Kanton Solothurn
Noch lebt die tote Sprache Latein an den Kantonsschulen

Latein, die einstige Bildungssprache Europas, ist an den Solothurner Gymnasien im Krebsgang. Der Solothurner Lateinlehrer Daniele Supino glaubt aber an die Zukunft seines Fachs.

Lucien Fluri
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Tausende besuchten letztes Wochenende den Römertag in Augusta Raurica. Im Schulzimmer ist die Nachfrage nach der Sprache und Kultur der Römer geringer. Die Zahl der Lateinschüler nimmt ab.

Tausende besuchten letztes Wochenende den Römertag in Augusta Raurica. Im Schulzimmer ist die Nachfrage nach der Sprache und Kultur der Römer geringer. Die Zahl der Lateinschüler nimmt ab.

Martin Töngi

Veni, vidi, vici: Der römische Feldherr Caesar kam, sah und siegte. Rund 2000 Jahre später kann nicht mehr von einem Siegeszug des Lateins gesprochen werden. Zwar liegt die alte Sprache noch nicht gerade auf dem Sterbebett. Aber der Zustand des Patienten hat sich verschlechtert: Gerade einmal 21 angehende Gymnasiasten haben diesen Sommer an den Kantonsschulen Olten und Solothurn das Fach gewählt.

Lange Zeit war Latein unumstrittenes Kernfach am Gymnasium, ohne das weder das humanistische Gymnasium vorstellbar noch der Gang an die Uni möglich war. Ob Medizin, Jus oder Geschichte: Bis in die 1960er-Jahre war Latein Pflicht. Wer Bildungsbürger war, zitierte Cicero, Caesar oder Vergil im Original. Heute ist das Fach im Krebsgang, wie die Schülerzahlen an den Solothurner Gymnasien zeigen. Das dürfte auch an der Sek-P-Reform liegen. Bis zur Reform bestand nämlich am Untergymnasium ein Lateinobligatorium. Kein Schüler kam um die Sprache der Römer herum.

Die Unis haben die Hürde tiefer gelegt

Solothurn ist nicht der einzige Kanton, in dem die Zahl an Lateinschülern schwindet. Am kleinsten Baselbieter Gymnasium in Laufen kann keine Klasse mehr geführt werden. An den anderen Baselbieter Gymnasien ist die Zahl der Schüler ebenfalls tief. Wie im Kanton Solothurn hat auch dort die Zahl der Schüler abgenommen, nachdem die institutionelle Stützung weggefallen ist. Anders ist es in Basel-Stadt: Dort ist Latein gestärkt worden. «Nicht nur englischsprachige Zugezogene schwören auf Latein, sondern auch Schülerinnen und Schüler aus Deutschland», sagte der Rektor des Gymnasiums am Münsterplatz kürzlich der bz. Nicht zuletzt dürften auch die Universitäten zum Rückgang von Latein an den Gymnasien beitragen. In Luzern besteht ausser für Theologie gar kein Lateinobligatorium mehr, die Uni Basel hat die Lateinpflicht eingeschränkt. Für Geschichte braucht es dort keine Kenntnisse der alten Sprache mehr, auch wenn Studierende so einen Grossteil der Quellen bis in die Frühe Neuzeit nicht im Original lesen können. Ein restriktives Lateinobligatorium kennt in der Deutschschweiz noch die Uni Zürich, wo Latein etwa für Philosophie, Musikwissenschaften, romanische Sprachen und Geschichte Pflicht ist. Entsprechend stark ist Latein an den Zürcher Gymnasien. (lfh)

Heute ist Latein in der Sek-P nur noch ein Wahlpflichtfach. Und das hat Folgen: Während am Gymnasium zwischen 2009 und 2013 jährlich jeweils zwischen 33 und 41 neue Schüler Latein belegten, waren es mit dem ersten Sek-P-Jahrgang im Schuljahr 2013/14 gerade noch 24 Schüler, also rund ein Drittel weniger. «Für die Erhaltung des Lateins am Gymnasium war die institutionelle Abstützung, wie sie mit dem Obligatorium gegeben war, förderlich», sagt Liliane Buchmeier, Abteilungsleiterin Mittelschulen beim Bildungsdepartement. Zuvor hatte bereits die MAR-Revision, die den Typus B abschaffte und moderne Sprachen als Schwerpunktfächer einführte, zu einem ersten Einbruch an Schülern geführt.

«Was nützt es mir?»

Zwar ist Latein heute noch immer Wahlpflichtfach an der Sek-P. Doch von den Schülern, die zwischen den beiden Fächern «Latein» und «Wissenschaft und Technik» wählen müssen, geben rund 70 Prozent den in den letzten Jahren stark propagierten Naturwissenschaften den Vorzug. So banal es aber klingt: Oft ist für die Wahl eines Schülers entscheidend, was sein Kollege wählt. Schwankungen sind deshalb natürlich.

Daniele Supino, Fachschaftsvorsteher Latein an der Kanti Solothurn, will früheren Zeiten allerdings nicht nachtrauern. «Die Schülerzahl nimmt ab. Das ist eine Tatsache», sagt er. Nicht zuletzt sei das die Konsequenz «eines gesellschaftlichen Wandels». Schüler würden heute viel eher fragen, was ihnen ein Fach nützt. «Das ist bei einer modernen Sprache, die man anwenden kann, natürlich offensichtlicher.» Für Supino hat der Krebsgang nicht nur negative Folgen: «Die Schüler, die heute Latein wählen, entscheiden sich bewusst für das Fach. Das schafft eine ganz andere Lernatmosphäre. Sie sind sehr interessiert.»

Auswirkungen haben die Schülerzahlen auch auf die Pensen der Lehrer – heute unterrichten noch vier Lehrer das Fach, vor zehn Jahren war es gut ein Dutzend. Sollten die Schülerzahlen in Zukunft weiter massiv zurückgehen, könnte dereinst auch am Fach an sich gerüttelt werden. Trotzdem blickt Daniele Supino nicht negativ in die Zukunft: Erstmals bietet die Kanti jetzt einen Kurs für angehende Gymnasiasten an, die keine Vorkenntnisse von der Sek-P oder von der Sek-E mitbringen.

Damit wird einerseits dem Wunsch nach Durchlässigkeit zwischen den Schulstufen Rechnung getragen, andererseits soll das Fach für breitere Kreise attraktiv werden und neuen Schwung erhalten. So soll beim Latein verhindert werden, was derzeit Altgriechisch widerfährt. Diesen Sommer hat kein einziger Schüler die Sprache gewählt, in der Homer vor rund 2800 Jahren die europäische Literatur begründete.