Glaubt man der Staatsanwaltschaft und dem erstinstanzlichen Urteil, dann ist der Nigerianer Tom U.* ein grosser Fisch im Teich der regionalen Dealer-Szene. Das Amtsgericht Solothurn-Lebern hat ihn im letzten Juli wegen Drogenhandels im grossen Stil zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Gestern hatte das Obergericht über die Berufung des Nigerianers zu befinden. Er und sein Pflichtverteidiger verlangen ein milderes Urteil, weil Tom U. «nur» ein kleiner Gelegenheits-Händler gewesen sei. Die Staatsanwaltschaft ihrerseits hat Anschlussberufung eingereicht: Sie verlangt eine Gefängnisstrafe von achteinhalb Jahren, wie bereits in erster Instanz gefordert.

Bei Grossaktion «hängen geblieben»

Staatsanwaltschaft Jan Gutzwiller hielt Tom U. gestern erneut vor, als Zwischenhändler von 2001 bis 2008 insgesamt 11,6 Kilogramm Kokaingemisch verkauft und einen Umsatz von rund 800000 Franken erzielt zu haben. Tom U. sei im Rahmen einer gross angelegten Aktion als Teil eines Netzes von Drogendealern im Raum Solothurn-Oberaargau festgenommen worden. Zur Untermauerung verwies der Ankläger auf diverse Zeugenaussagen von Ex-Kunden. «Angesichts der erwiesenen Schuld und der grossen Verkaufsmenge ist das Strafmass der ersten Instanz zu tief», sprach Gutzwiller von einem «schweren Verschulden». Stossend sei, dass Tom U. «keinerlei Reue zeigt» und «die Schuld auf andere abschiebt». Darum müsse er «die ganze Härte des Gesetzes spüren».

Die Version von Tom U. war schon vor Amtsgericht eine andere gewesen: Er habe 2001 nur ab und zu kleinere Mengen gehandelt, um sich ein Bier oder einen Discobesuch finanzieren zu können. «Als ich in die Schweiz kam, hatte ich keine Ahnung, was Drogen und Kokain sind, das habe ich erst hier gelernt», doppelte er gestern nach.

Freund lenkte auf die schiefe Bahn

Um für seine Familie sorgen zu können – seine Schweizer Ehefrau gebar ihm 2005 Zwillinge – habe er sich zum Chauffeur ausbilden lassen und ein Exportgeschäft für Secondhand-Artikel aufgebaut. Nach der Heirat will der Inhaber einer Aufenthaltsbewilligung C nicht mehr gedealt haben. Erst kurz vor der Verhaftung im Spätsommer 2008 habe er wieder gelegentlich Kokaingemisch verkauft.Und alles nur deshalb, weil er nach Jahren einem früheren Freund begegnet sei, der ihn auf die schiefe Bahn geführt habe. «Statt Geld für eine Autoreparatur wollte er ein Gramm Kokain. Darum hab ich solches organisiert und es ihm dann gegeben», antwortete Tom U. auf die Fragen von Oberrichter Daniel Kiefer. Und weil er den Rest der fünf Gramm Kokain ja nicht einfach habe wegwerfen können, habe er dieses nach und nach verkauft. In der Folge seien Freunde seines Freundes zu ihm gekommen und auch für die habe er gelegentlich Stoff organisiert. Berufsmässig sei das aber nie gewesen: «Dafür hatte ich auch keine Zeit – neben Familie und Geschäft».

Schwere Vorwürfe des Verteidigers

Sein Mandant sei keineswegs der «grosse Fisch», als den ihn der Staatsanwalt hinstelle, betonte Toms Pflichtverteidiger. Man stütze sich auf widersprüchliche Aussagen zweifelhafter Zeugen aus der Drogenszene und konstruiere einen Täter, den es so nicht gegeben habe. Viele Vorwürfe seien zeitlich, örtlich und mengenmässig nicht belegt und das Anklageprinzip verletzt. Umso schlimmer sei, dass «auch das Amtsgericht entlastende Zeugenaussagen ignoriert hat», kritisierte der Anwalt: «Der Anspruch auf ein faires Verfahren ist so nicht gewährleistet.»

Lediglich eine Verkaufsmenge von 760 Gramm Kokaingemisch, mit einem Maximalumsatz von rund 35000 Franken, könne als erwiesen bezeichnet werden. Deshalb sei eine Freiheitsstrafe von 28 Monaten angemessen. Weil sein Mandant aber bereits seit fast vier Jahren hinter Gittern verbringe, sei ihm eine «angemessene Genugtuung» zu entrichten.

«Ich bin nicht in die Schweiz gekommen, um mit Drogen zu handeln. Ich entschuldige mich und schäme mich dafür», versicherte Tom U. in seinem Schlusswort. Alles was er habe, sei hier in der Schweiz – allem voran seine zwei Kinder, die ihn mit ihrer (seit 2011 von ihm geschiedenen) Mutter regelmässig besuchen würden.

Das Gericht wird sein Urteil heute Donnerstag bekannt geben.

*Name von der Redaktion geändert