Josef Steiner räumt einen grünen Halm zur Seite und schüttelt den Kopf. Es ist ein Überrest der nächtlichen Sammeltour eines ungebetenen Gastes. Hier war der Biber am Werk. Viel liegen gelassen hat das fleissige Tier in der Schneise im Horriwiler Maisfeld nicht. Die Halme und Blätter der Maispflanzen sind säuberlich im nahen Bach verbaut, wo ein stattlicher Damm aufgeschichtet ist. Auf einem kurzen Abschnitt folgen drei weitere Dämme. Die Spuren überführen den Biber eindeutig als Verursacher des Schadens im Kulturland. Mehrere Bäume zwischen dem Maisfeld und dem Bachbett sind angenagt oder gefällt. 1.80 Meter hoch türmt sich der Damm im Niedermattbach bereits. Dahinter hat sich das Fliessgewässer in einen Teich verwandelt.

Bauer Steiner freut der Anblick gar nicht. Noch mehr als über die Schäden im Feld ärgert er sich darüber, dass die Drainagen womöglich bald nicht mehr in den Bach abfliessen und Vernässungen drohen. Oder, noch schlimmer, dass das Trassee der Bahn 2000 unterspült werden könnte.

Brenzlige Situationen

Tatsächlich ist das wegen seines Pelzes, dem Fleisch und einem Sekret namens «Bibergeil» im 19. Jahrhundert ausgerottete Tier auf dem Vormarsch. Vor zehn Jahren gab es in der Region kaum Biber. Inzwischen hat er zahlreiche Gewässer im Solothurnischen zurückerobert. Unterstützt wird die Wiederansiedlung unter anderem von Pro Natura. Der Biber, der seit 1962 geschützt ist und in mehreren Ortsnamen auftaucht, hinterlässt immer grössere Spuren. Auch in die Bucheggberger Fliessgewässer ist er vorgedrungen. Im Mühletäli hat er sich derart in die Erde gegraben, dass eine Fussgängerbrücke einzustürzen droht. Und der Biberenbach staut sich inzwischen bis in die Abwasserreinigungsanlage zurück.

Bachabwärts in Lüterkofen-Ichertswil hat Urs Weyeneth bei der ersten Ernte in seinem Kürbisfeld Frassspuren entdeckt. Sie stammen wohl von den grossen Schneidezähnen des Bibers, zumal sich dieser am nahen Bach eingenistet hat. «Wenn ich einen Elektrozaun um das Feld ziehen muss, bedeutet dies einen riesigen finanziellen Aufwand», sagt Weyeneth. Er habe ja nichts gegen den Biber – so lange sich dieser nicht am eigenen Gemüse gütlich tut.

Konflikte sind programmiert.

Die wachsende Biberpopulation führt gar zu brenzligen Situationen. An den Bachufern untergräbt das Tier die Wege, sodass Bauern mit ihren schweren Gefährten darauf einsacken und in einem Fall beinahe umkippten.

Jetzt reagiert die Politik

Die Klagen der Landwirte werden lauter. Auf dem Sekretariat des solothurnischen Bauernverbands ist man hellhörig geworden. Der Biber ist ein heiss diskutiertes Thema. «Die bezifferten Ernteschäden sind zwar oft nicht so gross», sagt Bruno Bartlome vom Bauernverband. «Dafür ist der Ärger umso grösser.» Wenn über Monate hinweg gepflegte Kulturen in kurzer Zeit von einem Tier zerstört würden, sei dies eine schwierige Situation für Landwirte.

Dies bestätigt Urs Guldimann aus Horriwil, in dessen Urdinkelfeld der Nager ebenfalls Spuren hinterlassen hat. Im Abstand von 5 Metern hat er kurz vor der Ernte mehrere Schneisen gebahnt. Grosse Einbussen erwartet der Landwirt zwar nicht. «Aber es ist ärgerlich, dass sich der Biber so ungebremst ausbreiten kann.»

Inzwischen formiert sich politischer Widerstand. Kantonsrat Edgar Kupper (CVP), der in Laupersdorf selber einen Bauernhof betreibt, bereitet eine Interpellation vor, wie er auf Anfrage mitteilt. Noch sei der Vorstoss nicht ausgereift. «Doch es gibt Handlungsbedarf», stellt Kupper fest. Man gelange an einen Punkt, wo die Anzahl geschützt lebender Wildtiere reguliert werden müsse. Der zusätzliche Arbeitsaufwand aufgrund der Präventionsmassnahmen gegen Biberschäden sei nicht förderlich für die Attraktivität des Bauernstandes. Hinzu komme der emotionale Bezug der Bauern zu den Nahrungsmitteln, die von Bibern zerstört werden. «Die Lebensmittel sind der Stolz der Bauern und müssen einen höheren Stellenwert erhalten», findet Kupper.

Grosse Schäden bisher selten

Im kantonalen Amt für Wald, Jagd und Fischerei räumt man ein, dass Wildschäden an landwirtschaftlichen Kulturen für Landwirte ein Problem sein können. Laut dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Gabriel van der Veer müssen die Bauern Präventionsmassnahmen ergreifen, um die Ernte vor Wildschäden zu schützen. Dies sei bei Bibern oft mit einfachen Mitteln erreichbar, etwa mittels einem Elektrozaun. Um Schadenersatz für zerstörte Kulturen zu erhalten, muss die Bagatellgrenze überschritten werden. Konkret muss der Schaden über 200 Franken betragen. Dies ist gemäss van der Veer erst einmal vorgekommen, als Biber entlang der Aare in der Witi eine grössere Menge an Zuckerrüben gefressen haben.

Inzwischen hat Josef Steiner einen Elektrozaun um sein Maisfeld gezogen. Die Installationskosten seien noch zu verschmerzen, findet er. Doch der Folgeaufwand sei immens. So muss das Gras entlang des nur 25 Zentimeter hohen Zaunes stets gemäht werden. Zudem fehle ihm der Mais für die Verfütterung an seine Rinder.

Am Niedermattbach bahnen sich zwei Spaziergängerinnen den Weg vom Feldweg zum Wasser hinunter. Schwer beeindruckt betrachten sie den grossen Damm, den das kleine Tier errichtet hat. «Das ist ja unglaublich», sagt eine. Josef Steiner nickt grimmig. «Und man kann nichts dagegen tun.»

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