Obergericht Solothurn
«Ich bin kein Monster»: Vergewaltiger von Wangen wehrt sich gegen die seiner Meinung nach «absurd» hohe Strafe

Zu über 12 Jahren Gefängnis und 12 Jahren Landesverweis hatte das Amtsgericht Olten-Gösgen einen Deutschen mit polnischer Abstammung für die Vergewaltigung mehrerer jugendlicher Mädchen im Schutzalter verurteilt. Dieser zeigt wenig Reue und verlangt vor Obergericht Entschädigung für die überlange Haft.

Ornella Miller
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Das Obergericht hat den Fall eines Vergewaltigers zu beurteilen, der sich selber als « nicht gefährlich» einschätzt.

Das Obergericht hat den Fall eines Vergewaltigers zu beurteilen, der sich selber als « nicht gefährlich» einschätzt.

Hanspeter Bärtschi

K. Nowak* (alle Namen geändert), der nun 35-jährige Deutsche polnischer Abstammung, wollte nicht 12 Jahre, 3 Monate und 4 Wochen ins Gefängnis und nicht für 12 Jahre das Land verlassen. Diese Strafen hatte ihm das Amtsgericht Olten-Gösgen Ende 2019 auferlegt. Vor allem für etliche Sexualdelikte, die er 2016 und 2017 an damals jugendlichen Mädchen im Schutzalter in Wangen bei Olten begangen hatte.

Darunter war auch mehrfache Vergewaltigung. Er hatte den Mädchen Partydrogen gegeben. Und habe psychischen Druck auf sie ausgeübt. Vor Obergericht gelangten nicht mehr alle Punkte der Anklageschrift, wegen Freisprüchen oder weil Nowak die Verurteilung nicht angefochten hatte. Sex sei laut ihm einvernehmlich erfolgt. Die Staatsanwaltschaft hatte damals sogar eine etwas geringere Strafe verlangt.

Mit Drogen gefügig gemacht

Die Mädchen stammten aus schwierigen Familienverhältnissen. Nowak habe das raffiniert ausgenutzt und sie durch Drogenabgabe gefügig gemacht, auch durch Anbieten von Wohngelegenheit. Eines der Mädchen, Cindy*, habe mit Nowak Geschlechtsverkehr gehabt, weil es einem anderen Jungen aus einer Männerclique, Tom*, habe gefallen wollen. Dieser habe es unter falschem Grund nach Langendorf gelockt, um mit ihr zu schlafen.

Tom prahlte nach dem Sex Nowak gegenüber via Handy damit. Der antwortete: «Gratuliere Tom. Anstatt mit uns zu teilen, holst sie zu dir, wie egoistisch.» Tom antwortete: «Jetzt mach ich es so, ich sage ihr, dass ich will, dass sie mit euch fickt, sonst ist alles vorbei.» Er überredete sie daraufhin, zum Trinken zu einem Kollegen nach Wangen bei Olten zu gehen. In Nowaks Wohnung waren schliesslich total vier Männer und Cindy. Alkohol floss. Tom entblösste sein Glied, forderte Cindy auf, ihn vor den andern oral zu befriedigen, was sie tat.

Sodann sagte er, dass er alles mit seinen Kollegen teilen würde, und wies Cindy an, dazu ins Schlafzimmer zu gehen. Sie sagte, dass sie das eigentlich nicht möchte. Trotzdem folgte sie ihm ins Schlafzimmer, zwei der Kollegen gingen mit ihnen, langer Gruppensex wurde vollzogen. Nowak sah es sich durch Videoübertragung mittels montierter Kamera an. Danach ging das Männertrio wieder ins Wohnzimmer, worauf Nowak ins Schlafzimmer ging. Er drang vaginal in Cindy ein, daraufhin musste sie es ihm bis zum Samenerguss oral besorgen. Sie habe der Anklage zufolge «Nein» gesagt und versucht, ihn wegzudrücken.

«Kein schlechtes Gewissen, weil er kein Gewissen hat»

«Hinterhältig, feige, ohne schlechtes Gewissen» Nach Weggang der Kollegen legten Nowak und Cindy sich schlafen. Er vollzog abermals den Geschlechtsverkehr, obwohl sie sich leicht dagegen wehrte. Einem andern Mädchen gegenüber habe Nowak gesagt, dass sie wieder bei ihm ausziehen müsse, wenn sie keine Drogen nehmen und keinen Sex haben werde.

Staatsanwalt Christoph Fricker forderte die Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils, darunter eine vollzugsbegleitende Massnahme und Sicherheitshaft. Er warf Nowak mangelnde Therapiewilligkeit und Einsicht vor. Er sei der «eigentliche Strippenzieher». Die Mädchen habe er als «Gegenstand» oder als «Tier» betrachtet. Er sei «hinterhältig», «feige», «manipulativ». Nowak habe «kein schlechtes Gewissen, weil er kein Gewissen hat. Er verkennt seine eigene Gefährlichkeit.»

Zwei Opferanwältinnen hielten fest, wie ihre drei Mandantinnen versucht haben, sich zu wehren. Auch schlimme Langzeitfolgen zeigten sie auf wie Ekelgefühle und ein Gefühl, verfolgt zu werden. Eine Jugendliche litt an einer vaginalen Infektion. Sie forderten eine Bestätigung der Genugtuungen von 25'000 und 30'000 Franken.

Amtsgericht im «emotionalen Exzess"»?

Verteidiger Roland Winiger nannte das erstinstanzliche Urteil «einseitig, parteiisch, geradezu skandalös». Das Gericht habe nur wenige Minuten beraten, so als ob das Urteil schon vorher abgesprochen gewesen sei. Die Urteilsverkündung sei ein «emotionaler Exzess» gewesen. Entlastende Umstände seien unberücksichtigt geblieben, belastende summarisch gewürdigt, was nicht gehe.

Die Jugendlichen hätten jederzeit das Haus verlassen können. Sie seien freiwillig zu Nowak gegangen. Psychischer Druck sei nicht von diesem ausgegangen, Cindy habe sich selbst unter Druck gesetzt. Darum müsse für eine Vergewaltigung eine brachiale physische Gewalt vorliegen, was nicht der Fall sei. Cindys Alkoholkonsum sei nicht bewiesen. Der Verteidiger forderte maximal 27 Monate Gefängnis, 7-jährigen Landesverweis und Entschädigung für überlange Haft.

Nowak sprach wenig, verwies auf bisherige Aussagen. Als er Vergewaltigung definieren musste, ging hervor, dass er damit erhebliche Gegenwehr verbindet, was zu Verletzungen und Schreien führe. Der gute Führungsbericht der Haftanstalt zeige, «dass ich kein Monster, nicht gefährlich bin».