Sozialregionen
Nicht immer brauchts in den Sozialregionen den Profi

Der Solothurner Kantonsrat passt das Mitarbeiter-Profil der Realität in den Sozialämtern an. Er stoppt damit die Professionalisierung.

Elisabeth Seifert
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In den Sozialämtern leisten auch Mitarbeitende ohne Fachausbildung gute Arbeit.

In den Sozialämtern leisten auch Mitarbeitende ohne Fachausbildung gute Arbeit.

Oliver Menge

Der Sozialbereich bietet im Kantonsrat regelmässig Stoff für kontroverse Diskussionen. Ein besonderes Reizthema bilden kantonale Auflagen betreffend den Ausbildungsstandard der Mitarbeitenden in den Sozialämtern, welche die Kosten für die Gemeinden in die Höhe schiessen lassen.

Umso erstaunlicher war da am Mittwoch die Einigkeit von Regierungsrat und sämtlichen Fraktionen. Ohne Gegenstimme segnete das Parlament einen von der Regierung abgeänderten Auftrag der Freisinnigen ab, der einer «weiterführenden und kostentreibenden Professionalisierung der Sozialregionen» den Riegel schiebt. Die Sozialverordnung wird damit entsprechend angepasst.

Einen Konsens gefunden

Diese Einmütigkeit kommt allerdings nicht von ungefähr, sondern ist das Resultat intensiver Diskussionen zwischen alle direkt beteiligten Gremien, dem Amt für soziale Sicherheit (ASO), den Gemeinden und den Sozialämtern. Anfang Jahr noch war die Atmosphäre zwischen der kantonalen Verwaltung und den Gemeinden äusserst gespannt. Auslöser für den FDP-Auftrag war ein Schreiben des ASO, das die Sozialregionen scheinbar dazu verpflichtete, ab 2015 nur noch Mitarbeitende zu beschäftigen, die den in der Sozialverordnung festgehaltenen hohen beruflichen Anforderungen entsprechen.

Andernfalls müssten sie mit Sanktionen rechnen, sprich: Die angeschlossenen Gemeinden können nicht mehr damit rechnen, dass ihre Kosten über den Lastenausgleich Sozialadministration ausgeglichen werden.

Wie aus der Antwort der Regierung hervorgeht, war eine Fachgruppe Anfang Jahr bereits damit beschäftigt, eine Änderung der Sozialverordnung ins Auge zu fassen – und so die beruflichen Anforderungen an die reale Situation in den Sozialämtern anzupassen. Das besagte Schreiben des ASO an die Sozialregionen sollte diesen einfach vor Augen führen, welche Konsequenzen die Umsetzung der bestehenden Sozialverordnung für sie haben würde. Wie dem auch sei, als Folge dieses «Missverständnisses» wurde die Zusammenarbeit zwischen den Fachgremien, politischen Vertretern und dem Verband der Solothurner Einwohnergemeinden (VSEG) verstärkt. Mittlerweile ist die Sozialverordnung – zur Zufriedenheit aller – bereits überarbeitet worden; noch bevor der Auftrag der FDP gestern im Kantonsrat beraten worden ist. «Wir sind einmal mehr schneller als der Kantonsrat», stellte Sozialdirektor Peter Gomm augenzwinkernd fest.

Berufserfahrung einbezogen

Markus Dietschi (BDP, Selzach) fasste als Sprecher der grossen Mittefraktion (CVP, EVP, GLP, BDP) die Änderungen der Sozialverordnung zusammen. Für die Bearbeitung von 100 Sozialdossiers stehen auch künftig insgesamt 125 Stellenprozente zur Verfügung. Während gemäss der alten Sozialverordnung aber 100 Stellenprozente durch teure Fachmitarbeitende abgedeckt werden mussten, genügen neu 75 Prozent. 50 Stellenprozente hingegen entfallen auf die günstigere administrative Arbeit.

Diese Aufteilung entspreche, so Dietschi, besser der Realität in den Sozialämtern. «Die Fachmitarbeit wird beschränkt auf die methodische Fallführung und den direkten Kontakt mit den Betroffenen.» Um als Fachmitarbeitender zu gelten, müsse jemand zudem nicht zwingend über eine entsprechende höhere Ausbildung verfügen. Mit einbezogen werde vielmehr auch die spezifische Berufserfahrung.

«Die letzten Jahre haben gezeigt, dass auch Mitarbeitende ohne Fachausbildung gute Arbeit leisten», unterstrich Kuno Tschumi (FDP, Derendingen). Aufgrund des Fachkräftemangels hätten zudem zahlreiche Sozialämter Schwierigkeiten, geeignetes Fachpersonal zu finden. Hinzu komme, so Tschumi, dass die nicht immer ganz einfache Arbeit auf den Sozialämtern eine hohe Personalfluktuation zur Folge habe. «Ziel des Auftrags ist nicht eine Entprofessionalisierung des Sozialbereichs, aber eine Professionalisierung am richtigen Ort», stellte der FDP-Sprecher klar. Johannes Brons (SVP, Schönenwerd) anerkannte die Änderung der Sozialverordnung als einen «kleinen nötigen Sparschritt» in die richtige Richtung.

Aufseiten der SP erachtete es Christin Bigolin (Aetigkofen) als «richtig», dass die teuren Fachmitarbeitenden von der administrativen Arbeit entlastet werden. Es würde aber zu weit gehen, wenn jemand einzig aufgrund seiner beruflichen Erfahrung als Fachmitarbeiter gelte. Gemäss Doris Häfliger (Grüne, Zuchwil) sollten Mitarbeitende mit der entsprechenden Berufserfahrung ermuntert werden, eine Weiterbildung zu absolvieren.

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