Im Eingang des Schulhauses ist es still. Kein geschäftiges Treiben, keine Kinderstimmen. An der Garderobe hängen verloren einige Jacken. Im Klassenzimmer herrscht eine entspannte Atmosphäre. Die Kinder sind dabei, für eine Dorfbewohnerin eine Geburtstagskarte zu kreieren, 80 Jahre alt sei sie geworden. Auf den Regalen stehen Pflanzen, überall hängen Zeichnungen der sechs Schüler. Sechs Schüler? Ja. Nicht etwa in einer Klasse, sondern in der ganzen Schule: erste bis neunte Klasse. Wie lange die Gesamtschule in Schelten noch existiert, ist unklar.

Simon ist der Jüngste und sitzt ganz vorne an der Wandtafel. Obwohl die Kinder nach dem «Auftrag» in die Pause dürfen, malt der Zweitklässler bedächtig Strich für Strich. Auch sein grosser Bruder Fabian sitzt im Klassenzimmer. Er ist der Älteste und hat seinen Platz ganz hinten. Es ist sein letztes Schuljahr in Schelten, noch diesen Sommer wird er die Ausbildung zum Landwirt antreten. Zusammen mit dem dritten Bruder Matthias, welcher die sechste Klasse besucht, sind sie die Hälfte aller Schüler. Die andere Hälfte ist untereinander zwar nicht verwandt, kommt aber vom selben Bauernhof: die Siebtklässlerin Mirjam und die beiden Pflegekinder Elio und Joel.

Selbstständige Kinder

Wie man es schafft, gleichzeitig verschiedene Klassen zu unterrichten? «Gute Koordination und Organisation», sagt Sina Herwig. Die 29-Jährige mit Bündner Dialekt ist seit drei Jahren Klassenlehrerin. Sie streicht der Klassenhündin Gaïa über den Kopf. «Die Kinder sind selbstständig und lernen, eigene Lösungsansätze zu finden». Bei kleinen Klassen sei es viel einfacher, auf die Stärken und Schwächen der einzelnen Kinder einzugehen; zudem entsprechen altersdurchmischte Klassen eher dem späteren Arbeitsumfeld.

Dass die Schule überhaupt noch existiert, ist in erster Linie der geografischen und politischen Lage der Gemeinde Schelten zuzuschreiben. Denn das Dorf im Berner Jura ist nur von Mümliswil her über eine kurvenreiche Passstrasse oder von Mervelier durch eine Schlucht erreichbar. Ein Bus fährt nicht. Die nächste deutschsprachige Schule im Kanton Bern wäre in Niederbipp, eine Stunde Autofahrt entfernt. Durch Abkommen unter den Kantonen hätten die Kinder aber die Möglichkeit, in den Kantonen Jura oder Solothurn zur Schule zu gehen. Für die Gemeinde Schelten wurde jahrelang ein Extrazug gefahren, nur dank Sonderbeiträgen durch den Kanton Bern konnte sie über Wasser gehalten werden.

Schelten steht unter Schock

Ab nächsten Sommer gibt es in Schelten nur noch fünf schulpflichtige Kinder. Es kam der Brief, vor welchem sich alle fürchteten. Es sei finanziell nicht tragbar, die Schule für fünf Kinder geöffnet zu halten, schrieb das regionale Schulinspektorat. Die Schule werde im Juli 2018 geschlossen. Obwohl man mit dem Schreiben gerechnet hatte, standen die Bewohner unter Schock. Die rund 200 Jahre alte Gesamtschule, welche sich all die Jahre immer irgendwie durchbringen konnte, für welche man immer wieder gekämpft hatte, wird aufgelöst.

Was passiert nun mit den Kindern? Was bedeutet das für Schelten? Gibt es denn gar keine Möglichkeit mehr, die Schule zu retten? All diese Fragen gingen den Eltern, Lehrerinnen und Bewohnern durch den Kopf. Schulkommissionspräsidentin Regula Imperatori befürchtet, dass das 37-Seelen-Dorf durch die Auflösung der Schule sein Herzstück verliert. Die Schule sei eine Art Bindeglied. Bisher habe man sich halbjährlich im Schulhaus getroffen: an Weihnachten für das Krippenspiel und im Sommer für das Abschlussfest. «Es ist jeweils Dorffest und Klassentreffen in einem.»

Parlez-vous français?

Doch die Hoffnung wollte man so schnell nicht aufgeben. «Ohne die Schule ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass neue Familien nach Schelten ziehen», sagt Lehrerin Sina Herwig. Eine Lösung musste her, und schon bald sei man auf die Idee einer Billingueschule gekommen. «Warum nicht zweisprachig unterrichten?», habe man sich gedacht. Schelten liegt an der Sprachgrenze.

Die Idee sei, dass Eltern aus umliegenden französischsprachigen Gemeinden ihre Kinder nach Schelten in die Schule schicken würden. Herwig ist zweisprachig und könnte weiterhin unterrichten, die Werklehrerin Stéphanie Salgat spreche sowieso nur französisch. Auch die Gemeinde könnte laut Herwig profitieren, denn es würde vielleicht eine Familie in die leerstehende Wohnung ziehen oder gar das ehemalige Restaurant «Scheltenmühle» aufkaufen.

Was passiert mit den Kindern?

Doch das Projekt umzusetzen, gestaltet sich für alle Beteiligten schwieriger als gedacht. Obwohl laut Herwig einige Familien sehr interessiert wären, ist es dennoch nicht einfach, bis im Sommer fünf bis zehn Kinder zu finden. «Nachdem wir ein Jahr lang geplant haben, bräuchten wir nun Zeit, um alles zu organisieren», sagt sie. Zeit, die die Schule nicht hat. Zudem müsse das Projekt nachhaltig sein. «Es nützt nichts, wenn wir in einigen Jahren wieder Kinder suchen müssen», sagt Herwig. Thomas Hirsbrunner, der Vater von Schülerin Mirjam, fasst die Situation zusammen: «Das Interesse wäre da, aber die Euphorie ist langsam weg.»

Doch was passiert mit den Schelten-Kindern, wenn die Schule tatsächlich ihre Türen schliessen muss? Mirjam, Simon und Matthias müssen irgendwo zur Schule gehen können. «Für die Pflegekinder Joel und Elio müssen wir abklären, ob sie überhaupt noch bei uns in Schelten bleiben können», sagt Hirsbrunner. Bei Mirjam ist der Fall klar. Sie würde die Steinerschule in Münchenstein im Kanton Basel-Land besuchen. Der Schulweg wäre um einiges länger: Zuerst muss sie von ihren Eltern nach Mervelier chauffiert werden. Dort kann sie den Bus nehmen und in Delémont in den Zug Richtung Basel steigen. Für die 14-Jährige würde dies bedeuten, dass sie täglich drei Stunden unterwegs sein würde. Bis jetzt war sie nach einem 20-minütigen Waldspaziergang in der Schule.

Auch für die Brüder Matthias und Simon würde der Schulweg umständlicher werden. Zurzeit können die beiden das Haus um 7.30 Uhr verlassen und sitzen zehn Minuten später im Schulzimmer. Nach der Schule helfe Matthias seinem Vater oft im Stall und sei überhaupt immer draussen. Wird die Schule geschlossen, besucht Simon die Primarschule in Mümliswil und Matthias die Oberstufe in Balsthal. Die Mutter der Brüder, Nicole Roos, ist darüber gar nicht erfreut. Sie müsste viermal am Tag mit dem Auto auf die Scheltenpasshöhe fahren, wo die beiden vom Schulbus abgeholt werden. Matthias würde sich zwar darauf freuen, gleichaltrige Freunde zu finden, mache sich aber Sorgen, dass ihm alles zu viel werde. Laut Roos müsste er das Haus am Morgen um 6 Uhr verlassen und wäre am Abend viel später zu Hause als bisher. «Er hat Angst um seine Freizeit.»

Die einen empören sich, die anderen zucken hilflos mit den Schultern. Es ist ein hochemotionales Thema, aber Emotionen reichen nicht aus, um eine Schule mit fünf Kindern am Leben zu halten. Das Blatt könnte höchstens in einigen Jahren wieder gewendet werden. Wenn die Gemeinde während fünf Jahren zehn Kinder für die Schule garantieren könne, dürfe man die Schule jederzeit wiederbeleben, hiess es vonseiten des Schulinspektorates. Bei einigen Bauernbetrieben wechseln zurzeit die Generationen. Es ist wahrscheinlich, dass es bald wieder Neuzuwachs geben wird. Für zehn schulpflichtige Kinder wird es wohl nicht reichen. Da bringt Regula Imperatori wieder die «Billingueschule» ins Spiel: «Wer weiss, vielleicht wird die Idee zu einem späteren Zeitpunkt auf fruchtbaren Boden treffen», sagt sie. Man hofft auf den Phönix, der aus der Asche aufersteht.