Neuerscheinung
Duchamp auf Pavel Schmidt-Art: In seinem neuen Buch dreht sich alles um defekte Urinale

Der Künstler Pavel Schmidt aus Solothurn realisiert in der Corona-Zeit ein seit über 20 Jahren anstehendes Buchprojekt. Es geht um Urinale.

Fränzi Zwahlen
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Pavel Schmidt in seinem Atelier in Derendingen.

Pavel Schmidt in seinem Atelier in Derendingen.

Tom Ulrich

Seit 20 Jahren beschäftigt sich Künstler Pavel Schmidt (65) mit Urinalen. Er fotografiert sie, wo immer er sie sieht - und zwar mit Vorliebe, diejenigen die defekt oder unbenutzbar sind. «Wie es im Lauf der Jahre so ging, stand ich immer wieder mal vor einem unbenutzbaren Pissoir.» Doch warum er gerade dieses Ding zu seiner Passion machte, erklärt er so: «Es sind Alltagsgegenstände, jeder kennt und jeder nutzt. Männer und manchmal sogar Frauen. Dennoch ist das, was dort vor sich geht, stark tabuisiert. Dieser Gegensatz Öffentlichkeit - Intimität ist es, was mich interessiert.»

Schmidt sieht sich in der Beschäftigung mit diesem Sanitärartikel in der Tradition des grossen Kunst-Erneuerers Marcel Duchamp. «Duchamp sagte, erst der Betrachter macht einen Gegenstand zur Kunst. Und seine Aussage kulminierte in seiner Ausstellung eines Urinals mit dem Titel Fountain 1917.»

Die Geschichte des Urinals von Duchamp

Damals besorgte sich Marcel Duchamp bei der New Yorker Firma «J. L. Mott Iron Works», Sanitärbedarf, ein Pissoirbecken, gab ihm den Titel Fountain, signierte es mit dem Pseudonym «R.[ichard] Mutt» und reichte es so für die Jahresausstellung der Society of Independent Artists in New York ein. Seine Einsendung wurde heftig diskutiert, denn Duchamp verstiess mit ihr bewusst gegen alle «Regeln» der traditionellen Kunst.

Er provozierte damit die Zurückweisung seines Werkes durch die Jury, der er selbst mit angehörte und aus der er nach der Zurückweisung des Werkes austrat. Fountain ist heute verloren. Nur eine Fotografie von Alfred Stieglitz zeigt das Objekt. «Die von Duchamp angestossene Kunst-Diskussion beschäftigt bis heute», so Schmidt. Auch ihn - und so kam er auf die Idee, überall auf der Welt defekte Pissoirs zu fotografieren.

Pavel Schmidt Hommage an Duchamp
4 Bilder
Unbenutzbar durch Weihnachtsstern.
Mit Abfallsack überzogen.
Oder mit neuem Kleid von Klebebändern «verziert».

Pavel Schmidt Hommage an Duchamp

Zvg

Ein Alltagsgegenstand wird Kunst, denn: «Es ist erstaunlich, wie kreativ die Menschen sind, um auszudrücken, dass ein Urinal nicht zugänglich ist». 104 dieser Aufnahmen sind nun in einem Fotoband zu sehen. Das Buch - mit je einem Aufsatz von Pavel Schmidt und Stefan Banz - ist dank Crowdfunding bei wemakeit möglich geworden. «Noch fehlt das Geld für die Druckkosten; doch es liegt vor», so Schmidt. Spenden sind also nach wie vor willkommen.

Schmidt, Pavel: «Duchamp defekt» Verlag art & fiction, Lausanne oder im Buchhandel.