Patienten aus der ganzen Schweiz und von überall aus der Welt finden mittlerweile den Weg nach Solothurn. Ihr Ziel: das Zentrum für Funktionelle Ultraschall-Neurochirurgie, mit dem Neurochirurgen Daniel Jeanmonod und seinem Team. Domiziliert ist die Familienfirma Sonimodul AG in unscheinbar wirkenden Praxisräumlichkeiten im Obach-Quartier, im gleichen Gebäude wie das Röntgeninstitut Rodiag, mit dem Daniel Jeanmonod eine enge Zusammenarbeit pflegt.

Das Team (von links): David Moser (Ingenieur), Daniel Jeanmonod (Neurochirurg und Geschäftsleiter der Sonimodul AG),Danièle Jeanmonod (Logistik und Support), Franziska Rossi (Direktionsassistentin), Tanja Thalmann (Pflegefachfrau),Marc Gallay (Neurochirurg), Roxanne Jeanmonod (Physiotherapeutin).

Das Team (von links): David Moser (Ingenieur), Daniel Jeanmonod (Neurochirurg und Geschäftsleiter der Sonimodul AG),Danièle Jeanmonod (Logistik und Support), Franziska Rossi (Direktionsassistentin), Tanja Thalmann (Pflegefachfrau),Marc Gallay (Neurochirurg), Roxanne Jeanmonod (Physiotherapeutin).

Der 62-jährige Spitzenmediziner mit Westschweizer Wurzeln gilt weltweit als Pionier der neuen Technologie, um Fehlfunktionen tief im Inneren des Gehirns auszuschalten. Es handelt sich um «Hirnfunktionsstörungen», und dazu gehören Nervenschmerzen, zum Beispiel Phantomschmerzen, oder auch Bewegungsstörungen wie Parkinson oder der «essentielle Tremor».

Weltweit einzigartig

Bis Ende 2012 haben der Neurochirurg und sein multidisziplinäres Team die Methode, die ohne blutigen Einschnitt auskommt, im Rahmen von zwei Studien in Zürich und Solothurn erforscht und erprobt. Deren Ergebnisse bildeten wesentlich die Grundlage für die Zertifizierung des Ultraschallgeräts durch die Firma, die das System entwickelt hat. Das war der Startschuss für die Aufnahme des kommerziellen Betriebs des Zentrums an der Leopoldstrasse.

So viele Patienten mit Nervenschmerzen oder abnormalen Bewegungen wie im Solothurner Zentrum werden bis heute nirgends auf der Welt mit der Ultraschalltechnik behandelt. Die Anwendung der fokussierten Ultraschalltechnologie wird aber derzeit in vielen Bereichen erprobt, sowohl bei der Behandlung von Hirnfunktionsstörungen als auch bei der Behandlung von Hirntumoren und zahlreicher anderer medizinischer Probleme. Zentren, die solche Systeme wie in Solothurn besitzen, findet man in der Schweiz am Zürcher Kinderspital, in Israel, England, Spanien und Italien. Hinzu kommen Standorte in den USA, in Kanada sowie in Japan und Korea. 

Während bald 30 Jahren ist Daniel Jeanmonod im Bereich der Behandlung von Hirnfunktionsstörungen tätig, in England, Frankreich und während vieler Jahre in der Schweiz, an den Zürcher Spitälern und seit 2009 in Solothurn. Hartnäckig verfolgte der Neurochirurg dabei seine Vision: nämlich eine wirksame und gleichzeitig schonende Methode zur Beseitigung von starken, die Lebensqualität minderenden motorischen Symptomen und Schmerzen zu finden.

Überaktive Stelle im Gehirn

Das erste Ziel war, die störenden Symptome zu beseitigen, ohne die kostbaren Hirnfunktionen zu beeinträchtigen. Zentral war dabei die Entdeckung eines «Überaktivitätsmechanismus» der betroffenen Hirnareale. Es musste nun darum gehen, das Hirn «sanft, aber wirksam» in einen «neuen normaleren Zustand zu versetzen», wie der Spezialist erläutert. Und dies gelinge mit der «Millimeter-kleinen thermischen Ausschaltung» des kranken Gebiets, «das die Überaktivität verursacht und seine normale Funktion verloren hat».

Besteht dadurch aber eben nicht doch die Gefahr, dass auch eine gesunde Hirnfunktion zerstört wird? Daniel Jeanmonod: «Das Gehirn ist sehr anpassungsfähig und hat schon lange vor der Intervention den Ausfall mit anderen Arealen kompensiert.» Das Zielgebiet sei lange vor der Intervention unnütz und störend geworden, sodass seine Ausschaltung notwendig und gerechtfertigt sei.

Als Resultat davon zeigen die Patienten postoperativ denn auch keine neurologischen oder kognitiven Ausfälle. Damit begegnet Jeanmonod den Befürwortern der «Hirnstimulation». Dabei werden mit einem operativen Eingriff zwei Elektroden auf beiden Seiten des Gehirns bis an die entsprechende Gehirnregion geschoben, wo sie die kranke Stelle blockieren, aber nicht ausschalten. In der Gilde der Neurochirurgen und Neurologen gilt die Hirnstimulation derzeit immer noch als «Gold-Standard» bei der Behandlung bestimmter Hirnfunktionsstörungen wie Parkinson.

Hochpräzises Verfahren

Die thermische Ausschaltung der kranken Stelle im Gehirn erfolgt durch die fokussierte Ultraschalltechnologie. Eine Methode, die ein tiefes Risiko und eine hohe Genauigkeit gewährleiste, betont Daniel Jeanmonod. Dabei werden ohne Einschnitt ins Gehirn Schallwellen gebündelt auf die entsprechende Stelle im Gehirn gerichtet, die damit durch Wärme inaktiviert werden. «Im zuvor exakt bestimmten drei bis vier Millimeter messenden Schnittpunkt der Schallwellen wird das Gewebe sekundenschnell auf bis zu 60 Grad Celsius erhitzt, wodurch die defekten Nervenzellen oder -bahnen durch Wärme beseitigt werden.»

Das Kernstück des Systems bildet ein Helm, der über den Kopf gestülpt wird. Dieser ist ausgestattet mit rund 1000 Ultraschallsendern, die computergesteuert sind und direkt auf die zu behandelnde Stelle fokussiert werden. Die Patienten sind während des rund drei- bis fünfstündigen Verfahrens bei vollem Bewusstsein. Gesteuert und überwacht wird die Behandlung durch Magnetresonanz-Bilder, die im 3-Sekunden-Takt erstellt werden.

Diese Technik, die ohne Einschnitt auskommt, schliesse eine Infektion aus und vermindere das Blutungsrisiko. «Bis jetzt haben wir in Solothurn bei mehr als 280 durchgeführten Ausschaltungen mit Ultraschall keine einzige Blutung erlebt», hält Daniel Jeanmonod fest. Blutungen können bei allen Techniken mit einem mechanischen Eindringen in das Gehirn zwei bis vier Mal pro 100 Fällen geschehen. Die Präzision des Zielprozesses, die als Qualitätskontrolle bei allen Interventionen bestimmt wird, liegt bei der Ultraschall-Methode bei einem halben Millimeter. Jeanmonod: «Diese Präzision kann bei Operationen mit Eindringen ins Gehirn nicht erreicht werden, weil das Gehirn beweglich ist und mehr oder weniger durch die eingeführte Sonde verschoben werden kann.»

Emotionale Faktoren

Bei Parkinson und Phantomschmerzen tritt in mindestens 60 Prozent der Fälle eine Verbesserung um 50 bis 100 Prozent ein. Beim «essentiellen und Parkinsonschen Tremor» ist dies in mehr als 80 Prozent der Fälle zu beobachten. «Emotionale Faktoren wie Ängste oder Nichtakzeptanz hemmen oft den Genesungsprozess.» Das hängt damit zusammen, weil unsere breiten mentalen Hirnareale jegliche sensorische oder motorische Funktion kontrollieren. Somit kann die Angst eines Rückfalls zum Beispiel die Symptome produzieren, von denen der Patient befreit werden will. Der Neurochirurg ist damit immer auch ein wenig Psychotherapeut. «Die Vorbesprechungen und auch die Nachbetreuung der Patienten spielen eine zentrale Rolle», weiss der Spezialist.

Die umfassende Betreuung der Patientinnen und Patienten erlaube denn auch nicht mehr als eine Ultraschallbehandlung pro Woche. «Wir haben rund 45 Interventionen pro Jahr.» Die ganzheitliche Patientenbetreuung verbunden mit den hohen Anforderungen an die akademische und technologische Qualität mache eine bedeutsame Mengenausweitung «weder denkbar noch wünschenswert». Die Wartefrist für neue Patienten beträgt zurzeit rund drei bis vier Monate. Die Patienten stammen dabei je zur Hälfte aus der Schweiz und dem Ausland. Trotz neuester Technik sei die Ultraschall-Methode «eindeutig günstiger» als die etablierte Behandlungsmethode, hält Daniel Jeanmonod fest. Die Kosten dafür liegen in einem tiefen fünfstelligen Bereich.