Wasservorkommen
Nicht die Menge, sondern die Qualität des Trinkwassers bereitet Sorge

Der Kanton Solothurn deckt seinen Trinkwasserbedarf zu etwa zwei Dritteln mit Grundwasser aus dem Schotter und zu etwa einem Drittel mit Quellen aus dem Jurakarst.

Hans Peter Schläfli
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Da Trinkwasser muss geschützt werden.

Da Trinkwasser muss geschützt werden.

Keystone

Im Sommer haben die kleinen Kinder ihren Spass daran, im Garten durch den Sprinkler zu rennen. Das Wasser des Swimmingpools wird achtlos weggeschüttet und der Freisitz mit dem Schlauch saubergespritzt. Wir gehen mit dem Wasser um, als wäre es ein unerschöpfliches Gut. Weil es so billig ist, denken viele, es sei wertlos.

Vergleichbar mit Mineralwasser

Das Wasser, das im Kanton Solothurn aus dem Wasserhahn fliesst, muss den Vergleich mit handelsüblichen Mineralwassern nicht scheuen: Es hat etwa gleich viel Kalzium wie ein Vittel, Kalium wie ein Perrier oder Magnesium ein Volvic. Vom unerwünschten Natrium (Kochsalz) findet man im «Hahnenburger» dagegen 15-mal weniger als im Rhäzünser - und Henniez enthält mehr Nitrat als das Luterbacher Grundwasser. (hps)

Aber ist unser Wasser wirklich unerschöpflich? «Nein, das ist es nicht, wir müssen dazu Sorge tragen», sagt Claude Müller vom Solothurner Amt für Umwelt. «In einigen dicht besiedelten Küstenstreifen wird oft so viel Grundwasser gefördert, dass Meerwasser nachsickert und die Versalzung droht. Es gibt Gebiete auf der Welt, wo der der Grundwasserspiegel wegen Übernutzung rasant sinkt und sich die Wüsten ausbreiten.»

So weit werde es im Kanton Solothurn zum Glück nicht kommen, die Vorkommen an Grundwasser und Quellen seien wirklich sehr gross.

Gedanken müsse man sich trotzdem machen – nämlich wegen der Qualität. «Die absolute Priorität geniesst beim Amt für Umwelt der Schutz unseres Trinkwassers. Unsere Aufgabe ist es, die Rechte auf das Wasser so zu verteilen, dass auch zukünftige Generationen davon profitieren werden.»

Für die beiden Grundwasserfassungen im Gäu wurden Zustrombereiche ausgeschieden

Für die beiden Grundwasserfassungen im Gäu wurden Zustrombereiche ausgeschieden

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Gäu: Das Nitrat beunruhigt

Nicht überall am Jurasüdfuss sind die Wasserwerte so perfekt wie in Bellach und Luterbach. Im Gäu stellt das Nitrat (NO3) ein ernsthaftes Problem dar, das ursprünglich aus stickstoffhaltigen Düngern stammt. Mit Messungen zwischen 37.5 mg/l und 39.4 mg/l streiften die Werte der Fassung Neufeld in Neuendorf den maximal tolerierten Wert von 40 mg/l. Nur wenig besser steht das Pumpwerk Zelgli in Kappel da: Rund 32 mg/l Nitrat ist deutlich über dem Zielwert von 25 mg/l.

Das Problem liegt über den Zustromgebieten der Grundwasserfassungen. Hier sollen Schutzzonen die Qualität garantieren: Das Wasser muss von der Zone 2 bis in die Zone 1 mindestens 10 Tage unterwegs sein, damit keine Bakterien infiltriert werden können. «In der Zone 1 darf man nicht einmal Benzin in den Rasenmäher füllen», erklärt der Luterbacher Brunnenmeister Jürg Schläfli. In der Zone 2 darf keine Gülle ausgebracht werden und in der Zone 3 sollte möglichst wenig stickstoffhaltiger Dünger verwendet werden.

Das Gäu ist nicht alleine: In der Schweiz liegen über 50 Prozent der Grundwasserfassungen mit ihrem Nitratgehalt über dem angestrebten Zielwert von höchstens 25 mg/l.

Für die beiden Grundwasserfassungen im Gäu wurden Zustrombereiche ausgeschieden (siehe Karte unten). «Wir sind mit den dort tätigen Landwirten in Kontakt», sagt Claude Müller vom Amt für Umwelt. «Wir möchten mit ihnen Vereinbarungen über die Fruchtfolge und den Düngemitteleinsatz abschliessen.»
Entschädigungen sind möglich, wenn die Landwirte freiwillig kleinere Erträge akzeptieren und weniger Stickstoff ausbringen. Mit 1508 Hektaren ist das Gäu das grösste Nitratprojekt dieser Art. Bis 2014 wurden 5.5 Millionen Franken Bundesgelder in Form von ökologischen Direktzahlungen gesprochen. (hps)

Blick ins Grundwasserpumpwerk Neufeld in Neuendorf

Blick ins Grundwasserpumpwerk Neufeld in Neuendorf

Bruno Kissling
Das «baue Gold» der Quelle auf der Bellacher Römermatt ist genauso gesund wie ein Mineralwasser.

Das «baue Gold» der Quelle auf der Bellacher Römermatt ist genauso gesund wie ein Mineralwasser.

Hans Peter Schläfli

Bellach: Quelle der alten Römer

In Bellach kann man sein «blaues Wunder» erleben, wenn Simon Stüdeli auf der Römermatt das flache Kegeldächlein aus Edelstahl öffnet. Darunter verbergen sich ein enger Schacht und eine kleine Plattform. Hier plätschert das kristallklare Trinkwasser einfach so aus dem Boden. «Sie ist sehr ergiebig und weist nur kleinste Schwankungen bei der Menge und der Temperatur auf», beschreibt der Brunnenmeister die Quelle.

Die ganz in Blau gehaltene Fassung wurde vor ein paar Jahren komplett modernisiert. Auch jetzt, Ende Sommer, liefert die Quelle auf der Römermatt mehr als 1500 Liter Wasser pro Minute. Mit einem durchschnittlichen Gehalt von etwa 24,5 mg/l erfüllt die Quelle auch den Zielwert beim Nitrat.

Simon Stüdeli ist seit einem guten Jahr in Bellach angestellt und familiär vorbelastet: Er ist der Nachfolger seines Vaters als Brunnenmeister. Das «blaue Gold» kannten bereits die alten Römer vor 2000 Jahren: Ganz in der Nähe der Quelle wurden sowohl eine Münze mit der Prägung von Marcus Aurelius als auch die Venus von Bellach gefunden. Die Statue ist im archeologischen Museum Solothurn zu bewundern.

Das Trinkwasser im Kanton stammt zu etwa zwei Dritteln aus dem Schotter und zu einem Drittel aus Quellen. Trotzdem ist die Wasserversorgung der Gemeinden Bellach und Lommiswil eine der wenigen, die sowohl auf Quellen als auch auf Grundwasser zugreifen kann.

Das sei immer dann ein Vorteil, wenn bei heftigen Regenfällen der Boden das Wasser nicht mehr halten und ausreichend filtern kann, sagt Simon Stüdel: «Wir haben in der Quellenfassung einen Trübungsmesser eingebaut, der das Wasser automatisch in den Bach leitet, wenn es nicht mehr ganz klar fliesst. Aber das kommt wirklich nur sehr selten vor.» (hps)

Luterbach: Das Wasserschloss

«Selbst im trockensten Sommer messen wir in Luterbach nur eine sehr kleine Absenkung des Grundwasserspiegels», sagt Brunnenmeister Jürg Schläfli, der für die Wasserversorgung Unterer Leberberg verantwortlich ist.

Insgesamt gibt es auf dem Gemeindegebiet drei Grundwasserpumpwerke. «Luterbach könnte man auch lauter Wasser nennen», meint Schläfli. Hier kommen die Aare, die Emme sowie die kleinen Fliessgewässer Grüttbach, Rütibach, Schluchtbach und Späckgraben zusammen. Im Untergrund treffen die grossen Grundwasserströme aus dem unteren Emmental und aus Richtung Solothurn zusammen. Die drei Grundwasserpumpwerke liefern Trinkwasser in 23 Gemeinden mit zusammen rund 55 000 Einwohnern.

Der konstant tiefe Nitratwert (NO3) von rund 10 Milligramm pro Liter (mg/l) zeichnet das Luterbacher Grundwasser aus. Aber das Beste sind nicht die nackten Zahlen der Analyse, sondern ein unscheinbarer Satz ganz am Ende des jährlichen, durch ein neutrales Labor verfassten Rapports: «Das Trinkwasser wird nicht aufbereitet.» So wie es aus dem Boden sprudelt, fliesst es in die Leitungen und kann getrunken werden.

Als das Attisholz am Riedholzer und Luterbacher Aareufer noch Cellulose produzierte, bezog alleine diese Fabrik dreimal so viel Trinkwasser, wie heute das Pumpwerk im Industriegebiet fördert. Nun baut dort bekanntlich Biogen die erste Etappe einer grossen Medikamentenproduktion. «Biogen hat tatsächlich einen sehr grossen Wasserbedarf angemeldet. Aber wir können die erste und in ein paar Jahren auch eine zweite Etappe der Produktion problemlos mit dem heutigen Grundwasserpumpwerk beliefern. Sollte das Unternehmen in Zukunft wirklich noch eine die dritte Produktionslinie bauen, dann müssten wir eventuell die Infrastruktur leicht ausbauen.» (hps)

Das Durchbohren einer Stauschicht könnte katastrophal sein

Immer öfter wird das Grundwasser über Erdsonden angezapft, um mittels Wärmepumpen Heizenergie zu gewinnen. Sollte eine Bohrung die darunterliegende Stauschicht durchstechen, könnte das Grundwasser in tiefere Schichten abfliessen und verloren gehen. Diese Gefahr droht auch in den Kalkschichten des Juras. Würde eine Erdsondenbohrung den Jurafels an einer sensiblen Stelle durchstechen, könnten die Quellen in der Nähe von einem Tag auf den anderen versiegen. «Diese Gefahr ist beim Amt für Umwelt ein Thema», bestätigt Claude Müller, «aber die Gefahr ist nicht wirklich akut. Jeder Meter kostet viel Geld und deshalb will niemand tiefer als unbedingt nötig bohren.» Zudem sei die Kontrolle rigoros. «Vor jeder Bohrung muss ein Geologiebüro ein Gutachten erstellen, das durch den Kanton geprüft wird.» (hps)