Obergericht
Wegen sexueller Handlungen mit Heimbewohnerin vor Gericht: Angeklagter Sozialpädagoge erkennt keine Abhängigkeit

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern hat einen früheren Vebo-Mitarbeiter verurteilt, weil dieser mit einer Heimbewohnerin anzügliche Nachrichten ausgetauscht, diese zuerst im Heim, danach bei sich zu Hause missbraucht haben soll. Der mittlerweile Pensionierte akzeptierte das Urteil nicht - nun befasst sich das Solothurner Obergericht mit dem Fall.

Hans Peter Schläfli
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Nach dem Amtsgericht befasste sich das Obergericht mit dem Fall.

Nach dem Amtsgericht befasste sich das Obergericht mit dem Fall.

Hanspeter Bärtschi

Vor dem Solothurner Obergericht musste sich am Dienstag ein heutig 70-jähriger Sozialpädagoge verantworten, der eine Klientin mit kognitiven Defiziten sowohl in einem Solothurner Wohnheim der Vebo als auch bei sich zu Hause im Aargau sexuell missbraucht haben soll.

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern hatte den heutig pensionierten Schweizer in erster Instanz schuldig gesprochen, zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt und ein zehnjähriges Berufsverbot verfügt. Dieses Urteil akzeptierte der Angeklagte nicht, er verlangte vor dem Obergericht einen Freispruch.

Sexuelle Handlungen im Heim und anzügliche SMS

Vorgeworfen werden dem Sozialpädagogen die mehrfache Ausnützung einer Notlage sowie mehrfache sexuelle Handlungen mit Anstaltspfleglingen, wie das Strafgesetzbuch den Tatbestand etwas umständlich bezeichnet. Konkret soll der Sozialpädagoge von 2013 bis 2015 eine sehr junge Klientin sexuell ausgebeutet haben. Zunächst soll er sich im Wohnheim wöchentlich zu ihr ins Bett gelegt haben, wobei die sexuellen Handlungen immer konkreter wurden und schliesslich bis zum Einführen eines Fingers in die Scheide des Opfers gipfelten.

Später, als der Sozialpädagoge bereits durch das Wohnheim freigestellt worden war, hat er mit der Frau anzügliche SMS ausgetauscht und sie dazu gebracht, Videos und Fotos mit sexuellem Inhalt von sich herzustellen. «Dazu stehe ich, das ist mein Fehler», gestand er angesichts der konkreten Beweise. Er habe aber kein sexuelles Interesse am Opfer gehabt. Das sei nur wegen starker Medikamente – der Mann hatte Probleme mit der Speiseröhre – und der Einsamkeit nach der aus seiner Sicht ungerechtfertigten Freistellung passiert.

Richterin Ursulina Lupi hakte nach, es habe schon vor der Operation, welcher sich der Angeklagte unterziehen musste, solche anzüglichen Nachrichten gegeben. Dafür hatte der Sozialpädagoge keine Erklärung.

Die Anschuldigung, dass er das Opfer unter Ausnützung des Abhängigkeits- und Vertrauensverhältnisses auch zu sich nach Hause gelockt habe und sich dort sexuell befriedigen liess, bestritt der Angeklagte. Kurz vor Weihnachten 2015 habe er sich auf der Empore einer Kirche «sein bestes Stück» bis zum Orgasmus «bearbeiten» lassen, wurde das Opfer in der Anklageschrift zitiert. Er habe ihr von einem solchen Erlebnis erzählt und sie habe die Geschichte verdreht, das sei nie geschehen, sagte der Angeklagte.

Heikler Grat zwischen Distanz und Nähe

Die Verhandlung vor dem Obergericht zeigte auf, dass man in Institutionen des betreuten Wohnens besonders genau hinschauen muss, wenn sich zwischen einem Betreuer und einer Klientin ein inniges Verhältnis entwickelt.

«Sie hatte mich sehr gern. Es war extrem. Und ich hatte sie auch gerne, sie ist eine feine, junge Frau.»

So beschrieb der Angeklagte das Verhältnis.

«Distanz ist ein wichtiges Thema in Ihrem Beruf»,

meinte Obergerichtspräsident Rolf von Felten dazu. «Wie sind sie damit umgegangen?» «Alle Bewohner haben mich gerne gehabt und ich bin einer, der auch eine Umarmung zugelassen hat», sagte der Sozialpädagoge und frühere Vebo-Mitarbeiter. Er habe auch gesagt, dass er der Einzige gewesen sei, der es verstand, die junge Frau richtig zu betreuen, sagte der Obergerichtspräsident. «Ist das keine Abhängigkeit?» «Nein, das ergibt einen engen Kontakt, eine Nähe. Aber es gab keine Abhängigkeit», antwortete der Angeklagte.

Opfer fordert höhere Genugtuung

Staatsanwalt Martin Schneider hielt sich in seinem Plädoyer kurz: «Das erstinstanzliche Urteil ist ausführlich und exakt begründet. Es enthält alle wesentlichen Punkte, die der Staatsanwaltschaft wichtig sind.» Dem schloss sich Lea Leiser als Rechtsbeistand des Opfers an. Sie forderte einzig eine höhere Genugtuung. Mindestens 12'000 Franken seien angesichts des angerichteten seelischen Schadens nötig, die von der Vorinstanz gesprochen 5000 Franken genügten nicht.

Im Plädoyer der Verteidigung forderte Rechtsanwalt Stefan Semela einen vollumfänglichen Freispruch. Er stellte die Glaubwürdigkeit des Opfers in Frage und unterstellte der kognitiv beeinträchtigten Frau Rachemotive. Die Urteilsverkündung findet am Mittwoch statt.

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