Justizvollzugsanstalt

Nicht jeder Häftling will bei der Therapie mitmachen

Nicht alle Insassen können mit den einschränkenden Sicherheitsbedingungen im Schachen gleich umgehen.

Nicht alle Insassen können mit den einschränkenden Sicherheitsbedingungen im Schachen gleich umgehen.

Der Verein Strafrechtsreform 91 kritisiert den Massnahmenvollzug: «Die Insassen sind den grössten Teil der Zeit bei der Arbeit. Sie haben nur eine Stunde Therapie in der Woche. Das haut nicht.» Der Direktor der Anstalt weist die Vorwürfe zurück.

Gefangene können nicht wählen, wo sie untergebracht werden. Und schon gar nicht die Gefangenen, die in der kleinen Verwahrung nach Artikel 59 sitzen: Denn die Plätze für die Frauen und Männer – wie etwa im Neubau im Deitinger Schachen – sind rar. Dorthin kommen nur Gefangene, die hochgefährliche Delikte gegen Leib und Leben begangen haben. Die Gesellschaft will sie so lange verwahren, bis sie keine Gefahr mehr darstellen. Alle fünf Jahre wird ihr Einsitz im Massnahmenvollzug überprüft.

Wählen konnte auch Viktor T. (Name geändert) nicht. Er sitzt im Schachen ein, wegen vierfach versuchten Mordes. In Zuchwil schoss er auf seine Ex-Freundin. Es gefalle ihm im Schachen gar nicht, sagte er Ende August im Prozess vor dem Amtsgericht. Er habe kaum Freizeit, die ständige Bewachung setze ihn unter psychischen Druck, so der 24-Jährige. «Ihnen ist aber klar, dass Sie nicht in einem Ferienklub sein können, nachdem das passiert ist?», fragte der Amtsgerichtspräsident irritiert.

Im Gerichtsaal sass damals auch Peter Zimmermann, Präsident der Reform 91, einer Selbsthilfeorganisation für Strafgefangene. Zimmermann ist als harscher Kritiker des Gefängniswesens bekannt. Und jetzt hat er sich auch der Situation von Viktor T. angenommen. Zimmermann unterstützt den jungen Mann und richtet dazu das grelle Schweinwerferlicht, mit dem sein Verein das Strafwesen ausleuchtet, auf den Kanton Solothurn.

«Einsperren und Schlüssel weg»?

8 der derzeit 38 Insassen im Schachen würden die Therapie verweigern, schreibt Zimmermann, früher selbst einmal Häftling. «Diese Weigerung hat sich seit Monaten abgezeichnet.» Zimmermann kritisiert die psychiatrische Betreuung, die «einem einseitigen Behandlungsmodell folgt, das in keiner Weise auf die Gesundungsbedürfnisse der Patienten eingeht.» Für ihn greift die Therapie im Schachen viel zu kurz. «Die Insassen sind den grössten Teil der Zeit bei der Arbeit. Sie haben nur eine Stunde Therapie in der Woche. Das haut nicht.»

Für Zimmermann widerspricht diese Art der Idee, die hinter dem Massnahmenvollzug nach Artikel 59 steckt, nämlich der Resozialisierung. Bei so wenig Therapie könne kaum davon gesprochen werden, dass die Insassen auf den guten Weg zurückgeschickt werden. «Das ist nicht viel mehr als das Prinzip einsperren und den Schlüssel verlieren.»

«Hoch strukturierter Ansatz»

Pablo J. Loosli ist Direktor der Justizvollzugsanstalt im Schachen. Er weist die Kritik an den Therapiemassnahmen entschieden zurück. «Es ist ein Grundprinzip des Vollzugs, dass von Montag bis Freitag gearbeitet wird», sagt er. «Über die Arbeit wollen wir die Resozialisation fördern.» Zwar sei es korrekt, dass ein Insasse in der Regel nur eine Stunde wöchentlich mit dem Psychotherapeuten zusammensitze.

Doch der therapeutische Ansatz im Schachen gehe weit darüber hinaus: Es würden nämlich nicht einfach Gärtner oder Mechaniker die Insassen bei den Arbeiten anleiten und führen. «Fast alle Angestellten haben eine Zweitausbildung im therapeutischen Bereich», so Loosli. «Wir haben einen hohen Ausbildungsstand unseres Personals.» Und wenn die Insassen auf der Station seien, wären dort immer ausgebildete Profis wie Sozialpädagogen oder Psychiatriepfleger anwesend. «Wir bieten einen wirklich hoch strukturierten Ansatz.»

Überhaupt weist Loosli die Vorwürfe, die Zimmermann erhebt, in der ganzen Breite zurück. «Es stimmt nicht, dass acht Insassen die Therapie verweigern», sagt der Anstaltsdirektor. Einzelne Verweigerungen gebe es allerdings – aber das sei nicht aussergewöhnlich. «Dass der eine oder andere Insasse nicht mitmachen will, gehört zu unserem Metier. Denn die hohen Sicherheitsstandards haben nun einmal Einschränkungen zur Folge, mit denen der eine oder andere nicht einfach so leben kann.»

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