Historie
Niklaus von Wengis Schritt vor die Kanone war eine Tat mit Ausstrahlung

Welche gesellschaftliche Rolle spielten die Zünfte im späten Mittelalter in der vom Patriziat geprägten Stadt Solothurn? Was sagt ein sogenanntes Wunderbuch über die Verehrung der Stadtheiligen Urs und Viktor aus? Antworten auf diese und andere Fragen findet man im neusten Jahrbuch für Solothurnische Geschichte.

Katharina Arni-Howald
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Kunstmuseum Olten

Der 90. Band der vom Historischen Verein des Kantons Solothurn herausgegebenen Schrift weist, wie in den Vorjahren, für die Kantonsgeschichte relevante und interessante Beiträge auf. Er belegt, dass es immer wieder erstaunliche Sachen zu entdecken gibt. Auf die Spurensuche begaben sich sechs mehrheitlich jugendliche Autorinnen und Autoren. Zwei der längsten Texte beruhen auf Masterarbeiten, die an der Universität Bern angenommen worden sind.

Da ist einmal Nora Bichsel, die eine umfangreiche, quellenbasierte Untersuchung zur Geselligkeit der Solothurner Zünfte mit dem Titel «Vom Wührten und Feyern uff den löblichen Zünfften» verfasst hat. Darüber hinaus bietet die junge Autorin Einblicke in das Leben dieser ständischen Körperschaften und nimmt insbesondere die aufmüpfigste davon, die Zunft der Schiffsleute unter die Lupe. Anhand zahlreicher Mandate, Eintragungen in Ratsmanuale und Rechnungen beschreibt sie den ständigen Kampf um die Einhaltung von Zucht und Ordnung auf der Zunftstube.

54 Wunderheilungen dank St.Urs

Stärker gekürzt und umgearbeitet hat Pema Bannwart ihre Masterarbeit über «Die Verehrung von Urs und Viktor in Solothurn im Spiegel der Miracula». Mit viel Sachkenntnis hat sie dieses hochinteressante Wunderbuch aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ausgewertet. Die Leser erfahren viel über die Heiligenverehrung im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit im Allgemeinen und die Verehrung des populären Stadtheiligen Urs im Besonderen. Insgesamt 54 Fälle von Wunderheilungen sind in den Miracula Sancti Ursi beschrieben.

Unter dem Titel «Niklaus von Wengis Schritt vor die Kanone» hat der Kunsthistoriker Heinrich Thommen in aufwendiger Suche Bilder zum historischen Geschehen zusammengetragen. Diese zeigen in eindrücklicher Weise auf, dass die Wengi-Tat als Ausdruck des Ausgleichs, der Verständigung und der Toleranz weit über Solothurn wahrgenommen wurde.

Ein Aufsatz von Ursina Largiadèr mit dem Titel «Vom geistigen Bollwerk zum Schutze der jungen Mädchen zur SOS Bahnhofhilfe» zeichnet sie die hundertjährige Geschichte der «Freundinnen Junger Mädchen Solothurn/Olten» auf. Leicht verständlich beschreibt sie den Wandel dieses 1916 in Solothurn gegründeten Ablegers einer internationalen Vereinigung zum Kampf gegen Prostitution und Mädchenhandel.

Als Vierte im Bunde der Autorinnen berichtet die Direktorin der Zentralbibliothek Solothurn, Verena Bider, über 13 – 2015 in der Bibliothek gefundene – Briefe des Dichters Robert Walser, der kurze Zeit in Solothurn lebte. Dazu kommt eine weitere kleine kulturhistorische Arbeit aus der Feder des Linguistik-Altmeisters Rolf Max Kully, der unter dem Titel «Dursli und Babeli» einem alten Grenchner Volkslied nachspürt. Wie immer schliessen eine aufschlussreiche Chronik und der Rechenschaftsbericht des Historischen Vereins Solothurn den Buchinhalt ab.

 Bei der Jahrbuch-Vernissage im Museum Blumenstein dabei (v.l.): Heinrich Thommen, Verena Bider, Alfred Seiler, Nora Bichsel, Pema Bannwart und Thomas Laube.

Bei der Jahrbuch-Vernissage im Museum Blumenstein dabei (v.l.): Heinrich Thommen, Verena Bider, Alfred Seiler, Nora Bichsel, Pema Bannwart und Thomas Laube.

michelluethi.ch

Ungewisse Zukunftsaussichten

«Das Jahrbuch für solothurnische Geschichte ist das neunzigste in einer ununterbrochenen Reihe seit 1928», gab der Präsident der Redaktionskommission, Alfred Seiler, an der Vernissage zu bedenken. Gleichzeitig teilte er seine Demission als Vorsitzender der Redaktionskommission mit.

Im Hinblick auf das sich abzeichnende 100-Jahr-Jubiläum sieht Seiler nicht unbedingt rosige Zeiten auf den Verein zukommen. Abgesehen von sorgenbereitenden Kosten und einem wachsenden Mitgliederschwund sei es keineswegs selbstverständlich, alljährlich mit fundierten Beiträgen zur Erhellung der solothurnischen Geschichte aufzuwarten. «Noch können genügend fachlich versierte Autoren gefunden werden, um die umfangreichen Bände zu füllen», freute sich der ehemalige Gymnasiallehrer.

Allerdings habe in den letzten Jahren ein Wandel stattgefunden. Die Bandbreite der Beiträge sei beträchtlich ausgeweitet worden. Zudem hätten Kunst-, kultur- und literarhistorische Arbeiten mit Bezug auf Solothurn wie auch der Trend zu Texten von wenigen Seiten Umfang zugenommen.