«Ich bin gut aufgenommen worden in Brüssel», sagt Giorgio Tuti. Der Solothurner wurde am vergangenen 9. März zum Präsidenten der Eisenbahnsektion der Europäischen Transportarbeiter Föderation (ETF) mit Sitz in der EU-Hauptstadt gewählt.

Tuti, in Gerlafingen aufgewachsen und heute in Langendorf wohnend, ist seither oberster europäischer Bahngewerkschafter. An mehreren Sitzungen im Plenum und im Vorstand seien die Schwerpunkte und Ziele für die bis 2022 dauernde Legislatur festgelegt worden. Die Arbeit sei vielfältig und spannend, und manchmal fühle er sich nur schon wegen den Dimensionen der Organisation «in einer anderen Welt», sagt er lachend.

«Grenzenlose Mobilität»

Was er damit meint, zeigen einige Zahlen. Die in Brüssel angesiedelte Sektion umfasst 83 Eisenbahngewerkschaften aus 37 europäischen Ländern und repräsentiert rund 850'000 Beschäftigte. Hauptberuflich vertritt Tuti als Präsident der Schweizer Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) die Interessen von rund 41'000 Mitgliedern. Der europäischen Gewerkschaft gehören Vertreter von EU- und Nicht-EU-Staaten an. «Die stark zunehmende Mobilität ist aber grenzenlos, alle sitzen somit sozusagen im selben Zug.»

Deshalb sei es auch kein Problem, dass er aus einem Nicht-EU-Land komme. «Die Nationalität spielt keine Rolle. Im Vordergrund steht vielmehr die gemeinsame Arbeit als Gewerkschaft für das Wohl der in der Branche Beschäftigten.» Die Schweiz sei keine Insel. Es sei für die Gewerkschaft SEV wichtig, in der «Europa-Zentrale» präsent zu sein. Denn alles, was dort im Bereich des Verkehrswesens beschlossen werde, werde auch in der Schweiz umgesetzt. Unser Land sei etwa über das Landverkehrsabkommen eng mit der EU verbunden. «Deshalb muss auch die Gewerkschaftsarbeit grenzüberschreitend angepackt werden», ist der 53-Jährige überzeugt.

Wie bereits im Vorfeld seiner Wahl angekündigt, will er sich vor allem für den Dialog zwischen den Sozialpartnern im Eisenbahnsektor auf europäischer Ebene einsetzen. Seit dem 1. Dezember ist Tuti auch Präsident des sogenannten «Sozialen Dialogs», eine Art runder Tisch. Diesem gehören je 28 Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter sowie Vertreter der EU-Kommission an.

Tuti spricht von einem «Relaunch», nachdem die Verhandlungsplattform in den letzten Jahren etwas ins Stocken geraten sei. Und dieser sei bereits gelungen. Das Arbeitsprogramm und die Schwerpunkte seien verabschiedet, berichtet der Solothurner. Wie wirken sich die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung im Bahnverkehr auf die Situation der Beschäftigten aus? Mit welchen tauglichen Mitteln soll der Frauenanteil im Bahnsektor gesteigert werden? Wie kann die Bahnsicherheit in einem offenen, dem Wettbewerb ausgesetzten europäischen Eisenbahnverkehr erhöht werden?

Es gehe darum, so Tuti, die Arbeitsbedingungen auch tatsächlich zu kontrollieren und allenfalls zu sanktionieren. Ebenso wichtig sei, dass die Qualifizierung in sicherheitsrelevanten Berufen sichergestellt werde. Ein spezielles Augenmerk will der Solothurner auch auf die Leiharbeit richten. Allein in Deutschland vermittelten 160 Temporärbüros ausschliesslich Jobs im Eisenbahnverkehr, vielfach unter Umgehung der Bestimmungen der Gesamtarbeitsverträge (GAV). Kurz: «Wir wollen das Lohn-, Arbeitszeit- und Sozialdumping bekämpfen».

Schweizer GAV als gutes Beispiel

Gerade weil Tuti der Sozialpartnerschaft in der hiesigen Eisenbahnbranche grundsätzlich ein gutes Zeugnis ausstellt, ist er überzeugt, dass die Mitarbeit der Schweizer Gewerkschaft im «Sozialen Dialog» einen Beitrag leisten könne. Die Schweiz geniesse europaweit nicht nur wegen des gut funktionierenden öffentlichen Verkehrs ein positives Image, sondern auch eben wegen der gelebten Sozialpartnerschaft. Der GAV in der Schweiz mit den SBB werde in Europa immer wieder als gutes Beispiel genommen. Er werde versuchen, die hiesigen Erfahrungen auf europäischer Ebene einzubringen. «Denn wir müssen verhindern, dass wegen der Liberalisierung und des Wettbewerbs das Personal unter die Räder kommt.»

Trotz seines Engagements auf europäischer Ebene bleibe das Präsidium des SEV sein «Hauptgeschäft». Tuti erwähnt als wichtigstes Traktandum die 2018 anstehenden Verhandlungen mit den SBB und den SBB Cargo über einen neuen Gesamtarbeitsvertrag. Der SEV setze sich in Zeiten der Automatisierung und Digitalisierung für einen besseren Kündigungsschutz der Bahnmitarbeitenden ein. Zudem gelte es, die Arbeitszeitmodelle im Zusammenhang mit dem Gesundheitsschutz zu verbessern. Ferner sei die Lohnentwicklung für jüngere Mitarbeitenden zu beschleunigen.

Widerstand gegen Fernbusse

Ein weiteres Konfliktfeld öffnet sich für Giorgio Tuti im Bereich des Fernbusverkehrs innerhalb der Schweiz. Darin sieht er «einen krassen Widerspruch zur geltenden Verkehrspolitik mit der Bahn als Hauptverkehrsmittel.» Das Zürcher Busunternehmen Domo-Reisen, das ein Konzessionsgesuch für mehrere Buslinien eingereicht hat, wolle mit Dumpingpreisen die SBB konkurrenzieren. Auch fürchtet sich Tuti vor schlechten Arbeitsbedingungen für die Buschauffeure.

Noch steht der Konzessionsentscheid des Bundesamtes für Verkehr aus. Aber falls das Amt Ja sage, müsse Domo sofort einen Gesamtarbeitsvertrag abschliessen. Und zwar mit vergleichbaren Bedingungen, die für das SBB-Personal im Fernverkehr gelten. Derzeit gewinnt das Thema an Brisanz. Denn jüngst wurde bekannt, dass auch die Aargauer Busfirma Eurobus ein Konzessionsgesuch beim BAV für nationale Fernbuslinien eingereicht hat.