Bildung
Niveauverlust: Wieso werden die Schüler in der Sek E schlechter?

Der Sekundarstufe I Lehrerverband zieht negative Bilanz – das Volksschulamt nimmt Stellung. Unter anderem leidet die Sek E unter dem Vorurteil, dass die Sek P die beste der drei Abteilungen auf der Sekundarstufe I sei.

Elisabeth Seifert
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Die Reform auf der Sekundarstufe I sorgt bei den Solothurner Lehrerinnen und Lehrern für einigen Diskussionsstoff. (Symbolbild)

Die Reform auf der Sekundarstufe I sorgt bei den Solothurner Lehrerinnen und Lehrern für einigen Diskussionsstoff. (Symbolbild)

Archiv az

«Sek-I-Reform: Die Skepsis ist gewachsen.» Unter diesem Titel publiziert der Verband der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO) in der aktuellen Ausgabe des Schulblatts eine – repräsentative – Umfrage, die er im Mai dieses Jahres lanciert hatte (siehe Text unten). Und die Ergebnisse haben es in sich: Der grössere Teil der Volksschullehrerschaft ist nicht überzeugt davon, dass die neue Sekundarstufe I ihre Aufgaben besser oder zumindest gleich gut erfüllt wie das alte System.

Erstmals haben im Sommer jungen Frauen und Männer ihre obligatorische Schulzeit in der neu gestalteten Oberstufe beendet. Nach drei Jahren in den Abteilungen E (Erweiterte Anforderungen) und B (Basisanforderungen) sammeln sie derzeit ersten Erfahrungen in der Berufswelt. Die ersten Absolventen der zweijährigen Sek P (Progymnasium) haben bereits ein Jahr Gymnasium hinter sich.

Nicht dasselbe: Sek E und Bez

Besonders ihr Fett ab bekommt im Urteil der Lehrerinnen und Lehrer die Sek E. Sie stellen einen «Niveauverlust» fest gegenüber der ehemaligen Bezirksschule. Damit verbunden bezweifelt eine Mehrheit, dass die Schulabgänger genügend gut auf die weiterführenden Schulen und die Anforderungen einer anspruchsvollen vierjährigen Berufslehre vorbereitet werden. Für Yolanda Klaus, die stellvertretende Chefin im Volksschulamt (VSA), kommt die Kritik der Lehrpersonen nicht überraschend. Diese werde aber dem Systemwechsel auf der Stufe Sek I nicht gerecht, betont sie im Gespräch mit dieser Zeitung.

«Die Sek E ist nicht eins zu eins vergleichbar mit der ehemaligen Bezirksschule.» Im Vergleich zu den progymnasialen Zügen der alten Oberstufe umfasse die Sek P einen höheren Prozentsatz der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs. «Das bringt gewisse Verschiebungen gegenüber der früheren Bezirksschule mit sich.» Im Durchschnitt können die Sek-E-Schüler also nicht die gleichen Leistungen erzielen wie früher die Absolventen der Bezirksschule. Der «grössere Teil» sei aber durchaus mit Bezirksschülern vergleichbar, ist Yolanda Klaus überzeugt.

Das wiederum bedeute, dass sich zwar nicht alle Absolvierenden der Sek E für die anspruchsvollen vierjährigen Berufsbildungen qualifizieren, aber eine Mehrheit. Eine fundierte Beurteilung sei allerdings erst möglich, wenn die ersten Sek-E-Schüler ihre berufliche Grundbildung abgeschlossen haben.

Sek E: Im Schatten der Sek P

Auch wenn Yolanda Klaus die Kritik vonseiten der Volksschullehrerschaft relativiert, Handlungsbedarf erkennt auch das Volksschulamt. «Es ist uns bis jetzt nicht gelungen, die Sek E für sehr gute Schüler als Alternative zur Sek P zu positionieren.» Hartnäckig halte sich bei Eltern und breiten Teilen der Bevölkerung die Vorstellung, dass die Sek P «die beste» der drei Abteilungen auf der Sekundarstufe I ist.

«Das aber stimmt nicht», hält die stv. Amtschefin entgegen. Sek P und Sek E unterscheiden sich vielmehr darin, dass die Sek P auf die Maturitätsschule vorbereitet – und die Sek E auf anspruchsvolle Berufsbildungen. «Auch sehr gute Schüler, die wissen, dass sie später eine Berufsausbildung absolvieren wollen, sollten die Sek E besuchen.» Es seien bislang aber einzelne wenige sehr gute Schüler, die dieser Logik folgen.

Dies aber habe zur Folge, dass gemessen an den Vorgaben tendenziell immer noch zu viele Mädchen und Knaben die Sek P besuchen. Schülerinnen und Schüler, die dann in der Sek E fehlen. Im August haben über 23 Prozent der Sechstklässler den Übertritt in die Sek P geschafft. Die bildungspolitische Zielgrösse liegt zwischen 15 und 20 Prozent. In die Sek E eingetreten sind dieses Jahr indes «nur» knapp 39 Prozent statt der gewünschten 40 bis 50 Prozent.

Vom Gymi in die Lehre

Damit wiederholt sich dieses Jahr in etwa das gleiche Spiel wie bereits in den drei Jahren zuvor. Auffallend ist dabei, dass der grösste Teil der Sek-P-Schüler – ganz im Sinne des neuen Systems – nach der zweiten Sek P tatsächlich in die Maturitätslehrgänge wechselt. So haben im vergangenen Schuljahr nur rund 7 Prozent mit Blick auf eine berufliche Grundbildung das letzte obligatorische Schuljahr in der Sek E absolviert. «Genau diese Schüler aber wollen wir dazu bewegen, von Anfang an die Sek E zu besuchen.»

Auch für Schüler, die nach der ersten Klasse des Gymnasiums in eine Berufslehre wechseln, wäre die Sek E eigentlich die optimalere Ausbildung, fügt Yolanda Klaus bei. Nach Auskunft von Stefan Zumbrunn, Rektor der Kanti Solothurn, haben dieses Jahr tatsächlich «vermehrt» Gymnasiasten die Kanti nach dem ersten Jahr in Richtung Berufslehre verlassen, «sowohl schwache als auch hervorragende Schüler». Diese Durchlässigkeit bewertet Zumbrunn durchaus positiv. «Es wäre aber bedenklich, wenn sich diese Möglichkeit als Weg in die Berufslehre allgemein etablieren würde.»

Wie aber wird es gelingen, die Schülerströme in die von der Bildungspolitik gewünschte Richtung zu lenken? «Wir müssen Lehrpersonen und Eltern noch besser über die Ausrichtung und die unterschiedlichen Profile von Sek E und Sek P informieren», meint Yolanda Klaus. Keine Antwort ist ihr auf die Frage zu entlocken, ob das Volksschulamt bei der Aufnahmeprüfung in die Sek P nicht einfach die Schraube anziehen wird.

Der Weg ins Gymnasium werde auf alle Fälle nicht verbaut, unterstreicht Klaus. Nach der dritten Klasse der Sek E können entsprechend begabte Schülerinnen und Schüler eine Aufnahmeprüfung ins Gymnasium machen. «Sek E-Schüler haben mit dieser Prüfung eine faire Chance für den Eintritt ins Gymnasium», meint auch Kanti-Rektor Stefan Zumbrunn.