Heilpädagogischer Dienst
Nützlicher Dienst, aber wenig bekannt – «Der HPD betreut Familien aus allen Schichten»

Der Heilpädagogische Dienst kümmert sich «um alle Belange rund um das Vorschulkind» und unterstützt Kinder und Eltern.

Daniela Deck
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Die abtretende HPD Bachtelen-Leiterin Jacqueline Fluri schätzt auf dem Spielplatz das «Ritigampfi». Die Schaukel fördert die Koordination und den Gleichgewichtssinn der Kinder.

Die abtretende HPD Bachtelen-Leiterin Jacqueline Fluri schätzt auf dem Spielplatz das «Ritigampfi». Die Schaukel fördert die Koordination und den Gleichgewichtssinn der Kinder.

Michel Lüthi

Entwickelt sich mein Kind seinem Alter entsprechend? Braucht es spezielle Förderung? Der Heilpädagogische Dienst (HPD)beantwortet diese Frage professionell. Er sorgt, wenn nötig, bis zum Eintritt in den Kindergarten auch gleich für die Umsetzung von Massnahmen. Der HPD arbeitet partnerschaftlich mit den Eltern zusammen. Die Familien nehmen die Unterstützung unentgeltlich und auf vertraulicher Basis in Anspruch. Da mag es erstaunen, dass der Dienst den wenigsten Leuten ein Begriff ist.

In der Stadt Solothurn kommt der HPD schon seit 50 Jahren seiner Aufgabe nach – ein Jubiläum, das im September im kleinen Fachkreis gefeiert wurde. In Grenchen sind es 43 Jahre. Gegründet wurden die Dienste lokal von Elternvereinigungen wie Insieme und Pro Infirmis. Dies aus der folgenden Erkenntnis heraus: Defizite lassen sich umso besser beheben oder mildern, je jünger ein Kind ist. 2012 haben die beiden Dienste unter dem Dach des Sonderpädagogischen Zentrums Bachtelen fusioniert. Der so entstandene HPD Bachtelen betreut die Bezirke Solothurn, Lebern, Wasseramt und Bucheggberg.

Bei Kindern, die noch nicht sprechen, gibt die Art, wie sie spielen und allgemein das Verhalten Aufschluss darüber, wo in der Entwicklung sie stehen. 23 Fachfrauen fördern beim HPD Bachtelen die Kinder und beraten die Eltern. Während die Heilpädagoginnen und Psychologinnen häufig daheim mit den Familien arbeiten, fördern die Logopädinnen die Kinder in der Regel an den beiden Standorten: Bergstrasse Solothurn und Bachtelen Grenchen. Den Transport der Kinder macht der BGU (Busbetrieb Grenchen und Umgebung).

Wichtige Rolle der Kinderärzte

Jacqueline Fluri hat den HPD Bachtelen seit der Fusion und zuvor den Standort Solothurn seit 17 Jahren geleitet. Ihr griffiger Leitsatz: «Der HPD kümmert sich um alle Belange rund um das Vorschulkind, die den Eltern Sorge bereiten.» Anfang November ist die Heilpädagogin in den Ruhestand getreten. Das Szepter haben nun Claudia Althaus und Tonia Gusset übernommen, die eine Co-Leitung bilden.

Empfohlen wird den Eltern der HPD zum Beispiel von Kinderärzten und zunehmend von Leitenden von Kindertagesstätten und Spielgruppen. Diese werden ihrerseits vom HPD beraten, zum Beispiel, wenn sie ein Kind mit einer Behinderung in ihrer Spielgruppe oder Kita integrieren möchten. «Wir haben jährlich ungefähr 150 Anmeldungen von Kindern. Über das ganze Jahr begleiten wir mehr als 300 Familien. Vom Neugeborenen – oft handelt es sich hier um Frühchen – bis zum 5-Jährigen ist da alles dabei. Je nach Indikation betreuen wir die Kinder einzeln oder in Gruppen», erklärt Fluri. Der Anteil der Buben überwiegt, eine Beobachtung, die sich überall machen lasse.

Alle Schichten und Nationalitäten

Die Zahl der betreuten Familien wächst. Darin sieht die abtretende HPD-Leiterin allerdings keinen Zusammenhang mit den Veränderungen der Mentalität in der Gesellschaft. Das Wachstum bewege sich parallel zur Bevölkerungszunahme, betont Fluri und kontert gleich zwei Vorurteile: «Der HPD betreut Familien aus allen Schichten, vom begüterten Akademikerhaushalt bis zur Flüchtlingsfamilie. Grossfamilien sind ebenso vertreten wie Einelternhaushalte.» Und: «Migration per se ist kein Indikationsgrund. Wenn ein Kind die Muttersprache normal erwirbt und im Verhalten unauffällig ist, gibt es für uns nichts zu tun.» Grundsätzlich ist sie der Meinung, dass man lieber ein Kind zu viel abklären soll als eines zu wenig. Aus Erfahrung weiss sie: «Wenn es sich zeigt, dass dem Kind nichts fehlt, sind die Eltern enorm erleichtert.»

Einmal pro Woche trifft sich die HPD-Diagnostikgruppe. Sie bespricht dann Abklärungsergebnisse und komplizierte Situationen, die sich mit Kindern und/oder Eltern ergeben haben. Ausserdem tauschen sich die Heilpädagogischen Dienste im Kanton einmal pro Quartal in der «SoFrüh-Gruppe» aus.

Kaum Schwierigkeiten mit Eltern

Anders als man annehmen würde, sind Spannungen mit Eltern selten. Fluri erklärt das damit, dass der HPD der Schweigepflicht untersteht und nur mit der Zustimmung der Eltern aktiv wird. Der HPD bietet den betroffenen Familien ein Gefäss, in dem Hoffnungen, Ängste und Fragen im geschützten Rahmen zur Sprache kommen. Befugnisse für verpflichtende Massnahmen gebe es sehr selten, sagt Fluri. Solche Fälle kommen höchstens vor, wenn das Wohlergehen eines Kindes gefährdet ist. Dann kann die Zusammenarbeit mit dem HPD vonseiten der Behörden ausnahmsweise verfügt werden.

Interessant sei, wie unterschiedlich Eltern beim Kindergarteneintritt entscheiden, für oder gegen die Offenlegung der Handicaps, die vom HPD behandelt wurden. Fluri betont: «Für beide Entscheidungen gibt es gute Argumente: Unbelastet ein neues Kapitel beginnen und hoffen, dass das Kind fortan ohne spezielle Förderung zurechtkommt. Oder: Die Lehrpersonen informieren, damit die Förderung mit den schulischen Förderlehrpersonen nahtlos weitergehen kann.»

Wunsch nach Massnahmen zur Prävention

Dennoch erleben die HPD-Mitarbeiterinnen oft herausfordernde Situationen. Zum einen ist es unvermeidlich, dass die Fachfrauen da und dort mit dysfunktionalen Familien konfrontiert sind. Zum anderen sind da schwierige Indikationen. (Zum Verständnis: Der HPD stellt Indikationen – Annahmen auf deren Basis eine gezielte Förderung stattfinden kann –, keine Diagnosen. Diese sind Sache der Ärzte.) Zum Beispiel rund um Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen. Das ist eine Form von Behinderung, die sich nach Aussage von Fluri vor dreijährig oft nicht von anderen Störungsbildern unterscheiden lasse. Dieses Thema gewinnt an Bedeutung. Dabei sei unklar, ob Autismus in seinen verschiedenen Formen zunimmt oder nur dessen Diagnose. «Immer wieder kommt es vor, dass Kinder nicht erfasst werden. Dann sind bereits viele Chancen zur Förderung verpasst», sagt Fluri. «Aus diesem Grund liegt mir die Prävention am Herzen. Diese sollten wir unbedingt flächendeckend anbieten können.» Derzeit seien die Heilpädagogischen Dienste in dieser Frage mit dem Kanton in Verhandlung.