Immobilien
Niemand will sich Geld bei kantonaler Genossenschaft für Hausbau leihen

Die 1927 gegründete Gemeinnützige Bürgschaftsgenossenschaft Kanton Solothurn kämpft mit einem ungewöhnlichen Problem. Mangels Nachfrage nach Bürgschaften können die Gelder nicht eingesetzt werden.

Franz Schaible
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Niemand will sich Geld bei kantonaler Genossenschaft für Hausbau leihen (Archiv).

Niemand will sich Geld bei kantonaler Genossenschaft für Hausbau leihen (Archiv).

Keystone

Was tut eine Genossenschaft, die ihren Hauptzweck mangels Nachfrage nicht mehr verfolgen und deshalb das angehäufte Kapital nicht einsetzen kann? Genau mit diesem Problem ist die Gemeinnützige Bürgschaftsgenossenschaft Kanton Solothurn konfrontiert. Sie hat deshalb vor drei Jahren ihren Genossenschaftszweck verändert respektive ergänzt. Doch davon später. Wie ist es aber zu diesem – im Vergleich zu einer Überschuldung oder zu einem Liquiditätsmangel – eigentlichen Luxus- Problem gekommen?

«Die Idee hinter der Genossenschaft ist einfach und gut umsetzbar», erläutert Genossenschaftspräsident Christoph Geiser. Sie will im Kanton Solothurn wohnhaften Privatpersonen den Zugang zu Wohneigentum erleichtern. Mittel dazu sind Verbürgungen von Bau- und Hypothekarkrediten. Die Bank ist dadurch eher gewillt, den Kredit zu sprechen, wenn ein Teil davon verbürgt und damit entsprechend gesichert ist. Der Bürgschaftsnehmer müsse für den verbürgten Kredit eine sogenannte Bürgschaftsprämie von 0,25 Prozent zahlen.

Doch die Nachfrage nach solchen Bürgschaften ist praktisch auf null gesunken. Die 1927 gegründete Genossenschaft hatte ihre Hochblüte in den 60er- bis 80er-Jahren erlebt. Volumenmässig war 1983 das Rekordjahr. Damals verbürgte die Genossenschaft 367 Kredite im Wert von 15,8 Millionen Franken. Im vergangenen Jahr war die Organisation noch bei drei Geschäften mit 221'200 Franken engagiert. Dank einer vorsichtigen Vergabepolitik bei den Bürgschaften seien in den vergangenen Jahrzehnten nur wenige Schadenfälle eingetreten.

Gründe für geringere Nachfrage

Mehrere Gründe macht Geiser für den Einbruch der Nachfrage geltend. «Die seit Jahren äusserst attraktiven Hypothekarzinsen, der Zusammenschluss respektive die enge Zusammenarbeit der Grossbanken mit Versicherungsunternehmen, welche andere Möglichkeiten von zusätzlichen Absicherungen anbieten, und die Möglichkeit der Verpfändung oder des Vorbezuges der Pensionskassengelder haben die Ausgangslage komplett verändert.» Das Bedürfnis nach Verbürgungen sei deshalb momentan gar nicht mehr vorhanden. Dabei ortet Geiser gerade beim Pensionskassengeld eine Möglichkeit, eine Bürgschaft sinnvoll einzusetzen. «Der Vorbezug dieser Gelder ist nämlich nicht risikolos. Denn es kann später eine lebenslange Kürzung der Rente aus der zweiten Säule drohen.»

Einen weiteren Grund für das abgeflaute Interesse sieht Geiser darin, dass mit der Genossenschaft zurzeit nur eine Partnerbank – die Regiobank Solothurn – zusammenarbeitet. Andere Banken seien natürlich auch angefragt worden, aber leider ohne Erfolg. Ein Grundpfandkreditnehmer könne die Bank also nicht wählen, sondern müsse, um eine Bürgschaft zu erhalten, mit der Regiobank die Hausfinanzierung abschliessen.

Auch eine Genossenschaft müsse ihre wirtschaftliche Tätigkeit anpassen, begründet Christoph Geiser die teilweise Neuausrichtung der einst vom Hauseigentümerverband (HEV) als Selbsthilfeorganisation gegründeten «Firma». Genossenschafter sind die Sektionen der HEV-Regionalverbände und Privatpersonen. So wurden vor drei Jahren die Statuten geändert, die «gewöhnliche» Genossenschaft mutierte zur heutigen gemeinnützigen Bürgschaftsgenossenschaft. «Wir unterstützen aus dem jeweiligen Jahresgewinn seither gemeinnützige Projekte, welche aber einen Bezug zum Wohn- oder Grundeigentum haben müssen», sagt Geiser und zählt auf.

Die Genossenschaft aufzulösen war ein Thema

Als Erstes wurde 2012 dem Frau-Kind-Zentrum Lilith in Oberbuchsiten ein Check über 50'000 Franken übereicht. Dieses Jahr erhielt der Verein Sonnhalde Gempen von der Genossenschaft 75'000 Franken. Gespendet wurde das Geld für das bereits fertiggestellte neue Projekt Wohnen im Öpfelsee in Dornach für ältere Menschen mit einer geistigen Behinderung. Und im kommenden Jahr wird das Blumenhaus in Buchegg eine Spende von 100'000 Franken für das geplante Neubauprojekt erhalten. Angenehmer Nebeneffekt: Durch die Statutenänderung und die gemeinnützigen Aktivitäten kann die Bürgschaftsgenossenschaft Steuern sparen.

Zudem verfolge man seit der Statutenänderung auch eine neue Anlagepolitik. Zuvor sei das Vermögen grossteils in Obligationen angelegt worden. «Wir haben vor drei Jahren die Regiobank per Mandat mit der Vermögensverwaltung beauftragt», erklärt Geiser. Neu darf ein Teil des Vermögens auch in Aktien angelegt werden. Das gute Börsenjahr 2012 habe zu schönen Gewinnen geführt und werde auch 2013 positive Ergebnisse liefern.

Eine Auflösung der Genossenschaft sei wegen der massiven Abnahme der Bürgschaftstätigkeit vor vier Jahren zwar ein Thema gewesen, blickt Geiser zurück. Man habe sich aber dagegen entschieden, weil die Nachfrage nach Bürgschaften im Bereich Wohneigentum mit den neuen Mindestanforderungen an Eigenmittel, welche nicht aus dem Zweite-Säule-Guthaben stammen dürfen, und den steigenden Zinsen durchaus wieder erwachen könnte. Geiser: «Mit dem Wechsel zur gemeinnützigen Institution und dem neuen Anlagekonzept sind wir dafür gerüstet.»