Kanton Solothurn
Nirgends wird Zeitgeschichte so gut sichtbar wie an Gebautem aller Art

Baukultur ist ein Teil der allgemeinen Kulturgeschichte. In einem neuen Buch wird der Architekturgeschichte des Kantons Solothurn in der Zeit von 1940–1980 erstmals intensiver nachgegangen.

Fränzi Rütti-Saner
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Der Sichtbetonbau der katholischen Pfarrkirche St.Klemenz in Bettlach wirkt wie eine Trutzburg.

Der Sichtbetonbau der katholischen Pfarrkirche St.Klemenz in Bettlach wirkt wie eine Trutzburg.

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Im Kanton Solothurn konnte sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine Baukultur von überdurchschnittlicher Qualität etablieren. «Offensichtlich bestand ein guter Nährboden dafür, dass fortschrittlich denkende Architekten im Auftrag von aufgeschlossenen Bauherrschaften und im Dialog mit kooperativen Bauämtern die Architektur umsetzen konnten, die sie anstrebten.»

Das schreibt Autor Michael Hanak im einleitenden Text des Buches, worin er erstmals die Solothurner Architekturgeschichte der Jahre zwischen 1940 und 1980 einordnet. Die wechselhafte Topografie und Klima im stark zergliederten Kanton haben schon immer eine an Formen reiche Architektur hervorgebracht. Als herausragende Bauten der Vorkriegsjahre nennt Hanak das Kinderheim Mümliswil (1938/39), das Haus Kaus in Grenchen um 1940 sowie die Kantonsschule Solothurn, deren Bau durch den Krieg in die Länge gezogen wurde.

Der Heimatstil erlebte im Kanton Solothurn wegen des Krieges eine Verlängerung, was dazu führte, dass die Moderne hier ziemlich spät einsetzte. So wurde nach 1945 vorwiegend im Einfamilienhausbau eine Art Traditionalismus gepflegt. Beliebt war beispielsweise der sogenannte Tessinerstil: Häuser mit Granitverkleidungen, Pergolen und Rundbogen. Doch nach und nach wurde eine Verbindung zwischen Heimatstil und Moderne gesucht.

Einer der ersten Bauten, welcher den aufkeimenden Modernismus dokumentiert, ist der Gewerbebau der ehemaligen Union Druck in Solothurn (heute Amt für Umwelt) vom 1948/49.

Nach 1950 wuchs die Bevölkerung im Kanton Solothurn um rund ein Viertel auf gut 200 000 Bewohner an. Das bedingte, dass die Bauzonen massiv erweitert wurden und etliche private Neu- und Industriebauten entstanden. Eine übergeordnete Schlüsselrolle von 1942 bis in die siebziger Jahre hinein kam dem damaligen Kantonsbaumeister Max Jeltsch zu. Er hatte die Aufsicht über alle kantonalen Bauten, Wettbewerbe sowie die Regional- und Landesplanung. Jeltsch setzte sich für die Anliegen der Moderne ein. Schon früh erkannte er die Problematik der Zersiedelung und kritisierte sie.

Nach 1945 wurden im Kanton Solothurn viele Kirchen gebaut. Ihnen allen gemeinsam ist als tragender Baustoff Beton, die Fassaden sind schmucklos, die Grundrisse vielfach unregelmässig. Geschäftshäuser, welche in diesen Jahren entstanden sind und städtebauliche Akzente setzten, waren beispielsweise die Solothurner Kantonalbank (heute Baloise Bank SoBa) in Solothurn oder das ehemalige Geschäftshaus Kleider Frey an der Ringstrasse in Olten. Einen Meilenstein in der Solothurner Architektur, welche sich in den fünfziger Jahren immer stärker auch an ausländischen Beispielen orientierte, setzte das Grenchner Parktheater aus den Jahren 1953-55.

Ab 1960 nahm der Bauboom immer stärker zu. Ausdruck des damaligen Fortschrittsglaubens waren die nun entstehenden Wohn-Hochhäuser, vorwiegend in Olten entstanden, oder auch das Oltner Stadthaus 1963-66. 1969 prägte der deutsche Architekturtheoretiker Jürgen Joedicke den Begriff «Schule von Solothurn», welcher später unter dem Begriff «Solothurner Schule» bekannt wurde. Joedicke bezeichnete damit eine junge Generation von Architekten, die nach einer Architektur der strengen Ordnung strebten. «Sie versuchen, kompromisslos nur jene Mittel zu verwenden, die sie unserem Zeitalter, als einer Epoche der Technik, für angemessen halten.»

Als Mitglieder der «Schule von Solothurn» nannte er Franz Füeg, Fritz Haller, Alfons Barth, Hans Zaugg und Max Schlup. Diese Architekten wirkten aber nicht nur um Solothurn oder den Jurasüdfuss. Sie suchten allgemeingültige Lösungen und realisierten zahlreiche Bauten in anderen Landesteilen. Dennoch – in der Region Solothurn ist, häufiger als anderswo, eine stringente, besonders konsequent reduzierte Architektur anzutreffen. Davon zeugen auch die vielen Einfamilienhaus-Bauten der erwähnten Architekten – besonders auch ihre eigenen – und die damals entstandenen Schulhausbauten in Olten oder Solothurn.

Ein weiterer markanter «Kopf» der Solothurner Bauten ist Heinz Isler, dessen Betonschalen-Dach über der Autobahnraststätte in Deitingen schweizweit bekannt ist. Isler baute aber auch für das Gartencenter Wyss in Zuchwil oder die Kilcher-Fabrikationshalle in Recherswil.

«Brutalismus in der Architektur» nannte man einen weiteren Meilenstein in der Solothurner Architektur in den späten sechziger Jahren. Damit ist der Stil der Sichtbetongebäude gemeint, die wie Trutzburgen wirken: das Kloster St. Josef in Solothurn, das Kirchenzentrum in Langendorf, die katholischen Pfarrkirchen von Bettlach oder Breitenbach und – am Ende dieses Stils – die Kantonsschule Hardwald 1969–73 in Olten.

Mit dieser neueren Solothurner Architekturgeschichte und dem dazu gestellten Inventar mit ausgewählten Bauten in den Bereichen Schulgebäude, Freizeit-, Sport-, Kultur- und Gesundheitsbauten, Verkehrs- und Infrastrukturbauten, Sakralbauten, Geschäfts- und Verwaltungsgebäude, Gewerbe- und Industriebauten, Wohnsiedlungen und Wohnhäuser werden die Strömungen gut sichtbar und das Auge auf erhaltenswerte Objekte aufmerksam gemacht. Dazu ist in kurzen Biografien mehr über die damals prägenden Architekten zu erfahren.

«Baukultur im Kanton Solothurn 1940–1980» – Ein Inventar zur Architektur der Nachkriegsmoderne. Michael Hanak, Herausgeber Kantonales Amt für Denkmalpflege Solothurn. Verlag Scheidegger & Spiess Zürich, 69 Franken, ISBN 978-3-85881-394-7.