Pfotenabdrücke waren Ende Dezember oberhalb der Thiersteiner Gemeinde Bärschwil keine zu sehen. Der Schnee verwischte die Spuren des Raubtieres, das auf einer eingezäunten Weide ein Schaf gerissen hatte. Erst als man dem Opfer am Hals das Fell abzog, konnte man erkennen, wer hier sein Unwesen trieb. «Die Bissspuren bewiesen, dass es ein Luchs war», erinnert sich Hans Wampfler an den kalten Wintertag.

Der Jäger aus Hofstetten ist einer von vier Luchsverantwortlichen im Schwarzbubenland, welche bei Rissen beigezogen werden. «Die Raubkatze lauert ihrer Beute auf und tötet sie mit einem gezielten Biss in die Kehle», sagt er. Ausserdem fresse ein Luchs lediglich das Muskelfleisch und verschmähe die Eingeweide. Das Tier mit dem Stummelschwanz, den Pinselohren und dem Backenbart sei eben ein richtiger Feinschmecker, meint Wampfler augenzwinkernd. Normalerweise würden Rehe und Gämsen auf dem Speiseplan des Luchses stehen. Diese machen fast neunzig Prozent der Nahrung des scheuen Räubers aus. Selten komme es aber auch vor, dass er sich an einem Nutztier vergehe.

Kehren zum Opfer zurück

Im vergangenen Sommer konnte in Liesberg, einem Nachbardorf von Bärschwil, zum ersten Mal im Kanton Baselland ein Luchsriss an einer Ziege nachgewiesen werden. Die Katze tappte in eine Fotofalle, als sie zu ihrem Opfer zurückkehrte. «Eine weitere Ziege wurde letztes Jahr in Liedertswil getötet», sagt Daniel Zopfi, stellvertretender Leiter Jagd- und Fischereiwesen Basel-Landschaft. Ein Riss an einem Schaf im Baselbiet sei ihm nicht bekannt.

Im Dorneck-Thierstein handelt es sich beim toten Nutztier aus Bärschwil um den ersten identifizierten Luchsriss an einem Schaf, wie Hans Wampfler erklärt. Insgesamt leben im Baselbiet und im Schwarzbubenland rund zehn Luchse. Im Schwarzbubenland sind es die Gebiete Passwang, Erschwil, Nunningerberg, Meltingerberg, Bärschwil und Kleinlützel, in denen die Chancen am grössten sind, auf einen Luchs zu treffen. Wolle man ein Tier sehen, solle man sich bei Einbruch der Dunkelheit auf die Lauer legen.

Scheuer Einzelgänger

Die Raubkatze ist ein territoriales Tier, das einzelgängerisch in permanenten Gebieten lebt. «Luchse akzeptieren keine Artgenossen vom selben Geschlecht in ihrem Revier», sagt Fridolin Zimmermann, Wildbiologe beim KORA, das für das Monitoring der in der Schweiz heimischen Grossraubtierarten zuständig ist. Im Jahr 2015 sei es im Jurabogen und in den Alpen zu insgesamt 26 Übergriffen auf Nutztiere gekommen. In diesen beiden Regionen leben in der Schweiz die meisten Luchse.

Landesweit geht man derzeit von rund 170 Luchsen aus, die durch grosse Waldareale mit dichtem Unterholz streifen. Offene Landschaften und Siedlungen meidet das Tier hingegen in der Regel.

Finanzielle Entschädigung

Nach Bärschwil gerufen wurde der Luchsverantwortliche Hans Wampfler Ende letzten Jahres von Hugo Bürki. Der Präsident der Jagdgesellschaft Bärschwil-Grindel konnte in seinem Jagdgebiet am Waldrand bereits drei Mal einen Luchs beobachten. «Einmal sah ich, wie die Raubkatze einen Fuchs reissen wollte. Trotz grosser Anstrengungen gelang es ihr nicht.» Die Szenerie sei sehr eindrücklich gewesen, erklärt Bürki. «Der Luchs ist ein faszinierendes Tier», findet der Jäger. In seiner Jagdgesellschaft herrsche eine grosse Toleranz gegenüber dem Einzelgänger. Was unter anderem daran liege, dass man vom Kanton Solothurn sowie vom Bund für getötete Nutztiere entschädigt werde. «Wir spüren jedoch schon, dass sich der Rehbestand in unserem Gebiet durch den Luchs in den letzten Jahren deutlich reduziert hat», teilt er mit.

In den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurde der einst ausgerottete Luchs in der Schweiz wieder angesiedelt. Seither konnte sich eine stabile Population entwickeln. Das Raubtier ist geschützt, sollte ein Exemplar aber mehr als 14 Schafe oder Ziegen reissen, wird eine Abschussbewilligung erteilt.