Reiterei
Niemand weiss, wie viele Pferde es in der Region gibt

In den Kantonen Solothurn und Bern leben über 20000 Pferde und Ponys. Die genaue Zahl kennt niemand. Und es werden immer mehr. Den Pferden gehe es gut, meinen (fast) alle Experten. Aber wie lange noch?

Andreas Toggweiler
Merken
Drucken
Teilen
Der Rosegghof in Solothurn – hier Urs Riggenbach mit einem der vier hofeigenen Pferde – beherbergt zusätzlich 25 Pensionspferde. Hanspeter Bärtschi

Der Rosegghof in Solothurn – hier Urs Riggenbach mit einem der vier hofeigenen Pferde – beherbergt zusätzlich 25 Pensionspferde. Hanspeter Bärtschi

Die Anzahl von Pferden und Ponys in der Schweiz hat in den vergangenen Jahren noch schneller zugenommen als die Bevölkerung; und zwar um 3 Prozent jährlich seit 1985. Das ist das Dreifache des – inzwischen vielseitig beklagten – Bevölkerungswachstums der Schweiz. Eine Studie des Nationalgestüts aus dem Jahr 2010 schätzte die Zahl der Equiden (Pferde, Ponys, Esel etc.) im Jahr 2008 auf 89000. Und dies sei wahrscheinlich die minimale Anzahl, heisst es.

«Heute sind es bestimmt noch mehr», schätzt Paul Schmalz (Büren a. A). Schmalz war während 12 Jahren Präsident des Zuchtverbandes Schweizer Sportpferde. Die Beliebtheit der Sportpferdehaltung sei ungebrochen, meint Schmalz. Die Studie kommt denn auch zum Schluss, dass die Pferdebranche einen jährlichen Umsatz von 1,65 Milliarden Franken erziele und rund 10 000 Arbeitsplätze schaffe.

Viele Pferde werden allerdings aus dem Ausland importiert. «Unsere Zucht erlebt jedenfalls keinen Boom, sondern ist eher rückläufig», meint Stefan Bader, Sekretär der Pferdezuchtgenossenschaft Falkenstein, der mit 113 Mitgliedern grössten Zuchtgenossenschaft im Kanton. Den Boom der Pferdehaltung registriert aber auch Bader. «Pferde bedeuten für viele eine Nähe zur Natur.» Für andere seien sie auch zum Ersatzkameraden geworden. Geritten wird grossmehrheitlich von Frauen.

Tierverkehrs-Datenbank hat noch Lücken

Eigentlich sollte bis Ende des laufenden Jahres klar sein, wie viele Pferde in der Schweiz leben. Denn jeder Besitzer müsste bis 31.Dezember 2012 seine Tiere in die Tierverkehrsdatenbank (TVD) des Bundes eintragen. Zweck der Registrierung ist unter anderem das bessere Handling allfälliger Tierseuchen. Jede Lebensphase des Tieres muss erfasst werden: Geburt, Kastration, Verkauf, Stallwechsel oder Wechsel des Verwendungszwecks. Aus dem Kanton Solothurn sind aber bisher erst 1893 Tiere eingetragen, im Kanton Bern deren 8434. Für die ganze Schweiz beträgt die Anzahl der bisher registrierten Pferde 50614, wie die Betreiberin der TVD, die Berner Firma Identitas, auf Anfrage bekannt gibt. Das ist erst ein Bruchteil der real existierenden Equiden. Viel näher an die Realität kommt die landwirtschaftliche Datenbank. Sie geht für den Kanton Solothurn von 3689 Tieren aus, für den Kanton Bern von 17892. Insgesamt leben also allein in diesen beiden Kantonen über 21 000 Pferde und Anverwandte. «Die Genauigkeit der Angaben basiert auf der Selbstregistrierung des Eigentümers und kann unsererseits nicht verifiziert werden», heisst es bei der TVD-Betreiberin Identitas. Auch werden die bereits landwirtschaftlich gezählten Tiere nicht automatisch in die Tierdatenbank übertragen. Bereits seit 1.Januar 2011 müssen neugeborene Fohlen gemeldet und gechipt werden. Dennoch ist der Rückstand bei der Aktualisierung der Tierdatenbank beträchtlich.

Das liegt auch daran, dass dem Pferdebesitzer durch die Fichierung seiner Rosse kein unmittelbarer Vorteil entsteht. Ausser dass er eine gesetzliche Pflicht mit nicht geringem Aufwand erfüllt. Es sei denn, er brauche einen Pferdepass, welcher beispielsweise für alle Pferde zwingend ist, die an einem Wettkampf teilnehmen. (at.)

Die Situation der Pferdehaltung in der Schweiz sei gut. «Wir haben in der Schweiz europaweit wohl die strengsten Auflagen», meint Bader. Auch Kantonstierärztin Doris Bürgi betont, dass sich die Situation der Pferdehaltung in den letzten Jahren laufend verbessert habe. Nächstes Jahr werden die Tierhaltungsvorschriften wieder verschärft, bzw. die Übergangsfrist zum neuen Tierschutzgesetz läuft aus. So dürfen Pferde künftig nicht mehr angebunden gehalten werden und auch nicht mehr einzeln. Die Pferdeboxen und der Auslauf werden vergrössert. «Wir sind zurzeit laufend am Kontrollieren der Ställe», erklärt Bürgi.

Aber 10,5 Quadratmeter Platz im Stall (für ein Pferd mit Widerristhöhe 1,75 m) und 24 m Auslauffläche – Ist das wirklich genug? Für ein Tier nämlich, das nichts lieber macht als im Galopp über die Prärie zu sausen – oder wenigstens durch eine Pferdeweide in den Franches Montagnes? – Es gebe genug Auslaufmöglichkeiten für Pferde in der Schweiz, meinen die Funktionäre Bader und Schmalz übereinstimmend.

Cordelia Weber, Reitstallbetreiberin in Grenchen, stimmt dem nur bedingt zu. «Längere Galoppstrecken, auf denen man den Pferden einmal für ein paar Minuten die Zügel lassen kann, gibt es im Mittelland nicht genug.» Und selbst im Jura seien diese aufgrund der grossen Nachfrage oft in einem schlechten Zustand. Denn Pferdehalter aus der ganzen Schweiz karren ihre Tiere inzwischen zu Hunderten zu den bekannten Galoppstrecken in den Jura. Doch wie wärs mit mehr Freilauf vor der Haustür? «Suboptimal», meint Weber. «Wir können ja nicht einfach den Bauern durch die Wiesen rennen.»

Gibt es inzwischen zu viele Freizeitpferde? Tatsache ist, dass immer mehr Bauern Ställe zu Pferdeboxen umbauen um Pensionspferde aufzunehmen. Doch wie viele Pferde gibt es nun im Kanton Solothurn? Die aktuelle landwirtschaftliche Zählung geht für das laufende Jahr von 3689 Tieren aus (inkl. Ponys etc.). Im Jahr 2000 waren es 3348. «Darunter wird die Zahl der Freizeitpferde, gestützt auf die Zahlen der Tierseuchenkasse auf 400 geschätzt», meint Lorenz Eugster vom kantonalen Amt für Landwirtschaft.

Faktisch handelt es sich aber bei fast allen Pferden um Freizeitpferde. Eine landwirtschaftliche Funktion haben sie nur noch indirekt, indem sie zur Nutzung der Landwirtschaftsfläche beitragen.

Ein Landwirt, der eigene oder Pensionspferde hat, erhält zurzeit 690 Franken Direktzahlungen jährlich pro Pferd. Kein Geld gibt es, wenn er den Stall nur vermietet. Wer selber Pferde züchtet, erhält zusätzliche Bundesbeiträge. Jeder Halter einer einheimischen Pferderasse (zum Beispiel reinrassige Freiberger), kann einen weiteren Beitragstopf anzapfen.