneitter ist bereit fürs Föteli. Seine Tochter ruhig zu halten, fällt ihm dagegen nicht so einfach. Zu neugierig ist die Einjährige, als sie das Interesse an ihrem Papa bemerkt.

Zum Glück sitzt am gleichen Tisch Jörg Lötscher – von Kindsbeinen an ein enger Freund von Schneitter. Beide wuchsen in Lommiswil auf und gründeten im Jahr 2010 zusammen den Verein «Naturkultur». Kurzerhand übernimmt Lötscher den Job des «Neomi-Ablenkers», sodass schliesslich einige gelungene Schnappschüsse zusammenkommen.

Dass nach dem Foto-Shooting und der damit zusammenhängenden «Dauerschlürferei» seine Kaffeetasse leer ist, scheint Schneitter dabei nicht weiter zu stören. Vielmehr erzählt er vom letztjährigen Lager und davon, dass die Entscheidung für eine zweite Ausgabe schnell gefallen sei. «Wir arbeiten in der Region, für die Region, an einem Ort, der auch in unserer persönlichen Geschichte vorkommt.» Und ausserdem sei der Mauerbau ja eben mehr als nur ein Mauerbau.

Brücken bilden, wo Mauern sind

Doch alles von Anfang an. Warum trinken wir mit dem Präsidenten und dem Vize eines regional relativ unbekannten Vereins überhaupt einen Kaffee? Das Eine hat eben mit dem anderen zu tun, denn Schneitter und Lötscher holen zum zweiten Mal während acht Tagen (10. bis 18. August) insgesamt 16 Jugendliche aus Irland, der Schweiz, Israel und Palästina auf den Obergrenchenberg, um auf der Wandfluh Trockenmauern neu zu bauen.

Das gemeinsame Bauen wird dabei als Brücke für die interreligiöse Begegnung zwischen Protestanten und Katholiken aus Irland sowie Muslimen und Juden aus Israel und Palästina dienen. «In ihrer Heimat trennen Mauern ihre Kulturen voneinander, auf dem Obergrenchenberg bauen sie gemeinsam an einer», so Schneitter, der selbst zwei Jahre in Jerusalem studierte und arbeitete.

Der 35-Jährige spricht aus diesem Grund perfekt hebräisch und hat auch entsprechende Kontakte zu Nahost sowie zu europäischen Organisationen, die interkulturelle Jugendarbeit betreiben. 2010 liess er sich nämlich zum europäischen Leiter für Jugendprojekte ausbilden und führt mit dem Verein «Naturkultur» seither Kurse und Jugendbegegnungen zum Thema interkulturelle Verständigung durch. Diese werden vom EU-Programm «Jugend in Aktion» gefördert.

Apropos Nahost: In der heurigen Ausgabe des Trockenmauerlagers wirft der Krieg im Gazastreifen seinen Schatten auf das Treffen auf dem Jura. Kommt hinzu, dass die Teilnehmer von den Partnerorganisationen in den jeweiligen Ländern ausgewählt wurden, bevor die Situation im Nahen Osten eskalierte.

Wie sieht es also für den Obergrenchenberg aus? «Es gibt gewisse Fragezeichen», so Schneitter. Darum habe er sich, während eines privaten Aufenthalts in Israel vor drei Wochen, noch mit beiden Gruppen sowie deren Leitern getroffen. «Es ist eine sehr grosse Verstörtheit und Betroffenheit auf beiden Seiten zu spüren», so Schneitter. Der Hass, die Ängste, die Emotionen in der Bevölkerung seien noch viel grösser als während der zweiten Intifada. Dem palästinensischen Aufstand vor 14 Jahren, als Israel anschliessend die Mauer baute. Und dieser Umstand sei für die meisten verstörend.

Bei der Diskussion mit den Leitern und Teilnehmern aus Israel und Palästina sei aber schnell klar gewesen, dass das Lager stattfinden wird. «Alle sind zudem der Meinung, der Anlass komme gerade zur rechten Zeit.» Man habe entschieden, die Gruppe vom ersten Tag an zu halbieren, sodass immer nur eine Hälfte an der Mauer arbeitet. Die andere setze sich nebenbei intensiv mit interkulturellen Fragestellungen und Begegnungsarbeit auseinander – dort werde auch der Nahostkonflikt Thema sein. «Wir rechnen mit hitzigeren Diskussionen als letztes Jahr», so der Theologe und Religionswissenschafter, der hauptamtlich in Murten Pastoralassistent ist.

«Lommiswil lässt dich nie los»

Kurz vor dem letzten Kaffee-Schluck des Gegenübers erwähnt Schneitter noch, dass sie einen Platz freigehalten hätten und sich über einen spontanen Solothurner, eine spontane Solothurnerin (bis 25 Jahre) freuen würden. Werden wir natürlich erwähnen, kommen wir aber noch kurz auf Lommiswil zu sprechen.

Was bedeutet das Dorf für jemanden, der seit vielen Jahren international unterwegs ist, dessen Tochter die Doppelbürgerschaft hat und deren Mutter Israelin ist? Bei seiner Antwort holt Schneitter aus, erzählt vom Bauernhof seiner Eltern, der seit 420 Jahren in Familienbesitz ist, von Bürde und Boden, von seiner starken Verwurzelung mit dem Ort und mit dem Jura sowie von seiner Hin- und Hergerissenheit. «Sagen wirs so, einigen fällt es einfach, zu sagen, so, hier wohne ich, und nur hier – ich aber fühle mich an verschiedenen Orten zu Hause ...» Schneitter unterbricht, wartet und sagt nachdenklich: «Lommiswil lässt dich nie ganz los.»

Nun ist auch der Kaffee des Gegenübers ausgetrunken und für Oliver Schneitter schliesst sich damit ein Kreis. Bereits 14 Jahre zuvor hatte ihn nämlich ein Journalist in der Cafébar Landhaus zum Gespräch getroffen. Damals noch wegen seines Engagements in der Kofmehl-Leitung.

Wie sich zeigte, war dies aber bei weitem nicht das erste Mal, dass sein Name in den Medien auftauchte. Am Samstag, 13. Februar 1999, schrieb diese Zeitung nämlich einen Artikel über «Das Leben nach der Matur» – «Wie Solothurner Kantischüler ihre Zukunft gestalten». Dabei kam auch Schneitter zu Wort. Für den damaligen Absolventen der Matura Typus A war klar: «Ich möchte in meinem Beruf gerne einen Beitrag zu einem besseren Kulturverständnis leisten ...» Der Junge von damals dürfte heute also sehr stolz auf sich sein.

Internationales Trockenmauerlager: «Mauern bauen, Brücken bilden», 10 bis 18. August 2014. Infos auf: www.nakultur.ch

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