Notschlafstelle
Obdachlose suchen vergebens einen Platz in der Wärme

Die Obdachlosen im Kanton Solothurn haben keine «Rückfallebene» in Form einer Notschlafstelle. Ein Verein hat jetzt angekündigt, er wolle unter anderem in Olten eine Notschlafstelle eröffnen. Die Pläne sind aber noch wenig konkret.

Morena Adimari
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Nächste Adresse: Die Notschlafstelle in Basel beherbergt teilweise auch Gäste aus dem Kanton Solothurn. Kenneth Nars/Az Archiv

Nächste Adresse: Die Notschlafstelle in Basel beherbergt teilweise auch Gäste aus dem Kanton Solothurn. Kenneth Nars/Az Archiv

Kenneth Nars

Auch im Kanton Solothurn leben obdachlose Menschen. Sie leiden in dieser Jahreszeit unter den kalten Temperaturen. Um dies zu verhindern, sind eine Reihe von Projekten ins Leben gerufen worden. Das niederschwellige Angebot einer Notschlafstelle gibt es aber in dieser Form im ganzen Kanton nicht mehr.

Auch im Aargau sucht man vergebens nach einer Notschlafstelle. In anderen Kantonen werden in den grösseren Städten seit Jahrzehnten die Notschlafstellen rege benutzt. Auch Solothurner Obdachlose finden teilweise in diesen Institutionen Unterschlupf. Um ein Bett zu finden, reisen sie nach Biel, Bern oder Basel. Diese sind aber für ausserkantonale Gäste teurer, ein Besuch «lohnt» sich nur bedingt.

Ruth Marbach, Bereichsleiterin Beratung der Perspektive Solothurn, erklärt, dass mehrere Faktoren zu einer Obdachlosigkeit führen können. Oftmals sei es die Kombination zwischen Sucht- und psychischen Problemen. Es könne aber auch sein, dass die betroffenen Personen in einer Institution waren und dann austraten. «Einige wollen oder können keine Verbindlichkeiten eingehen», sagt Marbach. Dann sei es schwierig, eine längerfristige Unterkunft zu finden.

Eine Aufgabe der Gemeinden

Konkrete Zahlen zur aktuellen Situation der Obdachlosigkeit sind kantonal nicht vorhanden. Unklar scheint auch, was mit Menschen geschieht, die einen Schlafplatz suchen. Obdachlose und problembelastete Personen können sich lediglich an die kommunalen Behörden wenden. Für Menschen in Not sind im Kanton die Einwohnergemeinden zuständig. Wie Claudia Hänzi, Leiterin im Amt für soziale Sicherheit, erklärt, sei es nicht Aufgabe des Kantons, eine Notschlafstelle bereitzustellen. Personen in einer Notlage könnten sich bei der jeweiligen Sozialregion melden. Diese sei verpflichtet, die Situation zu beurteilen und, wo nötig, eine Unterbringung zu ermöglichen, so Hänzi.

«Die letzte Chance nutzen»

Um unter anderem der Obdachlosigkeit entgegenzuwirken, bieten verschiedene soziale Institutionen betreutes und/oder begleitetes Wohnen an. In dieser Wohnform können die Klienten in einem geschützten Rahmen leben. Je nach Bedürfnis werden sie von Betreuungspersonen besucht und unterstützt.

Die Suchthilfe Ost der Region Dorneck, Gäu, Gösgen, Olten, Thal und Thierstein bietet 57 begleitete Wohnungen an: Menschen, die aufgrund von Sucht- und/oder psychischen Problemen nicht mehr alleine wohnen können, finden hier eine längerfristige Lösung. Natascha Werlen, Mitarbeiterin in der Administration der Suchthilfe Ost, erklärt, dass die Wohnungen stets besetzt seien.

Die Menschen bleiben teilweise lange in den Programmen und die Klienten werden gefördert, um einen Wiedereinstieg ins selbstständige Wohn- und Arbeitsleben erfolgreich zu meistern. Für die Massnahme «begleitetes Wohnen» müssen die betroffenen Personen bereit sein, die Anforderungen und Regeln einzuhalten.

Ein Mittelweg zwischen Notschlafstelle und begleitetem Wohnen wird in Grenchen angeboten: Notwohnungen. Die soziale Institution Netzwerk Grenchen verwaltet acht Zimmer für obdachlose Menschen. Selbstständig können die Bewohner über längere Zeit das Wohnangebot nutzen. «Viele Menschen sehen, wie sie die Obdachlosigkeit bald treffen wird», sagt Marc Lehmann, Abteilungsleiter Büro des Netzwerkes Grenchen, für solche Personen sei dieses Angebot ideal. Die Situation in den Wohnungen sei meistens friedlich und ordentlich, wie Lehmann sagt: «Es ist nicht nur ein Schlafplatz für diese Menschen, sondern ihr neues Daheim. Diese letzte Chance nutzen die meisten.»

Notschlafstelle nicht nötig?

In der Stadt Solothurn scheint, so Ruth Marbach, die Eröffnung einer Notschlafstelle nicht als dringlich. Anders könnte es hingegen in Olten aussehen. «Manchmal wäre ein solches Angebot gut», sagt Natascha Werlen. Die Führung einer Notschlafstelle sei aber nicht unproblematisch. So wäre eine solche Institution für Menschen mit einem Suchtproblem durchaus denkbar, «aber es müssen alle Obdachlosen in Betracht gezogen werden», erklärt Reno Sami, Geschäftsleiter der Suchthilfe Ost. Bei einer solchen Gesamtbetrachtung könne das Bild durchaus anders aussehen.

So konnte beispielsweise in Zürcher Notschlafstellen beobachtet werden, dass dort teilweise Asylsuchende Unterschlupf suchen. Für diese kann ein Aufenthalt aber teuer werden: Sie sind «ausserkantonale» Gäste. Zudem sind solche Einrichtungen nicht für diese Klientel gedacht. Ein weiteres Problem der Notschlafstellen betrifft deren Administration und Führung: «Notschlafstellen müssen strenger kontrolliert werden als beispielsweise begleitete Wohngruppen», erklärt Marc Lehmann aus Grenchen. Nicht zuletzt stimmen alle auskunftsgebenden Personen darin überein, dass eine Notschlafstelle auch mit hohen Kosten verbunden sei.

Ein Verein nimmt Olten ins Visier

«In nächster Zeit werden Notschlafstellen in St. Gallen, Olten und Luzern aufgebaut», steht auf der Homepage des Vereins für Notschlafstellen. Beim telefonischen Gespräch mit Vereinsleiter Ewald Wysshaar Rieser wird jedoch klar, dass es sich (noch) nicht um ein ausgearbeitetes Projekt handelt. Rieser ist zurzeit in Zürich aktiv, wo er eine neue Notschlafstelle betreibt.

Eine solche Institution wäre, so Rieser, auch in Olten vonnöten. «Hier sind Tages- und Nachtangebote eher beschränkt», erklärt er. Die Notwendigkeit einer Notschlafstelle sei mit einem Versuch unterstrichen worden, der unter seiner Regie durchgeführt wurde. Vor zwei Jahren erforschten zwei Obdachlose die Oltner «Szene», um herauszufinden, wo sie sich tagsüber und nachts aufhalten könnten. Rieser berichtet, wie es endete: «Nicht einmal in der Kirche durften sie schlafen.»