Hygiene
«Nichts als ein ‹Bschiss› an der Bevölkerung»: Feuchttüchlein verstopfen Pumpen der Kläranlagen

Toilettenfeuchttücher lösen sich nicht auf. Sie verstopfen die Pumpen der Kläranlagen und erschweren dadurch die Arbeit in den Abwasserreinigungsanlagen.

Daniela Deck
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Martin Bleuer, Klärmeister der ARA Gäu, am Rechen der Kläranlage Gunzgen, wo Tücher, Watte und Binden heraussortiert werden.

Martin Bleuer, Klärmeister der ARA Gäu, am Rechen der Kläranlage Gunzgen, wo Tücher, Watte und Binden heraussortiert werden.

Bruno Kissling

Jeans, Katzenstreu, sogar Giesskannen ziehen die Rechen der Kläranlagen aus dem Abwasser. Zum neusten Problem in der Abwasserreinigung sind in den letzten zehn Jahren ausgerechnet die Toilettenfeuchttücher geworden, Hygieneprodukte, mit deren Umweltverträglichkeit via WC die Hersteller aktiv werben. Die Feuchttücher legen die Pumpen lahm, weil sie sich nicht auflösen, sondern verknäueln.

«Feuchttücher gehören nicht in die Toilette, sondern in den Kehricht», sagt Martin Grob. Der Klärwerkleiter des Zweckverbandes Abwasserregion Olten muss mit seinen Mitarbeitenden immer wieder die «grusigen» Vlieszöpfe aus Pumpen entfernen – von Hand, versteht sich. Ebenso ergeht es seinen Kollegen in Oensingen, Grenchen und im Gäu. «Eigentlich sind die Feuchttücher nichts als ein ‹Bschiss› an der Bevölkerung», ärgert sich Ueli Obi, Klärmeister der Abwasserreinigungsanlage (ARA) Region Grenchen. «Die Hersteller gaukeln den Leuten vor, es sei umweltfreundlich, Feuchttücher das WC herunter zu spülen.»

Teure Gedankenlosigkeit

So widerlich das manuelle Entstopfen der Pumpen ist, es ist immer noch besser, als die Pumpen in Bestandteile zerlegen zu müssen, um sie zu säubern und wieder zum Laufen zu bringen. Dazu kommt es in den ARAs regelmässig beim ersten starken Regen nach einer Trockenzeit im Sommerhalbjahr. Dann werden besonders viele Feststoffe auf einmal angeschwemmt. Zwei bis drei Stunden kann das Auf-, Zuschrauben und Putzen dauern.

Weil die ARA-Mitarbeitenden aus Sicherheitsgründen zu zweit arbeiten (oft muss eine Person die andere wegen Sturzgefahr sichern), kostet die Gedankenlosigkeit in der Bevölkerung vier bis sechs Arbeitsstunden. Das geht ins Geld. Zudem kommt die Qualität der Abwasserreinigung unter Druck. Die Systeme verkraften normalerweise dank Redundanz den zeitweisen Ausfall einer Pumpe, doch da gibt es Grenzen.

Zwar ist es (noch) nicht so weit gekommen, dass die Kläranlagen zum Entstopfen der Pumpen zusätzliches Personal einstellen müssen. «Doch es wäre schön, wir hätten die Fremdstoffe nicht im Abwasser», sagt Markus Bieli, Betriebsleiter der ARA Falkenstein (Oensingen). Neben Feuchttüchern denkt er besonders an Putzlappen und Tampons, die sich ebenso wenig auflösen. «Allein im letzten Jahr hat das Rechengut bei uns im Volumen um ein Viertel zugenommen.» Auch das kostet – pro Tonne rund 140 Franken für die Verbrennung in der Kebag.

Pumpen mit Zähnen

Abhilfe gegen widerspenstige Feststoffe schaffen Schneidevorrichtungen im Pumpengehäuse. Besonders bei den Regenklärbecken werden seit fünf Jahren die Pumpen umgebaut. Diese so genannten Schneidradpumpen zerfetzen die Knäuel aus Vlies und Stoff in «verdauliche» Happen, die es bis zu den Rechen schaffen. Selbst die Rechen sind nicht mehr mit den Modellen vor 30 Jahren zu vergleichen. «Früher hatte der Rechen eine Filterkapazität von 2,5 Zentimetern. Heute hat der Feinrechen drei Millimeter. Damit erwischen wir sogar Wattestäbchen (die ihrerseits nicht in Toilette gehören)», sagt Klärmeister Martin Bleuer vom Zweckverband ARA Gäu.

Es wird aufgerüstet

Bis zum Jahr 2035 sollen die Schweizer Gewässer von Medikamentenrückständen, (Pillen)-Hormonen und Umweltgiften (Biozide) entlastet werden. Dafür sollen die grossen Kläranlagen (über 80 000 angeschlossene Anwohner) sowie diejenigen kleineren Kläranlagen, die das Wasser in Seen und sensible Gewässer einleiten, mit einer zusätzlichen Klärstufe ausgerüstet werden. Das für die Umrüstung benötigte Geld wird gegenwärtig in einem Fonds geäufnet. Im Kanton Solothurn werden in einem ersten Schritt zwei oder drei Kläranlagen umgerüstet, zum Beispiel ZASE (Grösse) und Falkenstein (Einleitung in die Dünnern). Anschliessend wird aufgrund von Wasseranalysen entschieden, ob weitere Anlagen mit Filtern gegen Mikroverunreinigungen versehen werden sollen. Für die Technologie sind derzeit zwei Verfahren im Gespräch: Aktivkohle und Ozon. (dd)

Im Lauf seiner 33-jährigen ARA-Karriere hat Klärmeister Bleuer viele Veränderungen erlebt. Früher waren Kleider, die beim Waschen verlorengingen und in die Kanalisation geschwemmt wurden, der Albtraum der Klärwarte. «Bis zu viermal am Tag mussten wir die Pumpen heben und entstopfen. Anschliessend hatten wir jeweils einen Zuber Kleider beisammen», erinnert er sich mit einem Schmunzeln. «Bei der ARA müssen wir uns der Gesellschaft anpassen, und das ist immer gelungen», sagt Martin Bleuer. Dank dieser Erfahrung blickt er zuversichtlich in die Zukunft. Die nächste Herausforderung wartet bereits: die Klärstufe der Mikroverunreinigungen (siehe Text Kasten).

Grösse hilft

Übrigens leidet die grösste Kläranlage im Kanton nicht unter den Feuchttüchern. Beim Zweckverband Abwasserregion Solothurn-Emme (ZASE – 90 000 Einwohner) sind Feuchttücher «grundsätzlich kein Problem», wie Geschäftsführer Markus Juchli sagt. Zu verdanken sei das der imposanten Grösse der Systeme, die die Vliese schlucken können.
Die Herausforderung hier ist der kantonsweite Negativrekord an Fremdwasser (Sauberwasser) von 70 Prozent. Zum Vergleich: Bei der ARA Region Grenchen ist es rund die Hälfte, beim Spitzenreiter ARA Gäu 17 bis 20 Prozent. «Das Wasseramt trägt seinen Namen nicht umsonst. Der Grundwasserspiegel ist so hoch, dass die Abwasserleitungen darin verlegt sind.

Da einige Gemeinden ihre Leitungen noch nicht saniert haben, drückt Wasser aus dem Boden herein», erklärt Juchli. So unbefriedigend das Übermass an Fremdwasser ist, es sorgt dafür, dass Trockenperioden und die darauffolgenden Abfallberge nach Gewittern bei der ZASE weniger Probleme machen als in den übrigen ARAs im Kanton.

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