Auf einen Kaffee mit ...
Nicht alle Italien-Fans sind nach dem Ausscheiden am Boden zerstört

Der lebhafte Süditaliener und ambitionierte Trainer beim FC Solothurn spricht bei einem Kaffee über seine Schützlinge, die Fussball-WM und das frühe Ausscheiden der italienischen Nationalmannschaft.

Theodor Eckert
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FCS-Geschäftsleitungsmitglied Claudio Cappelli ist das Lachen trotz schlechtem Abschneiden der Italiener an der WM in Brasilien nicht vergangen.

FCS-Geschäftsleitungsmitglied Claudio Cappelli ist das Lachen trotz schlechtem Abschneiden der Italiener an der WM in Brasilien nicht vergangen.

Felix Gerber

Italien hat zwar im ersten Spiel an dieser Weltmeisterschaft England niedergerungen, doch dann ging es mit den Azzurri nur noch abwärts. Das Resultat: In der Vorrunde ausgeschieden, Trainer flippt aus und wirft den Bettel weg, Differenzen innerhalb der Mannschaft und viele, viele enttäuschte Fans rund um den Erdball.

Einer davon muss ganz bestimmt Claudio Cappelli sein. Ein Fussballer mit Leib und Seele. Wir treffen ihn im Stadionrestaurant des FC Solothurn. Dort spielt sich ein Grossteil seiner Freizeit ab.

Der Süditaliener ist Mitglied der Geschäftsleitung des Traditionsvereins und will als Trainer junge Nachwuchshoffnungen zu erfolgreichen Fussballern machen. Cappelli muss ganz einfach etwas hergeben, wenn es darum geht, den Megafrust eines niedergeschlagenen Italienfans aufzufangen.

Und, wie war die Woche?

Der 40-Jährige ist hier aufgewachsen. An der Sprache ist seine Abstammung also nicht erkennbar. Der einzige Unterschied, er spricht so schnell und lebhaft, wie der brasilianische Superstar Neymar derzeit seine Gegner umdribbelt.

Also Claudio Cappelli, wie war die Woche, wie ist die Gemütslage? Erzählen Sie doch mal. «Oh, ganz gut, es geht mir bestens.» Wie bitte? Der italienische Fussball ist am Boden und Sie leiden mit keiner Faser? Wie haben Sie das Debakel erlebt?

Cappelli zeigt in der Tat keine auffälligen Emotionen: «Ich stecke mitten in den Prüfungen für das B-Diplom als Trainer und als Italien gegen Uruguay am Dienstag unterging, bin ich zusammen mit 13 Jungs meiner U10-Mannschaft auf dem Platz gestanden und habe intensiv trainiert.

Im Gegensatz zum Italienspiel hat Spass gemacht. Wirklich Spass gemacht.» Wir verstehen die Welt nicht mehr. Doch jetzt kommt Cappelli ins Dozieren. Italien spiele gegenwärtig ganz einfach nicht das System, das ihm behage.

Er liebe Offensivfussball und er möge sich nicht neunzig Minuten lang über eine falsche Strategie und einzelne Exponenten aufregen. Da widme er sich lieber seinem Nachwuchs. «Auf das Italienspiel habe ich eh keinen Einfluss, was soll ich mich da übermässig eingeben und dann aufregen?»

Doch so völlig emotionslos, wie er sich gibt, dürfte es im Familienvater eines Fussball spielenden Knaben und einer turnenden Tochter nicht aussehen. «Im italienischen Team stimmt doch einfach etwas nicht, wenn ein Andrea Pirlo in seinem Alter zum Rücktritt vom Rücktritt bewegt wird.

Er ist ein toller Fussballer, aber bei der nächsten Europameisterschaft wird er 37 Jahre alt sein. Das kann es doch nicht sein», ereifert sich der bekennende Maradona-Fan. Cappelli kritisiert, dass zu wenig junge, talentierte Spieler ins Nationalteam nachgezogen werden.

Fazit des Beobachters: Es macht den Eindruck, dass sich Cappelli die Baisse der Italo-Kicker bewusst auf Distanz hält, um nicht unnötig leiden zu müssen.

Sind Ihre Schützlinge auch bissig?

Wir nehmen leicht enttäuscht zur Kenntnis, dass die Italiener in der jetzigen Verfassung ganz offensichtlich nichts mehr hergibt. Doch was ist mit dem letzten Gegner der Squadra Azzurra, Herr Cappelli?

In den Reihen der Südamerikaner hat ein bissiger Star sein Unwesen getrieben. Lernen die Neun- und Zehnjährigen auch schon solche Tricks beim FC Solothurn? Der Nachwuchstrainer mit Ambitionen für höhere Aufgaben schüttelt ungläubig den Kopf.

«Wir stehen hundertprozentig für fairen Fussball. Siegeswille und eine gesunde Härte gehören zwar zum Spiel, aber solche Mätzchen sind ganz einfach kein Thema. Zudem predigen wir auch immer, Schiedsrichterentscheidungen zu akzeptieren und keine Diskussionen anzuzetteln.»

Und noch etwas ist ihm wichtig. Der überdrehte Torjubel mit Faxen und Gesten, den die internationalen Stars zuweilen an den Tag legen, wolle man bei den Jungen gar nicht erst aufkommen lassen. «Freude ist o. k., aber wir dulden keine abschätzigen Provokationen.»

Der gelernte Heizungsmonteur, der sich zum Verkauf- und Serviceleiter hochgearbeitet hat, kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass sich Profis, notabene alles Vorbilder für die Jungen, bei jeder Gelegenheit rudelmässig auf den Schiedsrichter stürzen und den Eindruck erwecken, damit bereits gefällte Entscheidungen umkehren zu können.

Und die Leistungen der Schweizer, sind die kein Thema, immerhin sind Frau und Kinder Doppelbürger? Claudio Cappelli schmunzelt: «Doch, doch, diese Spiele diskutieren wir selbstverständlich auch.»

Cappelli zeigt sich auch in dieser Hinsicht realistisch und meint sarkastisch: «Nach dem Spiel gegen Frankreich waren die Schweizer in der Öffentlichkeit die grössten Loser und jetzt sind sie wieder die Helden, so ist Fussball eben auch.»

Eine Prognose des Fachmannes bitte, wie geht es mit den Schweizern weiter? Cappelli gelassen: «Weltmeister werden sie nicht, aber es ist eine Mannschaft mit hervorragenden Einzelspielern.

Wenn alles optimal läuft, können sie im nächsten Spiel auch Argentinien schlagen.» Schön, und wer wird Weltmeister? «Chile», kommt es wie aus der Pistole geschossen. Claudio Cappelli schaut bereits zum zweiten Mal auf die Uhr. Die Kaffeetasse ist leer. Er drängt zum Aufbruch, das Training mit seinen begeisterungsfähigen Jungtschüttelern steht an.