Bauwirtschaft
Oberster Baumeister: «Es findet ein enormer Preiskampf statt»

Dumpingangebote und Bautourismus drückten die Marge der Solothurner Firmen, sagt Bruno Fuchs, Präsident des Baumeisterverbandes. Er befürchtet, dass es bei steigenden Zinsen für Firmen im Wohnungsbau kritisch wird.

Franz Schaible
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Bruno Fuchs, Präsident des Baumeisterverbandes Kanton Solothurn.

Bruno Fuchs, Präsident des Baumeisterverbandes Kanton Solothurn.

Solothurner Zeitung

Die Bauwirtschaft im Kanton Solothurn sei seit Jahren robust unterwegs, sagt Bruno Fuchs, Präsident des Baumeisterverbandes Solothurn. Sorgen bereite aber die Entwicklung der Marge, ausgelöst durch einen enormen Preiskampf. Er appelliert an die Firmen, «die Arbeit nicht zu verschenken».

Die Baukräne prägen seit Jahren unverändert die Landschaft, auch im Solothurnischen. Gleichzeitig sind die Umsätze der Branche 2017 gesunken. Befindet sich die Bauwirtschaft nun weiterhin im Steigflug oder kommt es zur Trendwende?

Bruno Fuchs: Der Umsatz sank zwar gegenüber dem Vorjahr tatsächlich um 12 Prozent auf rund 405 Millionen Franken. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass 2016 ein aussergewöhnliches Jahr gewesen ist; geprägt durch Grossprojekte wie Biogen Luterbach, das Bürgerspital Solothurn oder die Tunnels Eppenberg und Belchen, welche alle 2016 voll zu Buche schlugen. Im langjährigen Schnitt war 2017 trotz Rückgang ein sehr gutes Geschäftsjahr.

Zur Person:

Der 55-jährige Bruno Fuchs ist seit 15 Jahren Mitglied im Vorstand des Baumeisterverbandes Solothurn und seit 2011 dessen Präsident. Dem Verband gehörten rund 100 Baufirmen mit 1600 Angestellten an. Der Eidg. diplomierte Baumeister ist CEO und Inhaber der BN Bau-Net Gruppe mit Hauptsitz in Kappel. Die Firmengruppe beschäftigt 185 Mitarbeitende.

Also ist vorerst keine Trendwende zu erwarten?

Wenn wir den Auftragseingang als Basis nehmen, wird auch 2018 ein insgesamt erfreuliches Jahr. Die Auftragsbücher waren Anfang 2018 mit Bauvorhaben im Wert von 371 Millionen Franken gefüllt, gut 10 Prozent über dem Vorjahr. Was uns dagegen nachdenklich stimmt, ist die Entwicklung der Arbeitsvorräte, welche Ende 2017 rund 20 Prozent unter dem Vorjahreswert liegen. Insbesondere im Tiefbau ist der Rückgang überdurchschnittlich hoch. Das bedeutet, dass wohl viele übers Jahr eingegangene Aufträge Ende Jahr bereits wieder abgearbeitet worden sind.

Auffallend ist, dass die Untersparte Wohnungsbau weiterhin wächst, sowohl was den Umsatz wie den Auftragseingang betrifft. Seit 2010 hat sich der Umsatz mehr als verdoppelt. Ist das noch gesund?

Das ist angesichts der in den letzten Jahren hochgezogenen Wohnungen und Häuser sehr erstaunlich. Es droht die Gefahr, dass der Markt bald nicht mehr alle Wohnungsneubauten schlucken kann.

Werden Wohnungen auf Halde gebaut?

So weit sind wir noch nicht. Aber die stetig steigende Leerwohnungsziffer im Kanton ist alarmierend. Diese erhöhte sich von 2,1 Prozent im 2014 auf nun 2,9 Prozent. Das heisst, am Stichtag 30. Juni 2017 stand jede 34. Wohnung leer. Das ist das höchste Niveau in der Schweiz. Die Aussagekraft der Quote ist zwar beschränkt, weil es die Situation an einem Stichtag abbildet. Aber der immer mit der gleichen Methode errechnete Trend zeigt, dass die Zahl der leerstehenden Wohnungen eindeutig wächst. Die regionalen Unterschiede sind allerdings gross. Die Quote reicht von 0,7 Prozent im Bucheggberg oder 0,9 Prozent in der Stadt Solothurn bis zu 4,5 Prozent im Bezirk Olten.

Welches sind die Hauptgründe für den weiterhin boomenden Wohnungsbau?

Daran hat sich in den vergangenen Jahren nichts verändert. Das anhaltende historisch tiefe Zinsniveau ist der Haupttreiber. Einerseits herrscht bei potenziellen institutionellen und privaten Anlegern ein absoluter Anlagenotstand. Es gibt praktisch keine Alternativen. Die Pensionskassen beispielsweise müssen strukturiert in Liegenschaften anlegen. Wenn in einem Mehrfamilienhaus drei von zehn Wohnungen vermietet werden können, liegt die Rendite über dem Soll von einem Prozent. Gleichzeitig ist es für Private angesichts der tiefen Hypothekarzinsen verlockend, sich den Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen.

Bislang sind primär Altwohnungen von Leerständen betroffen. Besteht nun die Gefahr, dass künftig auch Neuwohnungen leerstehen werden?

Ich denke: Ja.– Insbesondere was Mietwohnungen betrifft. Bei Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen ist die Gefahr geringer, weil diese meist erst gebaut werden, wenn Käufer vorhanden sind. Derzeit findet ein Verdrängungskampf zwischen neuen und alten Wohnungen statt. Aber einmal geht die Nachfrage zurück und auch Neuwohnungen werden leer bleiben.

Welche Entwicklung erwarten Sie für die Branche im laufenden Jahr?

2018 wird es aufgrund der erwähnten Auftragseingänge nicht zu einem Abriss kommen. Ich erwarte eine ähnliche Entwicklung wie im Vorjahr. Was fehlt, sind Grossprojekte, speziell im Tiefbau. Zwar stehen Projekte wie der Sechsspurausbau der A1 oder die Umfahrung Balsthal vor der Tür, aber davon wird die Baubranche erst später profitieren.

Und wenn die Zinsen steigen?

Das könnte sich sehr rasch auf die Bautätigkeit im Wohnungsbau auswirken. Denn dieser Bereich ist wichtig, trägt er im Kanton Solothurn doch fast 80 Prozent zum Hochbau und immerhin ein Drittel an das gesamte Bauvolumen bei.

Über alles gesehen, müssen Sie als Baumeisterpräsident zufrieden sein mit der Geschäftsentwicklung.

Das sind wir auch. Die letzten Jahre waren gute Jahrgänge und auch das erste Halbjahr 2018 ist gut verlaufen.

Trotzdem beklagen Sie immer wieder die schwierige Margensituation. Bei einer hohen Nachfrage sollten doch auch anständige Margen erwirtschaftet werden können?

Das ist ein schwierig erklärbares Phänomen. Es findet ein enormer Preiskampf statt. Der Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage spielt bei den Baufirmen nicht. Einerseits drängen regelmässig neue Anbieter auf den Markt. Diese drücken mit Dumpingangeboten das Preisgefüge. Zudem ist der Kanton dank der zentralen geografischen Lage fast von der ganzen Schweiz aus sehr gut erreichbar, was die Zahl der Anbieter zusätzlich erhöht. Ich spreche von Bautourismus.

Was kann der Baumeisterverband gegen solche Billigstangebote ausrichten?

Nichts. Ich kann höchstens an die Baufirmen appellieren, ihre Preisgestaltung zu überdenken. Die Vorkalkulationen der Bauherrschaft werden oft im zweistelligen Prozentbereich unterschritten. Es gilt, die Arbeit nicht zu verschenken, sondern fair zu kalkulieren.

Wie viel teurer ist es, heute ein Haus zu bauen als vor fünf Jahren?

Gar nicht, die Baubranche produziert günstiger. Was teurer geworden ist, sind Land, Bewilligungen, Gebühren, usw.

Führt das dazu, dass bei einem Rückgang der Nachfrage etliche Firmen nicht mehr überlebensfähig sein werden?

Das ist so, insbesondere für Firmen, welche ausschliesslich im Wohnungsbau tätig sind. Falls dort die Aufträge um 15 bis 20 Prozent zurückgehen, wird es für viele kritisch. Was der Branche entgegenkommt ist einerseits der wirtschaftliche Aufschwung, welcher tendenziell zu mehr Gewerbe- und Industriebauten führen wird. Andererseits wird der erwähnte Verdrängungskampf dazu führen, dass der Druck auf die Sanierung von Altliegenschaften steigen wird.

Wäre es da nicht verlockend, analog der Branche im Bündnerland, Preise abzusprechen, um die Marge zu erhöhen?

Nein, überhaupt nicht. Wir distanzieren uns in aller Form von Geschäftsgebaren, wie sie gemäss der Wettbewerbskommission im Unterengadin systematisch betrieben worden sind. Unser Verband hat keine Preisabsprachen organisiert, gefördert oder dazu eine Plattform geboten. Ich sitze jetzt seit 15 Jahren im Vorstand und bin seit sieben Jahren Präsident. In dieser Zeit ist so etwas nie passiert.

Aber gibt es Preisabsprachen unter Firmen, von welchen der Verband keine Kenntnisse hat?

Da kann ich keine Garantie abgeben, weil ich es nicht weiss. Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Das geltende Wettbewerbsgesetz ist zu befolgen, ohne Ausnahme. Und wenn wir mit unseren Preisen kostendeckend arbeiten wollen, müssen wir auf politischem Weg beim öffentlichen Beschaffungswesen Änderungen anpeilen. Der Grundsatz – der billigste ist der Beste und erhält den Zuschlag – ist sicherlich zu überdenken.

Sozialpartnerschaft auf dem Prüfstand

Als «weniger gut» beurteilt Bruno Fuchs, Präsident des Baumeisterverbandes Solothurn, die auf Landesebene anstehenden Verhandlungen mit den Sozialpartnern. Es gehe um zwei unabhängige Geschäfte, den Flexiblen Altersrücktritt (FAR) und den Landesmantelvertrag (LMV). Der FAR werde mit Beiträgen der Arbeitgeber (5,5 Prozent vom Monatslohn) und Arbeitnehmer (1,5 Prozent) finanziert und ermögliche bislang das Rentenalter 60 für Baumitarbeitende. Aufgrund der demografischen Entwicklung werden die geburtenstarken Jahrgänge in den kommenden Jahren in die Pension gehen – gebe es strukturelle Probleme. «Das System muss saniert werden, um den FAR zu retten», sagt Fuchs. Es gehe darum, über Leistungsanpassungen zu diskutieren. Möglich wären eine Rentenkürzung oder länger zu arbeiten. Nur die Anhebung der Lohnbeiträge, wie sie die Gewerkschaft Unia fordert, sei keine Lösung. Für die Unia sind sowohl die Erhöhung des Rentenalters auf 61,5 Jahre oder eine Kürzung der Leistungen um 30 Prozent inakzeptabel, heisst es. Sie fordert vielmehr eine bis 2024 befristete vorübergehende Erhöhung der Beiträge um 0,75 Prozent (je hälftig von Arbeitgeber und Arbeitnehmer). Dann könnten die Sanierungsmassnahmen wieder aufgehoben werden, weil ab diesem Zeitpunkt die Zahl der Rentner wieder sinken werde.
Der Landesmantelvertrag läuft Ende 2018 aus. Die Positionen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer klaffen, so Fuchs, vorerst noch stark auseinander. Die Baumeister seien bereit, die sozialen Errungenschaften aufrechtzuhalten. Aber es brauche eine höhere Flexibilität im Bereich Arbeitseinsatz, um besser auf die Marktbedürfnisse und auf die Wetterverhältnisse reagieren zu können. Die Gewerkschaft Unia fordert unter anderem eine Lohnerhöhung um 150 Franken. Um ihre Forderungen bezüglich FAR und Arbeitsbedingungen zu unterstreichen, soll am 23. Juni in Zürich eine grosse Bau-Demo stattfinden. (FS)

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