Zügig läuft Cornelia Füeg durch die Oltner Bahnhofunterführung. Die Wahlplakate an den Wänden kümmern sie nicht gross. Doch jahrelang hat sie selbst um politische Ämter gekämpft. Füeg ist Solothurns Politikerin der ersten Stunde: erste Gemeindeschreiberin des Kantons (1971), erste Kantonsrätin (1973, gemeinsam mit fünf anderen Frauen), 1975 erste Nationalrätin, 1987 erste Regierungsrätin. «Den Beweis, dass Frauen auch etwas können, muss man heute nicht mehr erbringen», sagt sie. «Ich musste das beweisen.»

Zweieinhalb Stunden blickt die
74-Jährige im Oltner Bahnhofbuffet zurück auf ihre Karriere und den Kampf für Gleichberechtigung. Sie spricht schnell, denkt schnell. «Es war echte Pionierarbeit. Ich konnte niemanden fragen», erinnert sie sich an Zeiten, als Kinderhorte als Notlösungen für alleinerziehende Frauen stigmatisiert waren.

Rasant war Füegs Aufstieg zwischen 1970 und 1975: Die studierte Juristin arbeitete als Gemeindeschreiberin, führte mit ihrem Mann den familieneigenen Bauernbetrieb, machte das Fürsprech- und Notariatspatent, das dritte und vierte Kind kamen. Sie wurde 1973 Kantonsrätin und zwei Jahre später sogar Nationalrätin. «Ich stand immer sehr unter Beobachtung der Frauen. Nicht Männer waren die grössten Kritiker.» Zu Hause halfen Lehrtöchter oder Praktikantinnen. «Die Kinder waren nie alleine. Auf einem Bauernbetrieb muss immer jemand da sein.»

Cornelia Füeg hat in Solothurn erreicht, was keine Frau vor ihr erreicht hat. Doch irgendwann, nach gut zwei Stunden Gespräch, sagt sie. «Wissen Sie, worauf ich wirklich stolz bin? Das ist mein Anwaltspatent. Dafür habe ich etwas geleistet.» In die Politik sei sie immer «nur» gewählt worden. «Da kann man wenig selbst dafür leisten.» Glück und der richtige Zeitpunkt bestimmen viel mit.

Gleichheit ist zumindest vor dem Gesetz erreicht

40 Jahre nach Cornelia Füegs Wahl stellt Solothurn immer noch sechs Männer, aber nur eine Frau im Nationalrat. Schmerzt das? Die Politikerin der ersten Stunde regt sich nicht auf. «Machen wir aus dem Geschlecht kein arithmetisches Problem», sagt sie. Ungleiche Löhne für Mann und Frau, fehlende Angebote zur Kinderbetreuung («Tagesstrukturen wären eine Dienstleistung. Ohne Grossmütter hätte man Probleme»): Alles berechtigte Anliegen, findet Füeg. Aber ihr Kampf war ein anderer. Für die Juristin mit Jahrgang 1941 stand zwangsläufig im Vordergrund, dass Mann und Frau vor dem Gesetz überhaupt erst die gleichen Rechte haben. «Viele Probleme sind nicht gelöst. Aber Frauen können sich heute Gehör verschaffen. Wir konnten das nicht», sagt die 74-jährige FDP-Politikerin. «Diese Gesetze muss man heute nicht mehr machen. Sie sind da. Aber man muss die Rechte einklagen, etwa bei der Lohngleichheit.» Für Füeg scheint klar: Ob Mann oder Frau: Es braucht Leistung, wer ins politische Amt will. Das betont die Liberale immer wieder.

«Dort haben wir etwas erreicht»

Dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Artikel 2 der Bundesverfassung steht, da hat Cornelia Füeg massgeblich mitgearbeitet. Sie war Präsidentin der vorberatenden Parlamentskommission. Die Diskussionen, insbesondere ob der Artikel direkt einklagbar ist, waren schwierig, einer ihrer Gegner war der spätere CVP-Bundesrat Arnold Koller. Als sie vom Rednerpult des Nationalrates wegging, hörte sie ein «Chapeau» von Bundesrat Kurt Furgler. «Dort haben wir etwas erreicht. Es hat viel Biss benötigt», sagt Füeg, die mit ihrem Mann kürzlich vom Hof in Wisen nach Olten gezogen ist.

Mann gesucht – Frau gefunden

Cornelia Füeg, 74. Juristin, Bäuerin mit eidgenössischer Fachprüfung, Politikerin und vierfache Mutter hält wenig vom Wort «Karrierefrau». Die Oltnerin lächelt, wenn Frauen, die arbeiten, als «Karrierefrauen» abgestempelt werden. Für sie ein Unwort. «Machen diese Frauen Karriere? Sie gehen einfach arbeiten. Wie die Männer. Welcher Mann geht schaffen und welcher Mann macht Karriere?»

An dem Tag, als das Frauenstimmrecht schweizweit beschlossen wurde, wurde Füeg zur Gemeindeschreiberin in Wisen gewählt. Niemand anders wollte. Füeg illusionslos: «Sie haben einen Mann gesucht, aber keinen gefunden.» Schliesslich schlugen sie ihrem Mann vor, er könne das Amt übernehmen und sie könne das Amt ausüben. Für Füeg kam das nicht infrage. «Ich war immerhin Juristin.» Damit sie ins Amt gewählt werden konnte, musste die Gemeinde Wisen das Frauenstimm- und Wahlrecht auf Gemeindeebene extra früher in Kraft setzen. Diese hatte der Kanton wenige Monate vorher den Gemeinden ermöglicht. Füeg kaufte sich eine Hermes-Schreibmaschine und begann in der Stube zu arbeiten. Ging sie mit der Schreibmaschine an Sitzungen, «haben alle gemeint, ich sei die Sekretärin». Bald wurde sie für den FDP-Kantonalvorstand angefragt. «Nur weil man eine Frau gesucht hat.» Pause. «Ist das schlimm?» – «Quotenfrau»: für Cornelia Füeg war dies nie ein Wort, über das sie gross nachdachte.

Keine extremen Forderungen

Füeg lacht, sie ist offen und versprüht einen einnehmenden Charme. Vielleicht hat ihr das, zusammen mit einer pragmatischen Ader, geholfen, ihre Anliegen durchzusetzen. «Extremforderungen gehen nicht», sagt Füeg. «Auch wenn zuerst jemand Extremforderungen stellen muss, um eine Sache anzustossen.» Die Alt-Regierungsrätin ist sich sicher: «Durch Überzeugen hat man mehr erreicht als mit Forderungen.» Für sie ist noch immer klar, dass die Mutterschaftsversicherung schon 1978 hätte eingeführt werden können, wenn nicht eine SP-Frau in der entscheidenden Kommissionssitzung des Nationalrates den Männern die Leviten gelesen hätte. «Sie hat inhaltlich recht gehabt. Aber so kurz vor dem Ziel kann man das nicht machen.» Füeg sagt, sie habe nicht zu den Frauen gehört, die sich in den Diskussionen vor 1971 energisch für das Frauenstimmrecht eingesetzt hätten. «Ich wusste einfach, dass es bald unausweichlich kommen muss. Die Zeit war so überreif.»

Auch Morddrohungen erhalten

Cornelia Füegs schwierigster Kampf war 1987. Und er geschah parteiintern. Für die Regierungsratswahlen – die FDP hatte einen Sitz neu zu besetzen – sah sich FDP-Nationalrat und Kantonalparteipräsident Willi Pfund schon als gesetzt an. Der Schwarzbube Pfund war dafür gar aus dem Nationalrat zurückgetreten. Doch dann kam parteiintern Widerstand auf, der Ruf nach Füeg wurde laut. «Wenn 1000 Unterschriften innert 14 Tagen von der FDP-Parteibasis zusammenkommen, trete ich an», sagte sie. Innert Kürze war das der Fall. Es gab kein Zurück mehr. «Die Kandidatur hat Mut gebraucht», sagt sie im Rückblick. «Da kam ich auf die Welt.» Füeg erhielt Morddrohungen, sie erhielt eine neue, geheime Telefonnummer. «Aber Politik ist kein Drecksgeschäft. Es ist einfach das Leben. Es menschelt.» Am Ende siegte sie. Ab 1987 war Füeg erste FDP-Regierungsrätin der Schweiz. 9 Jahre lang führte sie das Bau- und Justizdepartement, wo Frauen zuvor meist einzig als Sekretärin angestellt waren. «Ich konnte oder ‹musste› immer mit Männern zusammenarbeiten. Ich hatte auch keine andere Wahl.»

Als die Appenzell-Innerrhoder-Männer im April 1990 letztmals in der Schweiz den Frauen das Stimmrecht verwehrten, war Solothurn Gastkanton an ebendieser Landsgemeinde – vertreten durch Cornelia Füeg, die vorne vor den Appenzeller Männern stand. «Was für eine Provokation muss ich für die Appenzeller gewesen sein», blickt sie zurück. Nur schon den Titel «Frau Landammann» festzusetzen, war nicht einfach: Die Konferenz der kantonalen Staatsschreiber befand letztlich, dass der Titel opportun ist.

Manchmal nimmt Cornelia Füeg heute ihre Enkelinnen auf die Schippe. Sie spielt Theater und sagt den Grosskindern in melodramatischem Ton. «Ihr werdet nie mehr ein Fräulein sein können.» Wenn sie das sagt, scheint die
74-Jährige tatsächlich ein wenig einem Altersabschnitt nachzutrauern, in dem junge Frauen galant umworben wurden. Ihr Mann sagt ihr dann: «Du bist mitverantwortlich, dass das Wort nicht mehr benutzt wird.»