Analyse

Noch rauchen die Gerlafinger Kamine

Das Stahlwerk Gerlafingen ist einer der letzten Vertreter der alten Solothurner Industrie.

Das Stahlwerk Gerlafingen ist einer der letzten Vertreter der alten Solothurner Industrie.

Eine Analyse zur Papieri Utzenstorf, einem der letzten Zeugen der klassischen Industrie.

Einmal mehr wird ein Traditionsunternehmen seine Tore schliessen müssen. Mit dem Ende der Papierfabrik Utzenstorf, die ihre weitere Region über mehr als ein Jahrhundert hinweg geprägt hat, verlieren Ende Jahr rund 200 Menschen ihren Arbeitsplatz. Dies ist ein harter Schlag für den ganzen Wirtschaftsraum. Vor allem aber für das Personal, das in den letzten Jahren seine Forderungen zurückgesteckt und sich nach Kräften für die Existenzsicherung «seiner» Fabrik eingesetzt hat. Die Ankündigung der Firmenschliessung letzten Montag hat sie deshalb mehr als hart getroffen. Erschütterung und Verbitterung sind weit verbreitet – und nachvollziehbar.

Ausgelastet – aber nicht rentabel

Ähnliches haben vor den «Utzistörflern» in den letzten Jahren bereits die Beschäftigten anderer klassischer Industriefirmen erfahren, insbesondere der Papierindustrie. Denn auch bei der Cellulosefabrik Attisholz und bei der «Papieri» Biberist hatten die Mitarbeiter in schwierigen Zeiten für «ihre» Firma alles gegeben. Am Ende war das endgültige Lichterlöschen doch nicht zu verhindern gewesen.

Man muss es den Utzenstorfer Firmenchefs glauben, dass die Schweiz mit dem anhaltend starken Franken für die Papierbranche ein wirtschaftlich (zu) hartes Pflaster ist. Die Produktion in Utzenstorf war und ist zwar ausgelastet – doch das von privaten Investoren getragene Unternehmen schrieb permanent rote Zahlen, wie Verwaltungsratspräsident Bernhard Ludwig bekennt. So wird die Papierfabrik Perlen, in der Nähe von Luzern, bald die einzige Produzentin von Zeitungsdruck- und Magazinpapieren im Land sein. Und als «Monopolistin» vielleicht überleben können. Ein schwacher Trost dabei: Die Luzerner wollen in Utzenstorf immerhin noch das Altpapiersortierwerk mit rund sieben Arbeitskräften weiterbetreiben.

Und das Stahlwerk?

Mit der Papieri Utzenstorf verschwindet einer der letzten Betriebe der «alten Industrieregion Solothurn». Deren rauchenden und dampfenden Kamine galten hier lange als Garant und Symbol für Beschäftigung und bescheidenen Wohlstand. Quasi als letzter Zeuge dieser Epoche bleibt nunmehr noch die Stahl Gerlafingen AG – einst das Flaggschiff des Von-Roll-Konzerns, der gleich mehrere Regionen im Kanton dominiert hatte.

Auch die Stahl Gerlafingen AG, seit einigen Jahren im Besitz des italienischen Beltrame-Konzerns, kämpft mit übermächtiger ausländischer Konkurrenz, den Folgen des starken Frankens und der hohen Energiekosten in der Schweiz. Angeführt von ihrem Chef Daniel Aebli – im besten Sinne des Wortes ein Überzeugungstäter –, setzt sich auch hier ein engagiertes Team von Mitarbeitern auf allen Stufen eisern für seinen Betrieb ein. Mit den Stahlkochern von Gerlafingen hofft die ganze Region, dass sich ihr Einsatz weiterhin auszahlen wird.

Der Weiterbetrieb des Stahlwerks ist nicht nur aus Sicht der dort Beschäftigten und der kantonalen Volkswirtschaft wichtig. Vielmehr besteht auch ein quasi «nationales Interesse» daran: Die Gerlafinger sind die Altmetallentsorger der ganzen Schweiz. Nicht auszudenken der ökonomische und ökologische Wahnsinn, wenn Hunderttausende von Tonnen Metallschrott nicht mehr in der Schweiz rezykliert werden könnten, sondern ins Ausland verfrachtet werden müssten.

Ein Argument, das sicher in der Schweiz und für die Schweizer wichtig ist – aber für den italienischen Mutterkonzern unter dem Strich wohl eher sekundär sein dürfte. Die jüngste Entwicklung an der Währungsfront, mit einem für die Exportwirtschaft positiven stärkeren Eurokurs, kann hoffentlich auch den Gerlafinger Stahlkochern wieder etwas mehr Luft verschaffen – und uns allen die nächste Hiobsbotschaft ersparen.

Hoffen auf neue Perspektiven

Eine Hoffnung bleibt auch für die Beschäftigten der Papierfabrik Utzenstorf: Dass am Ende aus den Trümmern alter Industrien auch wieder Neues, Gutes erwachsen kann. So, wie derzeit auf dem Gelände der ehemaligen Cellulosefabrik Attisholz. Dort, wo einerseits eine attraktive Wohn- und Gewerbeüberbauung geplant ist und anderseits mit der Firma Biogen bereits ein zukunftsgerichteter Biotechbetrieb aus dem Boden schiesst und bald einmal mehrere hundert Arbeitsplätze anbieten will. Solche Aussichten sind ein schwacher Trost für die von der jüngsten Fabrikschliessung direkt Betroffenen. Aber sie eröffnen Perspektiven, die weit über die engere Region hinaus – nicht nur – wirtschaftliche Impulse geben können.

urs.mathys@schweizamwochenende.ch

Autor

Urs Mathys

Urs Mathys

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