Solothurner Landwirtschaft
Nur wenige Landwirte in der Krise fordern Unterstützung – Programm wird dennoch weitergeführt

Eine Handvoll Bauernbetriebe aus dem Solothurnischen fordert jedes Jahr Unterstützung an, weil die Landwirte am Anschlag sind. Das sind nicht so viele, wie der kantonale Bauernverband gedacht hat. Ein ursprünglich dreijährige Hilfsprojekt soll nun aber trotzdem weitergeführt werden.

Noëlle Karpf
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Der Landwirt steht heute nicht mehr nur auf dem Feld oder im Stall. Zunehmend hat er auch einen Büro-Job, was für einige eine grosse Belastung darstellt.

Der Landwirt steht heute nicht mehr nur auf dem Feld oder im Stall. Zunehmend hat er auch einen Büro-Job, was für einige eine grosse Belastung darstellt.

Patrick Lüthy/IMAGOpress

Es sind Einzelfälle. Fälle von Bauern aus dem Kanton Solothurn, die finanziell oder psychisch überlastet sind. Aber: «Viele Landwirte laufen am Limit», sagt Peter Brügger, Sekretär des Solothurner Bauernverbandes. Das Einkommen ist knapp, die Arbeit auf dem Hof gross. Und dann brauche es nur eine kleine «Störung», wie Brügger sagt; eine Krankheit, ein Streit in der Familie, bis es zur totalen Überlastung kommt.

In diesen Fällen will der Bauernverband entlasten und zwar mit einem Projekt, das 2016 gestartet wurde: «Krisenintervention Landwirtschaft» heisst das Programm. «Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe», erklärt Brügger. Entweder leistet ein Betriebs- oder ein Haushaltshelfer für während höchstens 20 Tagen Unterstützung auf dem Hof, oder aber es gibt eine Aushilfe für administrative Aufgaben von maximal 10 Halbtagen.

Danach sollen Landwirte wieder auf eigenen Beinen stehen. «Das Ziel ist es, nach Beseitigung des grössten Pendenzen-Berges wieder alleine im Alltag zurecht zu kommen», so Brügger. Der Berg bezieht sich am häufigsten auf Schreibtischarbeiten. Diese blieben oft liegen, erklärt Brügger. Rechnungen, die Steuererklärung oder aber auch die Nachweise, die Bauern erbringen müssen, um Direktzahlungen vom Bund zu erhalten. Das ist heute ganz genau geregelt. Ganz genau angeben muss auch, wer zum Beispiel speziell auf Tierhaltung oder Bodennutzung achtet, um entsprechende Gelder zu erhalten. An diesem System sei grundsätzlich nichts auszusetzen, so der Bauernsekretär. Aber es führe halt zu mehr Belastung.

Peter Brügger «Viele Landwirte laufen am Limit», berichtet der Sekretär des kantonalen Bauernverbandes.

Peter Brügger «Viele Landwirte laufen am Limit», berichtet der Sekretär des kantonalen Bauernverbandes.

Thomas Ulrich

«Ein Bauer ist ein eher praktisch begabter Mensch – kein Schreibtischtäter». So schickt der Verband vor allem administrative Helfer auf Solothurner Höfe: Dieses Jahr waren es fünf. Haushalts- oder Betriebshelfer waren keine gefragt. Insgesamt wurden 2017 neun Betriebe mit den verschiedenen Alltagshilfen unterstützt, 2016 drei. «Das sind deutlich weniger als wir erwartet haben», so Brügger.

Drei Jahre verlängern

Und doch: Das Projekt, das Anfang 2016 für drei Jahre gestartet wurde, soll laut Brügger weiterlaufen. Damals wurde es eingeführt, um die Sprechstunden oder das Sorgentelefon für Bauern mit konkreter Unterstützung im Alltag zu ergänzen. Eine Betriebshilfe im Rahmen der Krisenintervention kostet einen Landwirten pro Tag 100 Franken – in schwierigen Fällen kann der Bauernverband den Betrieben auch entgegenkommen.

Suizide sind «zum Glück nur Einzelfälle»

Suizide in der Landwirtschaft gebe es im Kanton durchschnittlich rund einen im Jahr, sagt der Sekretär der Solothurner Bauernverbandes Peter Brügger. Derzeit habe man keine Häufungen wie etwa 2015, als es drei Fälle waren. «Zum Glück sind es nur Einzelfälle» – wie in der übrigen Gesellschaft sei das Problem aber auch hier laut Brügger «latent» vorhanden.

Laut einer Studie der Universität Bern ist das Suizidrisiko bei Bauern 37 Prozent höher als bei anderen Männern einer ländlichen Gemeinde. Laut dieser Studie steigt die Suizidrate bei Landwirten zudem seit 2003 an; während sie bei anderen Berufen sinkt. (NKA)


Krisenintervention Landwirtschaft von «Solothurner Bauernverband hilft»: www.sobv.ch; Bäuerliches Sorgentelefon: 041 820 02 15; www.baeuerliches-sorgentelefon.ch

Auch der Kanton zahlt mit: Das Projekt erhält einen Beitrag aus dem «Mehrjahresprogramm Landwirtschaft». Für die letzten drei Jahre wurden dafür 5450 Franken gesprochen. Felix Schibli von der zuständigen Fachkommission erklärt er sei froh, dass nicht mehr nötig sei – dass man im Kanton mit Einzelfällen von Krisen zu tun habe. «Die Situation in der Landwirtschaft ist in den vergangenen Jahren aber tatsächlich anspruchsvoller geworden.» Laut Schibli wird noch ein Schlussbericht zur Krisenintervention vorgelegt. So wird das Projekt genau angeschaut und kann dann für drei Jahre verlängert werden kann.

Es sei richtig, regelmässig zu überprüfen, ob es die Krisenintervention noch brauche, sagt Brügger. Derzeit sei das der Fall. «In den Fällen, in welchen wir bisher helfen konnten, war die Unterstützung sehr wertvoll.»

Unterstützung erhalten setzt aber voraus, Unterstützung anzufordern. «Der Landwirt ist so selbstständig – es braucht viel, bis sich der Bauer Hilfe holt.» Von einer Hemmschwelle ist auch beim bäuerlichen Sorgentelefon die Rede, bei welchem 2016 123 Landwirte aus der ganzen Schweiz angerufen haben. So heisst es im Geschäftsbericht: «Leider ist es für viele Menschen aus dem ländlichen Milieu immer noch so etwas wie ein persönliches Versagen, wenn man zugeben muss, dass man auf Hilfe von Aussen angewiesen wäre.»