Nothelfer
Erste Hilfe in psychischen Krisen ist wichtig und lernbar – Kursangebot gibt es auch in Solothurn

Jeder und jede Zweite in der Schweiz hat einmal im Leben mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen. In so einer Situation kann eine Erste-Hilfe-Leistung genauso wichtig sein wie bei einem Unfall. Und dafür gibt es die ensa-Kurse – auch in Solothurn.

Denise Donatsch
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Man kan lernen, auf Menschen mit psychischen Problemen zuzugehen.

Man kan lernen, auf Menschen mit psychischen Problemen zuzugehen.

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Eine psychische Erkrankung kann alle treffen. Jede zweite Person in der Schweiz hat einmal im Leben psychische Probleme. Dabei spielt es keine grosse Rolle, ob diese Probleme in Form einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung daherkommen – für die Betroffenen geht dies immer mit einer immensen Belastung einher.

Auch das Umfeld wird auf eine harte Probe gestellt und weiss oftmals nicht, wie reagieren – und tut im schlimmsten Fall gar nichts. Dabei wäre, gemäss den ensa-Instruktoren Christoph Sigrist und Dawa Schläpfer, gerade das Reagieren auf diese Situation einer der zentralen Schritte, um der erkrankten Person zu helfen, aus ihrem Leiden herauszukommen.

Regelmässiges Kursangebot auch in Solothurn

Neun von zehn Menschen kennen jemanden, der psychische Probleme hat. Aber wie unterstütze ich jemandem, dem es schlecht geht, sich gar einkapselt? Wie spreche ich dieses Thema an? Hier setzt der ensa Erste-Hilfe-Kurs an – der Nothelfer-Kurs für Situationen mit psychischen Problemen. Das Programm der Stiftung «Pro Mente Sana» mit Unterstützung der Beisheim Stiftung hat zum Ziel, Laien in die Lage zu versetzen, auf betroffene Personen im eigenen Umfeld zuzugehen und sie bei psychischen Schwierigkeiten zu unterstützen.

In den Kursen wird den Teilnehmenden Grundwissen über psychische Erkrankungen und konkrete Erste-Hilfe-Massnahmen vermittelt. Durchgeführt werden die Kurse in regelmässigen Abständen entweder digital oder vor Ort in der Franziskanerkirche und dem Gemeindehaus an der Rathausgasse in Solothurn. Das Kursprogramm ist ein Angebot der Stiftung Pro Mente Sana in Zürich.

Nichts tun ist das einzig Falsche, das man tun kann

«Die Kernidee der Kurse ist es, eine Sprache zu finden, wie man jemanden auf vermutete psychische Probleme ansprechen kann», so Sigrist.

Christoph Sigrist

Christoph Sigrist

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Noch viel wichtiger als die korrekte Sprache ist aber, dass die Probleme überhaupt angesprochen werden. Denn das Schlimmste was man tun könne, sei das Leiden seiner Mitmenschen zu ignorieren.

«Angst, dass ein Gespräch noch Schlimmeres auslösen kann, muss man nicht haben.»

Hingegen könne das Wegschauen ernste Konsequenzen bis hin zu einem Suizidversuch, nach sich ziehen. Deshalb auch das ensa-Motto: Nichts tun ist das einzig Falsche in einer solchen Situation.

Gemäss der Schläpfer geht es in den Kursen ebenfalls darum, Verständnis dafür zu wecken, was in einer erkrankten Person vorgeht. Viel zu lange ignoriere man in der Regel die Symptome – nicht selten bis zum völligen Zusammenbruch.

Dawa Schläpfer

Dawa Schläpfer

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Die Psyche des Menschen sei gut darin, psychische Probleme zu verdrängen; insbesondere in einer Gesellschaft, in der der Mensch nach wie vor nach seiner Leistungsfähigkeit beurteilt werde. Umso wichtiger sei es, das Thema endgültig zu enttabuisieren und die Betroffenen vom Stigma zu befreien.

Walfisch durch Hula-Hop-Reifen

Während des Kurses, der für alle Interessierten offen steht, wird das Bild eines Walfisches gezeigt, der durch einen Hula-Hop-Reifen springen soll – ein Ding der Unmöglichkeit. Genau das passiere ständig in unserer Gesellschaft. Insbesondere von psychisch angeschlagenen oder erkrankten Menschen werde nicht selten erwartet, dass sie genau gleich «funktionieren» wie alle anderen und auch die Betroffenen verlangen von sich selbst in der Regel viel zu viel ab.

Sie versuchen aus Scham ihr Leiden zu verbergen, um nicht «aufzufliegen» und zusätzlich zum sonst schon kaum mehr zu bewältigenden Alltag kommt das Versteckspiel hinzu – beides zusammen ein gewaltiger Kraftakt.

Guter Umgang mit Erkrankung finden

Sigrist und Schläpfer steckten auch schon selbst in diesem Maskenspiel und versuchten krampfhaft, die Fassade aufrecht zu erhalten. Erst als es nicht mehr ging, konnten sie sich eingestehen, dass sich etwas ändern muss. Während des ensa-Kurses gibt es aber auch optimistischere Momente, wenngleich klar gemacht wird, dass einen die psychische Erkrankung immer wieder einholen kann.

Ziel sei es, einen guten Umgang damit zu finden und sich nicht mehr von ihr dominieren zu lassen. Zu unterscheiden sei dabei auch, so Schläpfer, dass die betroffenen Menschen eine psychische Erkrankung haben und nicht die psychische Erkrankung sind.

Lernen, den schwarzen Hund zu bändigen

Um dies zu veranschaulichen, wird im Kurs zum Thema Depression der Film «Der Schwarze Hund» gezeigt. Dort wird von einer Person erzählt, die zunehmend von ihrer Depression vereinnahmt wird. Sie wird den Hund, der immer grösser wird, trotz aller Anstrengung nicht mehr los.

Hilflos muss sie zusehen, wie sie und die unterschiedlichsten Lebensbereiche darunter anfangen zu leiden. Ein Weg aus dieser Negativspirale findet die Person erst als sie sich helfen lässt und lernt, mit dem schwarzen Hund zu leben – womit dieser auch wieder auf eine normale Grösse schrumpft. Ein Mutmacher für alle Betroffenen und deren Mitmenschen.