Lehrerausbildung

Oberster Lehrerausbilder Hermann Forneck: Der Visionär ohne Gefolgschaft

Professor Hermann Forneck (63) möchte einen visionären Lehrplan 21.Raphael Hünerfauth

Professor Hermann Forneck (63) möchte einen visionären Lehrplan 21.Raphael Hünerfauth

Er wäre gerne Rektor einer Universität. Doch Hermann Forneck ist nur Direktor der Pädagogischen Hochschule. Daran leidet er. Mit seiner Vision der «Leistungskultur» erntet er viel Kritik. Allen voran von den Dozierenden selbst.

Die Wogen gehen hoch. Doch der Direktor ist im Ausland und deshalb diese Woche nicht zu sprechen. Dabei gehen die Wogen wirklich hoch, die gegen Hermann Forneck, Direktor der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (PH FHNW), branden. Vor Wochenfrist hat der oppositionelle Verband Dozierende Nordwestschweiz (VDNW) die Resultate einer Zufriedenheitserhebung unter den Mitarbeitern über die «NZZ am Sonntag» gezielt in die Schlagzeilen gebracht.

Die Studie, die gegen den Widerstand der PH-Führung auf den Weg gebracht worden ist, zeigt für die Lehrerschmiede beschämende Resultate: Besorgniserregender etwa als Alltagssorgen wie Arbeitsüberlastung ist dabei der Befund, dass zwei Drittel der Dozierenden nicht hinter der Strategie stehen.

Christian Irgl, der Sprecher von Hermann Forneck, versucht zu relativieren. Gegen die Arbeitsüberlastung habe man Massnahmen eingeleitet. Er erhalte zudem viele Mails von Mitarbeitern, die sich durch die Art, wie der VDNW die Resultate aufbereitet habe, missbraucht sehen. Irgls Tenor: Alles nicht so schlimm.

Forneck hat sich über die Jahre schalldicht gegen jede Form von Opposition abgeschottet. 2006 ist er angetreten, die PH völlig umzubauen. In einem internen Strategiebericht von 2010 sah er den Umbau als abgeschlossen, bis 2013 sollte es um die Entwicklung einer «Leistungskultur» gehen. Sowohl der Umbau wie die angestrebte «Kultur» zielten darauf, aus der Fachhochschule einen akademischen, quasi-universitären Betrieb zu machen. Aufbauend auf vierzig Professuren sollte die PH gleichgewichtig zur Lehrerausbildung die Forschung ankurbeln. Forneck redet von «Wissensproduktion» und «Wissensdistribution».

Forneck war schon bald mit der Kritik konfrontiert, sein Kurs ziele an der Lehrerausbildung vorbei und sei nicht praxisnah. Doch dies berührte ihn nicht, er sah es vielmehr als Bestätigung dafür, dass seine Hochschule noch nicht die intellektuelle Flughöhe erreicht hatte, die ihm vorschwebt. Wie sehr er darunter litt, wurde deutlich, als er sich 2009 bei seiner ehemaligen Universität Giessen um eine Professur bewarb und sein Rückwanderungsgelüst mit dem «intellektuellen Umfeld» begründete, das ihm in der Schweiz fehle. Der Affront flog auf, seither baut Forneck an der intellektuellen Aufrüstung der FHNW.

Mit seinem Anliegen, an seiner Hochschule sollten auch Dissertationen abgenommen werden, scheiterte er zwar. Quantitativ kann er jedoch den Forschungserfolg vorweisen, dass vier von fünf Forschungsfranken, die vom Nationalfonds für Pädagogische Hochschulen gesprochen werden, in die FHNW fliessen. Und zudem hat sich die Studierendenzahl seit 2006 verdoppelt.

Der VDNW ist zwar der einzige Verband, der Forneck wiederholt massiv unter öffentlichen Druck setzt. Doch in weniger öffentlichen Kreisen äussern auch andere ihre Unzufriedenheit mit Fornecks «Leistungskultur». Im März war es etwa Klaus Fischer, der als damaliger Solothurner Regierungsrat an der Hochschulkonferenz die «reale Situation» schilderte, dass PH-Abgänger ihre Ausbildung als zu wenig praxisbezogen erfahren hätten. Fischer sprach sich nicht generell gegen Forschung an der Fachhochschule aus, doch «die Flughöhe sollte die konkrete schulische Praxis sein».

Wie weit Forneck an den Realitäten vorbeisegelt, nimmt im aktuellen Basler Schulblatt Pierre Felder, Leiter Volksschulen, ironisch aufs Korn: Nachdem Forneck kürzlich in der NZZ aus der Vogelperspektive den neuen Lehrplan 21 als wenig zukunftsgerichtet kritisierte, meint nun Felder: «Die Schule ist ein Tausendfüssler und braucht viele kleine Schritte für eine grosse Strecke.» Und an die Adresse von Forneck: «Grosse Sprünge sind anderen vorbehalten.»

Der finale Widerstand wird sich allerdings gegen Forneck, Jahrgang 1950, nicht formieren. Dazu ist seine Regentschaft zu endlich. Sein potenzieller Nachfolger steht auch schon bereit: Morgen Montag hat Alexander Hofmann seinen ersten Arbeitstag als neuer Vizedirektor der PH FHNW. Als ehemaliger Geschäftsführer des Bildungsraums Nordwestschweiz ist der Aargauer Spitzenbeamte schon heute mit den konkreten Verhältnissen vertrauter als der Professor aus Giessen nach sieben Jahren.

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