Kunst am Bürgerspital

Nur einer von 10 Künstlern aus Solothurn – Kunstschaffende wehren sich

Die Solothurner Onur Dinc (l.) und Remo Lienhard vor einem Wandbild, das sie in Island geschaffen haben.

Die Solothurner Onur Dinc (l.) und Remo Lienhard vor einem Wandbild, das sie in Island geschaffen haben.

Gerade mal ein Künstler aus dem Kanton Solothurn darf sich am Wettbewerb für Kunst am neuen Bürgerspital beteiligen. Total figurieren 10 Künstler auf der Liste der Eingeladenen.

Die Aussicht auf einen solchen Auftrag der öffentlichen Hand wird es im Leben eines Solothurner Kunstschaffenden wohl nicht so schnell wieder geben. Zum einen geht es um die Gestaltung einer Aussenwand stattlichen Ausmasses (58 Meter lang und zwischen 5,3 und 3,6 Meter hoch) beim Neubau des Solothurner Bürgerspitals.

Noch steht sie nicht, bald aber wird sie im Rohbau fertig sein. Sie führt zum ostseitigen Haupteingang des neuen Spitals. Ab 2020 gehen hier Tag für Tag Pflegepersonal, Ärzte, Besucher und Patienten entlang.

Freudig, traurig, nervös, oft wohl in Gedanken versunken. Mindestens so attraktiv ist die künstlerische Gestaltung der zwei quadratischen Innenhöfe im Bettenhaus, monumental auch diese: 37 Meter hoch, die Flächen vergrössern sich konisch von unten nach oben, in den oberen Geschossen hat das Quadrat eine Seitenlänge von stolzen 19,7 Metern.

Vor einigen Tagen hat die Regierung die Gelder und das Wettbewerbsprogramm für diese erste Etappe des grösste Kunst-am-Bau Projekts genehmigt, das der Kanton Solothurn je an die Hand genommen hat. In Solothurner Kunstkreisen löst Kopfschütteln aus, dass sich nur zehn geladene Kunstschaffende am Wettbewerb beteiligen dürfen. Auf Kritik stösst vor allem, dass sich mit Reto Emch gerade mal ein Künstler aus dem Kanton Solothurn darunter befindet. Weitere acht kommen aus anderen Teilen der Schweiz.

Und mit Pedro Cabrita Reis aus Lissabon ist ein internationaler Künstler mit dabei. 600'000 Franken lässt sich der Kanton die Gestaltung der Aussenwand und der beiden Innenhöfe kosten. Das Künstlerhonorar beträgt höchstens 250 000 Franken. Dazu kommen Kosten für Bauarbeiten und Lieferungen, das Wettbewerbsverfahren und Beitragsentschädigungen für die am Wettbewerb beteiligten Künstler.

Wo ist der Bezug zu Solothurn?

«Warum bist du nicht eingeladen worden?», haben mehrere Freunde den Solothurner Künstler Onur Dinc gefragt. Und, ja: «Ich hätte mich sofort mit einem Projekt beworben, wenn ich eingeladen worden wäre», ist sich dieser sicher. Interessiert hätte ihn vor allem die Gestaltung der Aussenwand. Seit etlichen Jahren bereist der 37-Jährige mit seinem Künstlerpartner Remo Lienhard (27) die ganze Welt und kreiert riesige Wandbilder. In den USA, in Dubai, in Island oder in Berlin. Seit neun Jahren lebt er von seiner Kunst. Neben Wandbildern ist er mit Werken auf Leinwand an Ausstellungen präsent. Jedem Projekt geht ein kreativer Prozess voraus, bei dem sich die beiden Männer intensiv mit dem Ort auseinandersetzen. «Heavy Stones Fear no Weather» heisst ein Werk, das sie im Rahmen des isländischen «Wall Poetry»-Projekts geschaffen haben (siehe das Bild ganz oben).

In der Schweiz werde seine Kunstgattung stiefmütterlich behandelt, noch jedenfalls, bedauert Onur Dinc. Oft fehle es zudem an den geeigneten Wänden. Onur Dinc findet es generell schade, dass nicht mehr Solothurner auf der Liste stehen. «Als Solothurner hat man einen engeren Bezug zum Bürgerspital», sagt er – und meint: «Man hätte Solothurner Kunstschaffenden doch mindestens die Chance geben sollen, sich zu bewerben.»

Kritik an fehlendem Mut

«Ich bin von Solothurner Kunstschaffenden kontaktiert worden, denen das Verfahren sauer aufgestossen ist», sagt Claude Barbey. Er ist Präsident von Visarte Solothurn, dem Verband der Kunstschaffenden im Kanton. Und Barbey versteht den Ärger. Statt des Einladungsverfahrens hätte er eine offene Ausschreibung bevorzugt. Und selbst beim gewählten Einladungsverfahren hätte man eine zweistufige Alternative wählen können. Seine Idee: Visarte Solothurn organisiert unter den hiesigen Kunstschaffenden einen Wettbewerb. 

Und die für das Kunst-am-Bau-Projekt zuständige Kommission triff dann mit Blick auf das Einladungsverfahren eine Auswahl. Barbey ist überzeugt, dass etwa ein Dutzend Künstler das Zeug dazu gehabt hätten, sich in einem solchen Wettbewerb zu profilieren. Die Präsidentin des Solothurner Kunstvereins, Brigitte Müller, spricht von zwei bis drei weiteren Künstlern neben Emch. Müller: «Ich hätte eine höhere Sensibilität gegenüber den Solothurner Kunstschaffenden erwartet.» Und Peter Killer, Leiter des Kunstmuseums Olten, fragt sich, ob die vielen Künstler, die der Kanton Jahr für Jahr auszeichnet, so viel schlechter sind als die jetzt von der Kunstkommission Gewählten.

Klartext spricht auch Heinrich Gartentor, ehemaliger Präsident von Visarte Schweiz: Die Liste der für den Wettbewerb Geladenen zeuge von «Ängstlichkeit», sagt er auf Anfrage dieser Zeitung. Die eingeladenen Künstler gehören zur Champions League der Schweiz, anerkennt er deren Qualität. «Man setzt auf Top-Leute und wird garantiert ein gutes Resultat haben.» Wo aber bleibe der «Mut zum Risiko»? Er persönlich hätte mehr Solothurner eingeladen («ich traue ihnen nämlich etwas zu») und überhaupt mehr Leute, «die zu Entdeckungen hätten werden können».

«Es gibt immer Leute, die man noch hätte einladen können», meint Christoph Rölli. Er ist Präsident des kantonalen Kuratoriums für Kulturförderung und Mitglied der für das Bürgerspital-Projekt verantwortlichen Kunstkommission. «Wir haben uns auf Künstler geeinigt, die über Erfahrung verfügen und die valable Chance haben, ein solches Projekt zu stemmen.» Warum kein offenes Ausschreibungsverfahren? Bei der Wahl des Verfahrens habe, so bekennt Rölli, der Zeitdruck eine wichtige Rolle gespielt.

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