Kleiderregeln
Nicht halbblutt Kopfrechnen

In Solothurn sollten Mädchen nicht mit zu kurzen Rücken oder zu grossem Ausschnitt in die Schule gehen. Sonst drohen ihnen Sanktionen. Das ist einem Flyer zu entnehmen, der Schülern und Eltern verteilt worden ist.

Theodor Eckert
Theodor Eckert
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In der Schule sollten die Röcke nicht zu kurz sein (Symbolbild)

In der Schule sollten die Röcke nicht zu kurz sein (Symbolbild)

Keystone

Das riecht gehörig nach Seldwyla: Auf einem Fetzen Papier wird Schülern und vor allem Schülerinnen der Oberstufe klargemacht, wie sie sich während des Unterrichts gefälligst zu kleiden haben. Leicht irritiert bis kopfschüttelnd nimmt der Betrachter das Gekritzel zur Kenntnis.

Ein unbeholfenes Elaborat eines unterbeschäftigten Schreibtischtäters, das es auf die persönliche Freiheit des Individuums abgesehen hat? Ja, die Botschaft kommt in etwa so daher. Moment noch, steckt allenfalls doch mehr dahinter als die blosse Drohung, dass Mädchen mit unverhüllten Bauchpartien und Boys mit Schlabbertrainerhosen in der Schule was zu gewärtigen haben, da beides als No-Go eingestuft wird? Nun, es ist wie so oft im Leben, auch diese Medaille hat eine Kehrseite.

Wir erinnern uns: Der Sommer hat uns etliche heisse Tage beschert und die Heranwachsenden sollen nicht selten derart leicht bekleidet in den Unterricht gekommen sein als kämen sie direkt vom Strand. Mit andern Worten, das Elternhaus schaut jeweils weg (oder gar nicht hin), wenn das Töchterchen nuttenhaft gekleidet die Schulbank drückt, respektive der Sohn einem Rapper gleich an die Wandtafel schlendert. Und sich die beiden gleichentags womöglich gar im selben Outfit um eine Lehrstelle bewerben gehen. Um die Zukunft nach der obligatorischen Schulzeit geht meist früher als später nämlich im Schulhaus mit der ominösen Kleiderordnung.

Richtig, wir sprechen von jungen Menschen auf dem Sprung in eine anspruchsvolle Berufswelt, denen im Familienkreis ganz offensichtlich keine Leitplanken gesetzt werden. Dass die Schule selbst diese Aufgabe übernehmen muss, wirkt zwar befremdend, ist aber letztlich unerlässlich. Jemand muss schliesslich neben der Wissensvermittlung das Verhalten und Auftreten in der Gesellschaft thematisieren. Zumindest diesen Punkt muss man den Verfassern des Flyers Kleiderordnung zugutehalten, auch wenn das Ganze von aussen betrachtet doch ziemlich skurril wirkt.

P.S. Wenn wir schon beim Thema sind: Einmal sind es Diskussionen um schickliche Bekleidungen und dann wieder mit schöner Regelmässigkeit das Theater um Markenklamotten. Also, führt doch endlich auch bei uns Schuluniformen ein – es muss ja nicht gleich mit Krawatte sein.

theodor.eckert@azmedien.ch