Günsberg
Neuer Trend? Immer mehr Leute halten Hühner als Haustiere

Familie Nielsen aus Günsberg hält seit drei Jahren selber Hühner und ist damit nicht alleine. Warum Hühner im Trend sind und was Ohrläppchen mit der Eierfarbe zu tun haben.

Lara Enggist
Merken
Drucken
Teilen
Hühnerhaltung in Günsberg (März 2018)
21 Bilder
«Dass wir Hühner haben, ist unserer Tochter Julia zu verdanken», sagt Mutter Melanie Nielsen.
«Dass wir Hühner haben, ist unserer Tochter Julia zu verdanken», sagt Mutter Melanie Nielsen.
«Dass wir Hühner haben, ist unserer Tochter Julia zu verdanken», sagt Mutter Melanie Nielsen.
Nielsen würde ihre Hühner nicht als Nutztiere bezeichnen.
Nielsen würde ihre Hühner nicht als Nutztiere bezeichnen.
Nielsen würde ihre Hühner nicht als Nutztiere bezeichnen.
Nielsen würde ihre Hühner nicht als Nutztiere bezeichnen.
Nielsen würde ihre Hühner nicht als Nutztiere bezeichnen.
Nielsen würde ihre Hühner nicht als Nutztiere bezeichnen.
Nielsen würde ihre Hühner nicht als Nutztiere bezeichnen.
Nielsen würde ihre Hühner nicht als Nutztiere bezeichnen.
«Eher als Haustiere, welche uns beschenken», meint Nielsen.
Der Hühnerbestand in der Schweiz steigt immer weiter. 11,3 Millionen Tiere gackerten 2017 in Schweizer Hühnerställen. So viele wie noch nie.
Der Hühnerbestand in der Schweiz steigt immer weiter. 11,3 Millionen Tiere gackerten 2017 in Schweizer Hühnerställen. So viele wie noch nie.
Der Hühnerbestand in der Schweiz steigt immer weiter. 11,3 Millionen Tiere gackerten 2017 in Schweizer Hühnerställen. So viele wie noch nie.
Der Hühnerbestand in der Schweiz steigt immer weiter. 11,3 Millionen Tiere gackerten 2017 in Schweizer Hühnerställen. So viele wie noch nie.
Dieser Zuwachs liegt aber nicht etwa daran, dass nun auch private Haushalte Gefallen an Hühnern finden.
Dieser Zuwachs liegt aber nicht etwa daran, dass nun auch private Haushalte Gefallen an Hühnern finden.
Dieser Zuwachs liegt aber nicht etwa daran, dass nun auch private Haushalte Gefallen an Hühnern finden.
Dieser Zuwachs liegt aber nicht etwa daran, dass nun auch private Haushalte Gefallen an Hühnern finden.

Hühnerhaltung in Günsberg (März 2018)

Thomas Ulrich

Es ist Ende März, doch wirklich warm ist es noch nicht. Einzig die grünen Spitzchen an den Bäumen lassen erahnen: Der Frühling naht. Als Melanie Nielsen mit ihrer jüngsten Tochter Keira den Rasen betritt, rennt eine Gruppe von sieben Hühnern auf die beiden zu.

Als wäre es das Natürlichste der Welt, nimmt Nielsen eines der dunkelbraunen Tiere auf den Arm. Auf Augenhöhe blicken sich die beiden an, den Schnabel nahe am Gesicht. Von Berührungsängsten keine Spur. Das war aber nicht immer so. «Dass wir Hühner haben, ist unserer Tochter Julia zu verdanken», sagt Nielsen und setzt ihren Schützling wieder ins Gras. Sie habe irgendwo aufgeschnappt, dass man Hühner in einer Kiste ausbrüten kann. Mit Styropor und einer Lampe habe sie einen Brutkasten gebastelt und ein Ei aus dem Kühlschrank hineingelegt. «Das hat dann aber nicht funktioniert.»

«Zuerst war ich skeptisch»

Danach habe sie selbst begonnen, sich über Hühnerhaltung zu informieren; wie gross ein Gehege sein muss und wie man die Vögel am besten vor Füchsen schützt. «Zuerst war ich skeptisch, ob das wirklich gut kommt.» Die Familie hat im Garten einen Stall mit Auslauf gebaut und sich bei einem Bauern frisch geschlüpfte Küken geholt. Für den Stall brauche man eine Baubewilligung und die Tiere seien beim Amt für Landwirtschaft anzumelden. Doch es klappte alles, die jungen Hühner brüteten später sogar selber Küken aus. «Und dann kam der Fuchs, am helllichten Tag», sagt Nielsen und blickt zu dem Grüppchen, welches sich gemeinsam mit Hündin Leika um Keira geschart hat. Diese verteilt Mehlwürmer, was bei den Hühnern eine mittelschwere Hysterie auslöst.

Der Fuchs habe alle Hühner und Küken getötet. «Das war schon frustrierend.» Doch die Familie liess sich davon nicht entmutigen. Sie besorgte sich eine Brutmaschine, die Temperatur und Feuchtigkeit selber reguliert. Drei Wochen später schlüpften aus den Eiern sieben muntere Küken – vier Hühner und drei Hähne. Und wo sind die Hähne jetzt? Da verzieht Melanie Nielsen bedauernd das Gesicht. «Die mussten wir in die Metzgerei geben.» Junghähne beginnen nach einigen Monaten, früh am Morgen zu krähen. Beliebt mache man sich bei den Nachbarn dadurch nicht.

Im Garten ein paar Hühner zu halten, sei keine Hexerei. Am Morgen die Stalltür öffnen, Körner und Wasser geben und das Brett unter der Hühnerstange vom Mist befreien. Nielsen kann nachvollziehen, weshalb sich immer mehr Menschen dafür interessieren. Es habe wohl auch damit zu tun, dass man wissen wolle, woher das Essen kommt. «Den Bezug zur Natur wieder herstellen», wie sie es nennt. Sie kenne einige Nachbarn, welche auch Hühner halten – oder damit liebäugeln. Vielleicht ist es eine Art Kettenreaktion. «Wenn man bei anderen sieht, dass es gar nicht so schwierig ist, verliert man selbst die Hemmungen davor, Hühner zu halten».

So viele Hühner wie noch nie

Der Hühnerbestand in der Schweiz steigt immer weiter. 11,3 Millionen Tiere gackerten 2017 in Schweizer Hühnerställen. So viele wie noch nie. Dieser Zuwachs liegt aber nicht etwa daran, dass nun auch private Haushalte Gefallen an Hühnern finden. «Auf diese Zahl haben ein paar Hühner im Hinterhof keine Auswirkung», sagt Karl Heeb vom landwirtschaftlichen Bildungszentrum Wallierhof.

Pouletfleisch ist mager und im Vergleich zu anderem Fleisch eher günstig. Aus diesen Gründen ist der Pouletkonsum laut Heeb in den letzten Jahren enorm gestiegen. Schweizer Produzenten vermochten diesem Boom nicht nachzukommen, der Selbstversorgungsgrad in der Schweiz sank unter 50 Prozent. Heeb zufolge reagierten Grossverteiler darauf, indem sie versuchten, die Inlandproduktion von Poulet und Eiern zu fördern. Mit den Bauern schlossen sie Verträge, dass sie für eine gewisse Zeit die Abnahme von Poulet und Eiern garantierten. Dies spornte die Bauern an, auf die Hühnerzucht umzusteigen. Nun kommt Heeb zufolge wieder knapp über die Hälfte des konsumierten Poulets aus der Schweiz. Der grösste Teil der anderen Hälfte stammt laut dem Bundesamt für Landwirtschaft nach wie vor aus Brasilien. (LEN)

Eier legen ohne Stress

Inzwischen hat Nielsen das Gartentor geöffnet. Die Hühner verteilen sich, ihre adrette Haltung wahrend, in den Stauden rund um den Dorfbach. Nanu, eines der braunen Hühner fehlt. Ein Blick in den Holzstall verrät: Es hat sich unbemerkt zum Eierlegen ins Brutnest zurückgezogen. Im ersten Jahr lege ein Huhn ziemlich zuverlässig ein Ei am Tag. Die Menge geht aber ab dem zweiten Lebensjahr zurück. Für Legehennen in Grossbetrieben das Todesurteil, obwohl sie bis zu zehn Jahre alt werden könnten. Zu den vier (h)ausgebrüteten Hühnern holte die Familie drei ausgediente Legehennen dazu. «Auch sie wären auf der Schlachtbank gelandet», sagt Melanie Nielsen. Durchschnittlich vier Eier holt sie pro Tag aus dem Brutnest. «Das reicht, um sie auch an Freunde und Verwandte zu verschenken», sagt sie. Die Farbe der Eierschale könne man übrigens nicht am Federkleid erraten. Sondern an der Farbe des Ohrläppchens.

Inzwischen seien ihr die Hühner richtig ans Herz gewachsen. Nielsen würde die Tiere nicht als Nutztiere bezeichnen. «Eher als Haustiere, welche uns beschenken.» Und auch wenn sie keine Eier mehr legen, «sie dürfen so lange bei uns bleiben, bis sie von alleine sterben». Plötzlich erscheint das brütende Huhn im Stalltor, blickt sich um und stolziert mit ruckartigen Schritten in Richtung der pickenden Gruppe. Hinterlassen hat sie ein makelloses, noch warmes Ei.