Auf einen Kaffee mit...
«Ohne ausländische Arbeiter könnten die ICT-Abteilungen ihren Bedarf nicht decken»

Die Perspektiven für junge Menschen in der ICT-Branche sind ausgezeichnet. Sonderlich beliebt sind die Informatikberufe bei der Jugend aber trotzdem nicht. Jörg Aebischer, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz, will dem entgegenwirken.

Sven Altermatt
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Jörg Aebischer (43) führt ICT-Berufsbildung Schweiz.

Jörg Aebischer (43) führt ICT-Berufsbildung Schweiz.

Hansjörg Sahli

Nachwuchs dringend gesucht: Im Jahr 2020 werden der Schweizer Wirtschaft 25 000 Informatikfachkräfte fehlen, falls sich nichts Grundlegendes ändert. Die Job-Perspektiven von Informatikern und anderen Spezialisten sind deshalb hervorragend.

Junge Menschen allerdings rührt das wenig: In ihren Augen ist die Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) trocken und komplex. Warum eigentlich? Gehören die Jungen nicht zu jener Generation, für die das Internet ein zweites Zuhause ist? Zu jener Generation, die immer vernetzt, immer erreichbar und immer offen für Neues scheint?

In einem Solothurner Kaffee treffen wir den Mann, der diesen Kontrast vielleicht erklären kann: Jörg Aebischer. Der Recherswiler ist Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz, dem Nachwuchs-Verband der Schweizer Informatikbranche mit Sitz in Bern.

Man kann auch sagen, Aebischer ist so etwas wie der Aussenminister einer Berufsgruppe, die trotz ihrer Grösse kaum im Rampenlicht steht. Also, warum fehlt ausgerechnet einer zukunftsträchtigen Branche der Nachwuchs?

«Zusammengefasst gesagt: Weil viele ein völlig falsches Bild von einem ICT-Beruf haben.» Ganz einfach. Aebischer lächelt spitzbübisch. Der 43-Jährige hat sich an solche Fragen gewöhnt, sie gehören zum täglichen Geschäft.

Ausländische Fachkräfte

Spätestens seit der SVP-Initiative «Gegen Masseneinwanderung» ist Fachkräftemangel kein abstrakter Begriff mehr. Jörg Aebischer weiss: «Ohne ausländische Arbeiter könnten die ICT-Abteilungen ihren Bedarf nicht decken.»

Selbst dann nicht, wenn der Verband sein grosses Ziel erreicht und es bis 2020 in der Schweiz 12 000 Lehrverhältnisse im ICT-Bereich gibt - ein Fünftel mehr als heute. Warum richtet Aebischer sein Augenmerk überhaupt so stark auf die Berufslehren? Weil über 90 Prozent der ICT-Abschlüsse auf einer Lehre aufbauen - nicht einmal zehn Prozent sind universitär.

«Gibt es zu wenig Lehrabgänger, fehlt es später auch an Absolventen von höheren Berufsbildungen und Fachhochschulen», sagt Aebischer. Ein Teufelskreis.
Nun sprudelt es nur so aus dem studierten Betriebswirtschafter heraus.

Zahlen, Einschätzungen und vor allem: harte Fakten. Untermauert mit Folien, die er auf seinem iPad präsentiert. Er will in der schnellen Informatikbranche am Ball bleiben; will Ängste und falsche Vorstellungen verstehen - und diese bekämpfen. Baustellen gibt es genug.

Beispiel Frauen. «Da ist noch viel Überzeugungsarbeit nötig», räumt Aebischer ein. Tatsächlich beträgt der Frauenanteil in der ICT-Branche gerade einmal 13 Prozent. Das technokratische Image der Informatik müsse endlich aufgebrochen werden, fordert Aebischer.

«Denn gerade kommunikative und kreative Fähigkeiten sind in ICT-Berufen wichtig.» Diese seien alles andere als trocken. Dass in den neuen Imagefilmen der ICT-Berufe vor allem junge, dynamische Mädchen am Computer zu sehen sind, ist deshalb kein Zufall.

«Natürlich werden auch Jungs weiterhin gesucht», betont Aebischer. Es geht aber nicht nur darum, Schüler zu begeistern. «Heute müssen auch die Eltern ins Boot geholt werden.» Die Berufswahl werde nämlich zu einem grossen Teil von diesen geprägt.

«Sie wünschen sich Sicherheit und gute Perspektiven. Genau das bietet die ICT.» Vom neuen Lehrplan 21 allerdings hat er sich mehr erhofft. Er sei enttäuscht, sagt Aebischer. «Es reicht nicht, wenn man Schülern in der ICT nur Anwenderwissen vermittelt.»

ICT in der Politik

Jörg Aebischer blickt durchs grosse Fenster auf die Aare, die an diesem Wintermorgen in der Sonne glänzt. Dann kommt er auf eine weitere Baustelle zu sprechen: die Untervertretung der ICT in der Politik.

Einzig der Zürcher FDP-Nationalrat Ruedi Noser, der auch im Vorstand von ICT-Berufsbildung Schweiz sitzt, setze sich für die Anliegen der Informatik ein. «Die Landwirtschaft hat etwa 30 Vertreter im Parlament, wir einen», sagt Aebischer.

Dabei steht die ICT-Branche an fünfter Stelle der Wertschöpfung, mit 180 000 Beschäftigten ist sie ein echtes Schwergewicht. «Allein darum müssen wir Verständnis für unsere Anliegen schaffen.»

Sich selbst sieht Aebischer «als eine Art Vermittler» zwischen ICT und Politik. In Feldbrunnen, wo er aufgewachsen ist, war der Familienvater während zehn Jahren Gemeinderat. Will Aebischer bald in die Politik wechseln? Er winkt ab: «Im Moment bin ich Verbandsmensch mit Leib und Seele.»

Ein Wechsel scheint allerdings auch gar nicht notwendig. «Seit der Gründung unseres Verbandes vor drei Jahren konnten wir einiges bewegen», freut sich Aebischer. Das damals gesteckte Ziel, bis 2015 tausend neue ICT-Lehrstellen zu schaffen, wurde bereits 2013 erreicht.

Doch der Kampf gegen den Fachkräftemangel geht weiter. Erst wenn dieser ausgemerzt sei, schmunzelt Aebischer, habe er seinen Job erfüllt. Die Welt der Bits und Bytes wird Jörg Aebischers Leben wohl also noch einige Zeit bestimmen.

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