Frau Dr. Angela Merkel müsste sich ein wenig aus ihrem Bürofenster lehnen. Nur ein bisschen. Sie könnte auch über ihre ganz persönliche Brücke laufen, die ihr Kanzleramt mit dem Kanzlergarten auf der anderen Seite der Spree verbindet.

Dann würde sie Obdachlose erblicken. Mitten im Regierungsbezirk, nur wenige Meter von den Augen der mächtigsten Frau Europas entfernt, leben die «Penner». Sie fanden hier unter den Brücken gedeckte Schlafplätze, als die deutsche Hauptstadt von Bonn nach Berlin zog und an der Spree ein ganzes Regierungsviertel mit modernen Glasgebäuden gebaut wurde.

Da entstand eine der wenigen zugänglichen Uferpassagen entlang der Spree mit Brücken, die Schutz vor Wind und Wetter bieten. Es gibt in Berlin Unterführungen, unter denen kleine Obdachlosen-Zeltstädte entstehen.

Obdachlose und Taglöhner

Wer samstags oder sonntags früh dem Fluss entlang joggt, sieht die liegenden Gestalten langsam aufwachen. Sie haben sich Matratzen am Boden zurechtgelegt, sie verkriechen sich in den Schlafsäcken, wenn die Sonnenstrahlen zu brennen beginnen. Es sind Deutsche, die auf der Strasse leben. Es sind osteuropäische Taglöhner, die sich kein Hostel leisten können oder wollen. Jung und Alt. Mit viel Alkohol im Blut oder auch nicht. Gepflegt oder auch nicht. Es gibt improvisierte Küchen mit Gaskocher und Pfannen.

Ganz wenige haben sich vom Sozialgeld Handys gekauft, um doch noch den Draht zu Verwandten zu halten. Ihr Hab und Gut stossen die einen tagsüber in Einkaufswägeli durch die Gegend. Andere verstauen es in Rollkoffern und mischen sich so ganz unerkannt unter die Touristen und Geschäftsleute, die zielstrebig zum nahegelegenen Hauptbahnhof laufen.

Dosenpfand als Einnahmequelle

Gleiches Thema, andere Facette: Wer über Obdachlose spricht, der kommt am Dosenpfand nicht vorbei. Das 2003 beschlossene bürokratische «Highlight» der rot-grünen Regierung Schröder mag einen umweltpolitischen Zweck verfolgt haben.

Vor allem beschert es jetzt aber armen Menschen einen Nebenverdienst. Sie halten sich an rege frequentierten Plätzen auf und durchwühlen die Mülltonnen, ob da nicht jemand, dem die paar Cents nichts bedeuten, eine Pfandflasche weggeworfen hat.

Sonntags, wenn fast alle anderen Supermärkte geschlossen sind, stehen die Flaschensammler Schlange am Pfandrückgabe-Automaten des Rewe-Ladens im Ostbahnhof. Sie werfen ihre Flaschen ein und erhalten ein paar Cents oder Euros.

Längst ist das Flaschensammeln nicht nur Obdachlosen vorbehalten. Rentner, die mit weniger als 1000 Euro monatlich auskommen müssen, laufen den Abfallkübeln entlang, schauen rein, greifen nach weggeworfenen Flaschen und nehmen sie mit.

Sie kommen leise in der Dämmerung oder spätnachts. Wenn sich die Feste zum Ende geneigt haben und nur noch der Müll der Gäste am Boden liegt, putzen sie die gläsernen Überreste der sauberen Gesellschaft weg und nehmen sie in Tragtaschen mit.

Sitzen wir abends mit einer Flasche Bier auf der Wiese am Boxhagener Platz, ist es quasi obligat, die leere Flasche stehen zu lassen und sie nicht in den Laden zurückzubringen. Damit sie jemand mitnehmen kann. Damit er oder sie ein paar Cent mehr Einkommen hat.

Es geschieht täglich. Mitten unter uns. Und für die meisten sind diese Anblicke normal geworden, während sie selber sich Gedanken machen, wo die nächsten Ferien hinführen.