Spannende Charaktere und Figuren mit verschiedenen Facetten, die durchaus nicht immer Sympathieträger sein müssen, sondern sich entwickeln – das ist der Grundstock, auf dem Konstantin Nazlamov seine Karriere aufbaute. Wo er selbst in Kleinstrollen aus dem Ensemble ragt, zum Publikumsliebling avanciert. «Weisst Du, mit dieser Rolle kannst Du keinen Oscar gewinnen» – der Schlüsselsatz von Mentor Martin Markun half dem Neuling 1994 am Theater Biel, Szenen entspannt anzugehen und zu Sternstunden werden zu lassen.

Seither hat Konstantin Nazlamov in unzähligen Partien brilliert: Ob Hauptrolle oder kleinerer Part, die Auftritte des Bulgaren prägen sich ein, bleiben haften. Noch zweimal hält er als Steuermann beim «Fliegenden Holländer» in Selzach den Kurs. Nachher ist er am Murten Classics als Monostatos in der «Zauberflöte» zu erleben.

Eigentlich eher schüchtern

Ein Spagat, den der oft als Buffo eingesetzte Mime mit links meistert. Seit 25 Jahren gehört er zur Besatzung des kulturellen Flaggschiffs der Region, des Theaters Biel-Solothurn, und hat sich ein umfangreiches Repertoire erarbeitet. Doch der Spieltenor macht nicht nur in Oper und Operette Furore, sondern wird im Sprechtheater ebenso gefeiert. «Dabei bin ich eigentlich vom Naturell her eher schüchtern», wiegelt er Komplimente ab.

In der letzten Sommeroper-Produktion «Der Liebestrank» hatte er den Chor verstärkt und in einer Minirolle mitgewirkt. Nun gab er nicht nur in einer grösseren Partie den Selzacher Solisteneinstand, sondern sang erstmals überhaupt eine Wagnerrolle. Regisseur Dieter Kaegi kennt er als Tobs-Chef bestens, neu ist die Zusammenarbeit mit Dirigent Constantin Trinks. «Genial, was dieser Maestro alles aus uns rausholt», lobt er den Wagner-Spezialisten.

Was tun bei Bühnenpannen?

Als rauer Matrose strahlt der feingliedrige Sänger vitale Männlichkeit aus. Kaum zu glauben, dass er in der Doppelrolle als Vater und als Hexe in Humperdincks «Hänsel und Gretel» als mondän-aufgetakelte Hexen-Lady mit Minijupe, Highheels und Täschchen durch den Wald stöckelte. Der Vollblut-Komödiant liebt das Verwandeln, schlüpft in die Haut des Darzustellenden. «Dabei gehe ich weniger von meinen eigenen Gefühlen aus, sondern überlege, wie handelt die Person im Stück, was bewegt sie?»

Damit schenkt er Theaterbesuchern unauslöschliche Momente voller Tiefe oder Komik. Sei dies in der Hauptrolle als Albert Herring von Britten oder bei seinem Debüt als Pedrillo in Mozarts «Entführung aus dem Serail», immer ist er voll da. «Trotzdem kann es einmal vorkommen, dass dich ein Hänger heimsucht», konstatiert er. Da kommt es auf die Flexibilität und Reaktionsschnelle der Profis an.

Wie beim «Wilhelm Tell» von Grétry: «Ein harmloses Lied mit drei Strophen und einem Refrain, den die Kollegen jeweils mitsingen. Nur, bei einer Vorstellung waren die Worte weg, Blackout. Ich sang eine Imitation von Französisch. Das Publikum hat nichts bemerkt. Aber die Mitspieler mussten so lachen, dass sie für einen Moment aus dem Takt kamen», erinnert er sich. «Das Wichtigste: Es muss weitergehen.» So hielt er es auch in einer Derniere-Aufführung von Eugen Onegin in Deutsch, als er zum Spass eine Strophe in Russisch sang.

Viele Rollen sind Nazlamov wie auf den Leib geschrieben. Wenn nicht, feilt und arbeitet er daran, bis sie zu Paraderollen werden. So ist er auch die Rolle des Steuermanns angegangen. Träumt er auf der Brücke von seinem Mädchen, vergisst er den Wachdienst und erschrickt er bei der Ankunft des Holländer-Schiffes, läuft Konstantin Nazlamov zur Hochform auf.

Der Fliegende Holländer, Sommeroper Selzach, läuft noch am Sonntag, 19. August, 17 Uhr und am Dienstag, 21. August, um 19 Uhr. www.sommeroper.ch