Regierungsratswahlen
Nicole Hirt hat einen ehrgeizigen Plan

Für die Kleinpartei GLP will Nicole Hirt in den Regierungsrat. Ist die Kandidatur mehr als eine Wahlkampflokomotive? Wir haben nachgefragt.

Lucien Fluri
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Engagierte Lehrerin: Nicole Hirt hat ursprünglich das KV gemacht. Später studierte sie Biologie und wurde Lehrerin.

Engagierte Lehrerin: Nicole Hirt hat ursprünglich das KV gemacht. Später studierte sie Biologie und wurde Lehrerin.

Hanspeter Bärtschi

Mut: Den hat Nicole Hirt. Als einzige Grenchner Gemeinderätin wagte sie es, gegen die Pistenverlängerung am Flughafen zu stimmen. Doch jetzt hat die Grünliberale einen noch kühneren Plan: Am 12. März will sie in die Solothurner Regierung – nach erst vier Jahren in der Politik. Und erst noch für eine Partei, die zuletzt gerade einmal 3,5 Prozent der Stimmen erhielt.

Es ist ein kalter Morgen, die Autoscheiben müssen freigekratzt werden. Nicole Hirt ist schon früh im Zentrum für körper- und sinnesbehinderte Kinder in Kriegstetten. Hier unterrichtet sie an der Oberstufe Schülerinnen und Schüler mit Lernbehinderungen. Hirt wirkt motiviert. «Ich bin keine Einzelkämpferin», widerspricht sie dem Ruf, der ihr vorauseilt.

Dass sie trotzdem einige so einschätzen, hat seinen Grund: Hirt hält ihre Meinung nicht zurück. Auch gegen Widerstände. Nicht nur bei der Grenchner Pistenverlängerung. Als eine der ganz wenigen Lehrerinnen stellt sie sich öffentlich – mit prägnanten Voten vorpreschend – gegen den Lehrplan 21. «Ich stehe zu meiner Meinung», sagt sie. Das schliesse nicht aus, dass sie bei gewissen Geschäften durchaus auch auf andere Stimmen höre.

Smartspider von Nicole Hirt

Smartspider von Nicole Hirt

smartvote.ch

Politische Späteinsteigerin

Bisher ging die Karriere der 52-jährigen Kantonsrätin rasch vorwärts. 2010 trat fand die Naturwissenschafterin bei den Grünliberalen eine politische Heimat, die ihr zuvor fehlte. 2013 wurde sie auf Anhieb in den Kantonsrat und den Grenchner Gemeinderat gewählt. Jetzt, vier Jahre später, soll es gleich der Regierungsrat sein. Ist ihre Kandidatur mehr als Wahlkampfhilfe für die GLP? «Ja», sagt Hirt.

«Sieben Kandidaturen für fünf Sitze, das kann doch nicht Demokratie sein.» Die Grenchnerin lässt durchblicken: Sie wäre wohl nicht angetreten, wenn die FDP die linksliberale Gemeindepräsidentin von Feldbrunnen, Anita Panzer, ins Rennen geschickt hätte. Hirts Kandidatur ist auch Reaktion auf FDP-Kandidatin Marianne Meister, die am rechten Rand der FDP politisiert.

«In der FDP gibt es Enttäuschte und auch die SVP steht nicht geschlossen hinter ihrem Kandidaten», sieht Hirt eine Chance. Klar bekennt sie sich zu den Bisherigen, mit deren Wiederwahl sie rechnet.

«Ich darf Fehler machen», steht auf mehreren Zetteln an den Wänden des Schulzimmers. Während Hirt an der Wandtafel für das Foto posiert, unterrichtet ihr Stellenpartner die Klasse. Hirt begleitete schon viele Schüler bei der Berufswahl. «Ich kam authentisch rüber, weil ich denselben Weg gegangen bin», sagt sie.

Hirt machte eine KV-Lehre, absolvierte die eidgenössische Matur, später studierte sie Biologie, wurde Lehrerin. «Ausser im Kindergarten habe ich schon auf allen Stufen unterrichtet.» Aus ihrer KV-Zeit bei der Mecaplex in Grenchen und der Mathys in Bettlach erinnert sie sich an die Patrons, die den Mitarbeitern wöchentlich die Hand schüttelten. «Das vermisse ich», sagt sie. «Mitarbeitende sind oft nur noch Nummern in Unternehmen.»

Mal rechts, mal grün

Wo steht Nicole Hirt? Das ist nicht ganz einfach. Als GLP-Kantonsrätin ist sie Teil der CVP-Fraktion. In oekologischen Fragen steht sie den Grünen nahe. Sie würde etwa die Abgabe bei Baulandeinzonungen auf 50 Prozent erhöhen.

Andererseits spannt sie beim Lehrplan 21 mit der SVP zusammen. Und in Migrationsfragen weicht sie von der GLP-Linie ab – nach rechts: Sie befürwortet eine Verschärfung der Asylpraxis, sie würde die Anforderungen bei Einbürgerungen bezüglich Sprache und Integration erhöhen. Und sie stellt den Volkswillen bei der Masseneinwanderungsinitiative über die Bilateralen Verträge.

Die Schweiz müsse gegenüber der EU selbstbewusster auftreten, hält sie fest. Von der CVP trennt sie dagegen das C: «Als Biologin habe ich meine eigenen Vorstellungen von der Schöpfung.»

Sie sei früher von Bekannten bei den Grünen verortet worden, sagt Hirt. Aber bei der Oeko-Partei vermisste sie «Kompromissbereitschaft» und das Verständnis für die Wirtschaft. Hirt fährt Auto und heizt ihr Haus, in dem sie alleine wohnt, mit Öl. Auf dem Dach aber steht eine Photovoltaikanlage, mit der sie dereinst ein Elektroauto speisen möchte.

Für SVP-Bildungspolitiker Beat Künzli wäre Nicole Hirt allenfalls wählbar, «wenn wir nicht einen eigenen SVP-Kandidaten hätten». In der Bildungspolitik steht Künzli «zu 100 Prozent» hinter Nicole Hirt. Auch bei der Migrationspolitik gebe es Übereinstimmungen – im Gegensatz zur Energiepolitik.

Bei SP-Kantonsrat Urs von Lerber ist es umgekehrt. Er könnte sich «in anderen Kantonen» durchaus vorstellen, GLP-Kandidaten zu unterstützen. Im Solothurnischen aber nicht. Bildungspolitiker von Lerber führt dies auch auf den innerparteilichen Einfluss von Hirt zurück, die die Solothurner Kantonalpartei klar gegen den Lehrplan 21 positionierte. Ausser im Bereich Umwelt gebe es denn auch «wenige Berührungspunkte» zwischen SP und GLP.

Seiner Kollegin attestiert er aber, dass sie sich «sehr prägnant, klar und mit einer gewissen Kompromisslosigkeit für ihre Meinung einsetzt.» – Auch wenn von Lerber als Präsident der kantonsrätlichen Bildungskommission oft die gegenteilige Meinung vertritt. Ihm urteilt Hirt in der Bildungspolitik zu sehr «nach Erfahrungen aus ihrem Schulalltag», aber zu wenig nach Forschungsergebnissen.

Nicole Hirt privat

Ihre grösste Stärke?

Belastbarkeit, Ausdauer

Und Schwäche?

Sehschwäche, und mir fehlt ein ausgeprägter Ordnungssinn.

Welche Person beeindruckt Sie?

Jane Goodall

Ihr Lieblingsbuch?

Die Kinder der Erde, sechsbändiger Romanzyklus von Jean M. Auel

Ihr Lieblingsessen?

Penne all’arrabbiata, Fondue, Raclette

Ihre Traumdestination?

Hundeschlitten fahren im hohen Norden

Ihr bevorzugtes Hobby?

Reiten

Ihr Beitrag zum Umweltschutz?

Habe eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, trenne Abfall akribisch, als Nächstes: Elektroauto mit Strom vom Dach

Was ärgert Sie?

Egoisten

Was freut sie ganz besonders?

Wenn ich ehemalige Schülerinnen und Schüler treffe oder sie mir schreiben.

Aus einer «Arbeiterfamilie»

Rechts oder links, grün oder liberal? Hirt sieht keinen Widerspruch zwischen grün und liberal: Den Cleantech-Bereich nennt sie als Beispiel, der Oekologie und Wertschöpfung im eigenen Land verbindet. Manchmal gibt es aber auch Konflikte: Als Grünliberale müsste sie für erneuerbare Energien und damit für Windräder sein.

Als kantonale Pro-Natura-Präsidentin wehrt sie sich gerade gegen Windräder, etwa auf dem Grenchenberg. Dort stört sie sich an den geplanten sechs Standorten. Es gebe dort Vogelarten, die auf der roten Liste stünden, so Hirt. Sie sei für Windräder, wenn diese «am richtigen Ort» stünden. Solarenergie zieht sie aber vor.

Aufgewachsen ist Hirt in einer Grenchner Arbeiterwohnung. Ihr Vater war Décolleteur, die Mutter Verkäufern. Die Biologin ist sprachgewandt: Ein Jahr lebte sie in London, zwei Jahre im Wallis und ein halbes Jahr im Tessin. Als Kind war sie oft auf dem Bauernhof nebenan. Seit wenigen Jahren hat sie neben Hund und Katze auch ein Pferd.

Mit ihrem Hund hat sie eine Ausbildung in tiergestützter Pädagogik absolviert. Sie arbeitete mit ihm als Freiwillige in Altersheimen. «Tiere sind eine grosse Brücke. Seniorinnen und Senioren erzählen sofort aus ihrer Vergangenheit, in der oft Hunde ein Rolle spielten.» Montags nimmt sie den Vierbeiner in die Schule mit und geht mit den Kindern spazieren. «So entstehen ungezwungene und oft ganz andere Diskussionen als im Schulzimmer.»

Serie: «Sie wollen in die Solothurner Regierung»

Dieses Portrait ist bisher erschienen:

Marianne Meister

Gegen den Lehrplan 21

Was würde im Regierungsrat denn mit ihr ändern? Die Naturwissenschafterin zögert. Die Prognose sei schwierig, ohne genau zu wissen, mit wem sie dort sitzen würde. Dass sie sich für den Bildungsbereich interessiert, liegt bei der Lehrplan-Gegnerin nahe. Die Schweiz habe ein weltweit geachtetes Bildungssystem, begründet sie ihren Widerstand. «Seit 15 Jahren versuchen wir daran rumzuschrauben. Mehr verträgt es nicht mehr.»

Schwache Schüler werden die Verlierer sein, prognostiziert sie. Von Ausbildnern höre sie, dass Schüler schlecht Deutsch und kaum mehr rechnen könnten. Das müsse zuerst gelöst werden.
Hirt stimmte, als eine von zwei in der CVP/EVP/GLP/BDP-Fraktion im Dezember gegen die Steuersenkung für juristische Personen von 104 auf 100 Prozentpunkte. Kein Mensch verstehe, dass die Steuern für natürliche Personen vor zwei Jahren erhöht worden seien und nun diejenigen für juristische Personen gesenkt werden, so Hirt.

Trotzdem unterstützt sie die Strategie des Regierungsrates, die Gewinnsteuer auf 12,9 Prozent zu senken. Das sei zwar «sehr mutig», aber auch eine Chance. Wenn die Strategie nicht aufgeht, müsse man sie wieder korrigieren.

Und wie sieht Nicole Hirt ihre Chancen am 12. März? Sie weiss, dass die Chancen für die Kleinpartei GLP gering sind. «Aber wer nicht antritt, kann nicht gewählt werden», sagt sie. Mutig.