Kanton Solothurn
«Nicht mehr 120 Prozent»: Caritas-Chefin gibt ihren Job ab

Nach sieben Jahren ist Schluss: Regula Kuhn gibt ihren Job als Geschäftsleiterin der Caritas Solothurn ab. Wobei die Arbeit mehr als nur ein Job gewesen sei. Sie hat das Hilfswerk gegen Armut, das selbst mit den Finanzen kämpfte, wieder aufgestellt.

Noëlle Karpf
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Regula Kuhn macht Ende März die Tür zum Büro der Solothurner Caritas zum letzten Mal zu. Die 53-Jährige Thurgauerin macht sich selbstständig, nachdem sie sieben Jahre lang als Geschäftsleiterin des Hilfswerks für Armutsbekämpfung tätig war.

Regula Kuhn macht Ende März die Tür zum Büro der Solothurner Caritas zum letzten Mal zu. Die 53-Jährige Thurgauerin macht sich selbstständig, nachdem sie sieben Jahre lang als Geschäftsleiterin des Hilfswerks für Armutsbekämpfung tätig war.

Hanspeter Bärtschi

Nur den Laptop. Das ist alles, was Regula Kuhn im Büro vor dem Solothurner Hauptbahnhof einpacken muss. Dort, im grossen weissen Gebäude mit dem quietschenden Parkettboden, ist der Standort des Hilfswerk Caritas. Und dort hatte Regula Kuhn als Geschäftsführerin ihren Arbeitsplatz. Zumindest teilweise. Oft war sie im Kanton Aargau unterwegs, draussen im Einsatz. Deshalb muss die 53-jährige Sozialarbeiterin an ihrem letzten Arbeitstag nur den Laptop mitnehmen, dann kann sie die Türe zu machen, durch die sie seit 2012 ein und aus ging.

Damals spannte der Caritas-Vorstand sie ein. Für eine Pilotphase. 2004 hatte das Hilfswerk seine Projekte aufgegeben. Es war kein Geld mehr da. Dann kam Kuhn mit dem Motto «was gewesen ist, ist vorbei», erklärt sie. Es dürfe auch mal etwas sterben und dann wieder auferstehen. Passend zu Ostern. Man müsse nicht ewig «den Karfreitag zelebrieren».

Sie war vorher schon im Kanton Aargau für das Hilfswerk tätig. Und hat so wieder eine Solothurner Regionalstelle geschaffen, die heute über 130 Freiwillige und 10 Mitarbeiter zählt.
Die Caritas vermittelt beispielsweise Kindern aus ärmeren Familien Paten. Ein anderes Projekt ist die «KulturLegi», mit welcher Personen mit kleinem Budget Rabatt etwa auf Museumsbesuche erhalten. «Wir sind im Kanton angekommen», sagt Kuhn. Einfach war das aber nicht.

Dem Geld «hinterherrennen»

So habe sie zwar nach vorne geschaut. Andere hätten aber eben «den Karfreitag» zelebriert, die Caritas mit Skepsis betrachtet. «Natürlich ist es nicht einfach, immer dem Geld hinterherzurennen», sagt Kuhn. Etwa der Caritas-Markt mit seinen günstigen Preisen sei eine Herausforderung. Wirtschaftlich gesehen rentiert er kaum.

Die Caritas lebt von Spenden und der Kirche als Trägerin. Die Geschäftsführerin selbst ist Christin. Ihre Lebensphilosophie passe zur Caritas, die Stelle sei mehr als ein Job gewesen. «Ich glaube an eine solidarische Gesellschaft. Ich glaube an ein Leben ohne Armut.» Auch nach sieben Jahren, in denen sie täglich mit Sozialhilfebezügern und Flüchtlingen ohne Einkommen zu tun hatte? Kuhn lehnt sich nach vorne und nickt. «Gerade nach dieser Zeit.» Weil sie sehe, wie der Caritas Markt von ärmeren Menschen regelrecht gestürmt wird, die so an günstige Lebensmittel kommen, welche ansonsten im Mülleimer landen würden. Und: «Finanzielle Herausforderungen gehören bei einem Hilfswerk zum Geschäft.»

Caritas soll «frecher» werden

Dafür habe sie viel Dankbarkeit erfahren. Stolz ist sie auch. Worauf? Kuhn zeigt lachend auf eine ganze Liste auf dem Notizblock vor ihr auf dem Tisch. So einiges. Vor allem aber auf die Freiwilligen, die für die Caritas arbeiten. Beispielsweise für «das jüngste Kind» – ein Projekt, in dem Freiwillige Flüchtlingen den Solothurner ÖV erklären oder mit der Sprache helfen. «Es ist wichtig, dass wir die Zivilgesellschaft mitnehmen können. Das macht die Caritas aus – sie ist ein Netzwerk», erklärt Kuhn.

Dieses Netzwerk – der «Teenager Caritas», wie die 53-Jährige sagt – dürfe noch wachsen. Enger mit Pfarreien und Gemeinden zusammenarbeiten. Gemeinden, die immer weniger freiwillige Sozialbeiträge zahlen wollen, die auch an die Caritas gehen? Sie sehe darin nicht nur ein Problem, sagt Kuhn. Sondern eine Chance. Um mit allen Beteiligten zu klären, wer wofür Beiträge zahlt – freiwillig oder nicht. In diesem Sinn dürfe man sich auch mal politisch äussern, «wir – der Teenager Caritas» frecher werden. Kuhn sagt «wir» wenn sie vom Hilfswerk spricht, auch an ihrem letzten Arbeitstag. Sie lacht, als sie es bemerkt. Es sei schon ein Einschnitt, jetzt den Posten zu räumen. Dafür habe sie viel gelernt, das sie mitnimmt.

Kuhn macht sich selbstständig – als Projektleiterin oder Moderatorin. «Nicht mehr 120 Prozent», sagt die 53-Jährige. Dafür weiterhin unterwegs, mit dem Laptop, den sie aus dem grossen weissen Gebäude mit dem quietschenden Parkettboden mitnimmt. Zusammen mit der Überzeugung: «Wir dürfen als Gesellschaft nicht stehen bleiben. Aber ich glaube, dass wir gute Arbeit geleistet haben. Es hat Sinn gemacht. Vor allem das.»

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