Gastkolumne
Ode an das Velo

Gastkolumne von Beat Frey über die Ausgaben des Staates für den öffentlichen Verkehr.

Beat Frey
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Beat Frey: «Das Velo ist ein Verkehrsmittel, das man nutzen kann, wann man will. »

Beat Frey: «Das Velo ist ein Verkehrsmittel, das man nutzen kann, wann man will. »

Barbara Scherer

Der Verband Pro Velo will offenbar einen Massnahmenkatalog zur Veloförderung unter Kindern und Jugendlichen ausarbeiten. So konnten wir es vergangenes Wochenende in der «Schweiz am Sonntag» lesen. Die junge Generation fahre weniger Velo als vor 20 Jahren. Nur noch halb so viele Kinder und Jugendliche wie Anfang der 1990er-Jahre seien heute mit dem Velo unterwegs. Pro Velo mutmasst, dass die Jugendlichen aufgrund längerer Schulwege vermehrt die öffentlichen Verkehrsmittel benützen und die jüngeren Kinder von den Eltern mit dem Auto chauffiert werden.

Die Mutmassungen der Pro Velo stim-men mit meiner Einschätzung überein: Bei der jungen Generation steht der öffentliche Nahverkehr höher im Kurs als das Velo. Als verfehlt erachte ich jedoch die Absicht, angesichts dieses Missstandes einzig staatliche Massnahmen zur Förderung des Veloverkehrs zu propagieren. Das Problem sollte wie immer an der Wurzel gepackt werden. Weshalb benutzen nur noch halb so viele Junge wie vor 20 Jahren das Velo? Ja, man muss das Kind beim Namen nennen: Weil der öffentliche Nahverkehr zu attraktiv geworden ist!
Aktuell werden überall die Budgets für das nächste Jahr behandelt. Die Aus-gaben für den öffentlichen Verkehr sind aber nie ein Thema. Soweit es um den Schienenverkehr geht, ist nichts dagegen einzuwenden. Die Bahnbetriebe sind Vorzeigeunternehmen, auf die wir stolz sein können. Was die SBB und Postauto – nicht zu verwechseln mit der maroden Briefpost – bieten, ist schlicht und einfach genial: Pünktlich und komfortabel wie nirgends sonst auf der Welt können wir in fast jede Ecke der Schweiz reisen. Die Ausgaben des Staates für den öffentlichen Verkehr sind in der Politik jedoch ein Tabuthema. Vor den Erneuerungswahlen im Kanton Solothurn im nächsten Jahr gilt das wohl erst recht. Ich meine aber: Der Fahrplan der Busbetriebe rund um unsere drei Städte im Kanton könnte ohne weiteres halbiert werden. Indes mögen sich weder die Partei, der ich als Mitglied angehöre (mehr Freiheit – weniger Staat – mehr Selbstverantwortung) noch die rechtsaussen positionierte SVP oder die velo-freundlichen Grünen für diese Forderung erwärmen.

Der öffentliche Nahverkehr punktet mit einem Fahrplan, den man meist nicht mehr konsultieren muss. Weshalb soll ich dann noch den mühsamen Weg wählen und das mit Muskelkraft und bei unangenehm feuchter Witterung in Bewegung zu setzende Velo aus dem Keller holen? Auf dem Weg zur Schule oder zum Arbeitsort muss ich zudem dem Bus, der weiterfahren will, stets den Vortritt lassen und dasselbe gilt bei jedem Lichtsignal. Privilegierung des öffentlichen Verkehrs über alles. Im Gegensatz zum Auto kann ich dabei aber nicht einfach aufs Pedal treten, sondern muss meine Muskelkraft einsetzen. Das merken sich natürlich auch Schüler, Kinder und Jugendliche und fahren nicht mehr Velo.

Das Velo ist ein Verkehrsmittel, das man nutzen kann, wann man will. Für mich als liberaler, freiheitsliebender Mensch das ideale Verkehrsmittel. Staatliche Unterstützung und einen so ausgedehnten Busverkehr in Solothurn, Olten und Grenchen braucht es nicht. Es wäre doch so einfach, den öffentlichen Nahverkehr auf die Hälfte zu beschränken, mit der Folge, dass die Jungen wieder mehr Velo fahren würden und wenn sie erwachsen sind nicht gleich einen grossen BMW leasen und dann ihre eigenen Kinder damit zur Schule chauffieren.

Zugegebenermassen überspitzt darge-stellt: 1988 in Ostberlin bezahlten wir 20 Ostpfennig oder umgerechnet 6 Schweizer Rappen für eine U-Bahn-Fahrkarte. Die Benutzung des öffentlichen Verkehrs in der sozialistischen DDR war somit fast gratis. Wie wir alle wissen, ging die DDR bankrott – die staatlich geförderte Verkehrspolitik hatte ebenfalls dazu beigetragen. Beim öffentlichen Nahverkehr kann man viel sparen. Und das Einsparungspotenzial ist nicht gering – meiner Meinung zum Wohle und der Gesundheit aller.

Der Autor ist Gemeindepräsident von Wangen bei Olten und solothurnischer Oberrichter.