Lüterkofen

Ohne ihn wäre der Beruf der Innendekorateure ausgestorben

Urs Nussbaumer in seinem Geschäft in Lüterkofen.

Urs Nussbaumer in seinem Geschäft in Lüterkofen.

Lange stand sie auf der Kippe, die Ausbildung zum Innendekorateur und zur Innendekorateurin. Eine Reform war lange überfällig, wurde aber nie durchgeführt. Bis unter anderem Urs Nussbaumer aus Lüterkofen das Steuer übernahm.

Diese Geschichte hat ein gutes Ende. Auch wenn es lange nicht danach aussah. Es geht um die Ausbildung der Innendekorateurinnen und -dekorateure in der Schweiz. 2015 hiess es von Seiten des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation, man würde die vierjährige Lehre streichen. Denn: Eine lange nötige Reform wurde nie durchgeführt. Bis zwei Berufskollegen das Ruder übernommen haben. Einer davon ist Urs Nussbaumer aus Lüterkofen.

Der 62-Jährige empfängt in seinem Geschäft. Urs Nussbaumer führt das Familienunternehmen in dritter Generation. Die letzten zweieinhalb Jahre jedoch hat er, wie er selbst zusammengerechnet hat, über vier Monate damit verbracht, seinen Berufsstand zu retten. Eine neue Ausbildung zu «kreieren», wie er sagt. «Es war anstrengend –aber auch lehrreich.» Dass es so weit kam, ist auch ein Stück den beiden Töchtern von Urs Nussbaumer zu verdanken, die ebenfalls im Geschäft tätig sind. 2015 erfuhren sie von der ganzen Sache via Facebook und machten sich Sorgen darum, künftig keine Lernenden mehr ausbilden zu können.

«Zuerst dachte ich, hier wird etwas heisser gekocht, als es dann gegessen wird», so der Familienvater. Dann hat der Fachmann jedoch herumtelefoniert und erfahren, dass es in der Branche tatsächlich zum Eklat gekommen ist: Seit 2003 wurden alle Lehrberufe in der Schweiz zu EFZ-Berufen (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis) reformiert. Nur bei den Innendekorateurinnen und -dekorateuren ist das nicht passiert. «Es ist viel Geschirr zerschlagen worden», so Urs Nussbaumer. Nach den genauen Gründen hat er nicht gesucht. Es ging ihm um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit.

Ausbildung reformiert, Berufsbild gestärkt

«Zuerst dachte ich, ich sei der Einzige, der sich für die Fortsetzung der Ausbildung interessiert», berichtet Nussbaumer. Dann stellte er fest, dass sich ein Berufskollege in Herzogenbuchsee mit demselben Thema beschäftigte; Fritz Steffen. Mit ihm spannte Nussbaumer zusammen, ebenso mit Andreas Gasche vom kantonalen Gewerbeverband. Das Ziel: Den Ausbildungsstopp verhindern. So reisten die beiden Berufskollegen durch die ganze Schweiz, sprachen mit Berufsverbänden und Ämtern, leisteten viel Überzeugungsarbeit.

«Die Fronten waren verhärtet; es brauchte viele Gespräche. Aber: Wir wollten den Beruf retten und hatten keine politischen Absichten. Das half uns, dass am Schluss viele den Weg mit uns gegangen sind.» Ende 2015 hat deshalb das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation die Frist für die Ausbildungsreform verlängert und Steffen und Nussbaumer offiziell beauftragt, die Reform durchzuführen.

Man habe in dieser Zeit sogar diskutiert, ob es den Beruf überhaupt noch braucht, berichtet Urs Nussbaumer. Auch, weil es immer mehr Überschneidungen mit andern Berufsverbänden gab. «Wir haben uns dann aber rasch geeinigt, dass wir das grosse Wissen der Branche nicht verlieren wollten.» Das Ergebnis: Lernende machen nun die Ausbildung zum Raumausstatter oder zur Raumausstatterin EFZ. Sie können nicht länger einen Schwerpunkt auswählen – früher gab es die Fachrichtungen Vorhänge, Boden, Montage Polsterei – und konzentrieren sich künftig auf das Verarbeiten von Textilien auf Böden, Wänden, Decken und Möbeln.

Solothurn wird zum Ausbildungszentrum

Das Handwerk blühe wieder auf, ist Urs Nussbaumer überzeugt. Das hat er auch in der eigenen Firma gespürt. Gerade in diesen Zeiten, in welchen die Menschen wieder mehr zu Hause sind. Die Ausgestaltung eines Büros oder Homeoffice, das Teppich- und Vorhangreinigen oder Aufpolstern und Neubeziehen von Polstermöbeln seien gefragt. Und genau das können Raumausstatterinnen und Raumausstatter.

In diesem August startet die neue Ausbildung. Anmeldungen gab es noch nicht so viele wie erhofft, was laut Urs Nussbaumer an den Unsicherheiten der vergangenen Jahre liegt. Eine einzige Klasse liess sich bilden. Diese wird in Solothurn unterrichtet. Lernende aus der ganzen Schweiz – mit Ausnahme Tessin – werden hier jeweils für eine Woche zur Schule gehen – und dann zurück in den Betrieb, um zu arbeiten.

Der Standort Solothurn war schnell beschlossen. Bereits das Ausbildungszentrum für die überbetrieblichen Kurse befindet sich in der Region; in Selzach. Und in Solothurn werden auch Wohntextil-Gestaltende seit einigen Jahren unterrichtet, was laut Urs Nussbaumer gut klappt.

«Jetzt können wir starten», ist der 62-Jährige überzeugt. Er selbst hat sich nach der Reform nach und nach zurückgezogen. «Die Ausbildung ist aufgegleist, sie weiterformen sollen nun jüngere Köpfe», erklärt der Unternehmer, der viel investiert hat, damit auch im eigenen Betrieb in Lüterkofen weiter ausgebildet werden kann. Das war auch nur wegen der beiden Töchter möglich, die, wenn Urs Nussbaumer weg war, mehr Verantwortung übernahmen. «Das hat gepasst», so der Familienvater, weil er in «absehbarer Zeit» auch an die Töchter übergeben will. Auch sie seien froh, Wissen aus der Branche weiterhin weitergeben zu können. «Es ist auch einfach ein wunderschöner Beruf», fügt Urs Nussbaumer mit einem Lächeln an.

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