Hausgeburt
Nur jedes 100. Baby kommt zu Hause zur Welt

Eine Mümliswiler Schamanin hat ihr fünftes Kind nachts im Garten zur Welt gebracht. Sie ist da wohl eine Ausnahme. Überhaupt sind Hausgeburten in der Schweiz sehr selten. Dabei ist es gar nicht sicherer, im Spital zu gebären.

Lea Durrer
Merken
Drucken
Teilen
Nur sehr wenige gebären zu Hause.

Nur sehr wenige gebären zu Hause.

Keystone

Frau Stocker, eine Frau aus dem Kanton Solothurn hat ihre Tochter nachts im Garten zur Welt gebracht. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Barbara Stocker: Das ist sehr schön und stimmt so für einige Frauen, andere Frauen könnten sich eine solche Geburt wohl überhaupt nicht vorstellen. Deshalb ist es wichtig, dass Frauen selber wählen können, wie und wo sie ihr Kind zur Welt bringen möchten.

Was sind denn die typischen Hausgeburten?

Zu Hause eben, in einem Raum, wo es der Frau wohl ist. Manchmal mietet eine Frau einen Gebärpool, um im Wasser gebären zu können.

Barbara Stocker, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes

Barbara Stocker, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes

zvg

In der Schweiz kommt aber nur 1 Prozent aller Babys zu Hause zur Welt. Weshalb sind es so wenige?

Das ist schwierig zu sagen. Vor nicht allzu langer Zeit sind alle Kinder zu Hause geboren worden. Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Geburtsmedizin entstanden, die Geburtshilfe hat sich stark gewandelt. Dabei haben sich die Geburten langsam ins Spital verschoben.

Ist es denn ein Vorteil, dass man bei der Geburt im Spital alle Behandlungsmöglichkeiten gleich zur Verfügung hat, wenn beispielsweise Komplikationen auftreten?

Das ist die Frage. Die neusten britischen Empfehlungen der Nationalen britischen Gesundheitsbehörde besagt, dass die Spitalgeburt für eine normal verlaufende, physiologische Schwangerschaft nicht sicherer ist, sondern dass die Hausgeburt oder die Geburt im Geburtshaus die sicherere Variante ist. Das ist spannend. Klar erwiesen ist, dass im Spital viel mehr medizinisch in die Geburt eingegriffen wird. Da ist heutzutage das Risiko grösser, dass medizinische Interventionen stattfinden, die gar nicht nötig sind. Im letzten Jahrhundert ging es vor allem darum, dass man die Sicherheit erhöhen wollte. Todesfälle von Mutter und Kind konnten gesenkt werden. Heutzutage sind in der Schweiz die Ausbildung der Hebammen, die Schwangerschaftskontrollen und die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung im Allgemeinen nicht mehr vergleichbar mit der Situation anfangs des 20. Jahrhunderts.

Es wäre eigentlich positiv wenn mehr Frauen zu Hause gebären würden. Noch ist der Prozentanteil aber sehr klein. Gibt es denn eine Bewegung in der Schweiz, die dem entgegenwirken will?

Hebammengeleitete, geburtshilfliche Institutionen unabhängig vom Spital sind in der Schweiz vor allem die Geburtshäuser. Die grossen Geburtshäuser befinden sich seit der Einführung der Fallpauschalen 2012 auf den Spitallisten. Die Qualitäts-Anforderungen, um auf die Spitalliste aufgenommen zu werden, sind für die Geburtshäuser hoch. Für die Gebärenden bedeutet die Aufnahme auf die Spitalliste, dass die Geburtskosten von der Grundversicherung übernommen werden. Vorher mussten die Frauen die Geburt im Geburtshaus selbst bezahlen. Das konnten sich nicht alle leisten. Dass die Geburtshäuser nun prinzipiell für alle Frauen offen stehen ist wichtig. Es gibt aber viele Frauen, die gar nicht von diesem Angebot wissen. Ich denke da an Migrantinnen oder Frauen, die nicht so gut Deutsch sprechen oder das Gesundheitssystem nicht kennen. Es müsste in der Schweiz zudem mehr hebammengeleitete, geburtshilfliche Abteilungen geben, die Spital nah sind. Viele Frauen würden sich eigentlich bei der Geburt eine kontinuierliche Hebammenbegleitung wünschen und gleichzeitig veranlasst sie das Bedürfnis nach Sicherheit dazu, in einem Spital zu gebären. Kliniknahe Institutionen gibt es in der Schweiz praktisch keine. In Holland ist die Rate der Hausgeburten sehr hoch. Dort ist es für die Frauen ganz normal, zu Hause Kinder auf die Welt zu bringen. Die nationale britische Gesundheitsbehörde rät in ihren neusten Empfehlungen den Frauen übrigens sogar, bei einem physiologischen Schwangerschaftsverlauf zu Hause zu gebären.

Das wäre ein sehr weiter weg, bis wir in der Schweiz so weit sind.

Ja. Da müsste ein Umdenken stattfinden. In der Schweiz hat es sich im letzten Jahrhundert zunehmend eingebürgert, dass die Schwangere zum Gynäkologen geht, nicht mehr zur Hebamme. Viele Frauen wissen gar nicht, dass Hebammen Schwangerenkontrollen machen und die Kompetenzen haben, physiologische Schwangerschaften eigenständig zu betreuen.